Von Lateinamerika bis Kurdistan

Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz bleibt Schwerpunkten treu – kultureller Höhepunkt mit Jan Degenhardt

Von Ralf Richter

Was die Rosa-Luxemburg-Konferenz so interessant macht ist die bunte Mischung. Seit vielen Jahren werden bestimmte Schwerpunktthemen verfolgt. So ist auffallend, dass auf internationalen linken Konferenzen – auch und insbesondere bei der internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz – die Bedeutung des Spanischen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte ständig zugenommen hat und das hat viel mit den Entwicklungen in Lateinamerika zu tun. Es bewegt sich halt viel dort, egal ob es nun die guten alten Beziehungen zu Venezuela, Kuba oder Nikaragua sind aber es gibt auch immer Bewegung in Bolivien, Kolumbien oder Ecuador, nicht zu vergessen Chile und Argentinien. Neben dem Schwerpunkt Lateinamerika geht es auch stets um politische Gefangene in den USA wie den afroamerikanischen Journalisten Mumia Abu-Jamaal oder die „Cuban 5“, fünf kubanische Kommunisten, die als „Terroristen“ inhaftiert sind in den USA.

Die „Bibliothek des Widerstandes“ des Verlages der die Konferenz organisierenden Tageszeitung junge welt, entwickelt sich auch ständig weiter, dokumentiert sie doch die politischen und sozialen Kämpfe. Bei den neuesten auf der Konferenz vorgestellten Büchern geht es um Hausbesetzungen. Es wurde jedoch nicht nur auf die Bücher hingewiesen sondern flankierend wurde ein Autor und Stadtsoziologe interviewt und zudem gab es – auch das gehört heute dank der neuen Medien immer öfter dazu – ein Video zu sehen.

Platz bleibt auch immer wieder für die überraschenden aktuellen Entwicklungen – so war es 2011 die große Debatte um die Kommunismus-Positionen der einstigen Vorsitzenden der Linken Gesine Lötzsch, die sie auf der Konferenz verteidigte und deren Rede es auf youtube heute noch zum Nachhören gibt. Auf den frischen neuen Afrika-Krieg (er hatte am Freitag nur Stunden vor der Konferenz mit dem Bombardement französischer Luftkrieger in Mali begonnen) wurde auf der Konferenz nicht weiter eingegangen – um so mehr aber auf die Morde in Paris. Die Porträts der in dem kurdischen Institut hingerichteten drei politischen Aktivistinnen wurden für die Dauer der Konferenz auf Fotos gezeigt, später wurden auch kurdische Verbände auf der Konferenz selbst aktiv und berichteten über die aktuellen Entwicklungen in der Türkei und in Paris im Zusammenhang mit den türkisch-kurdischen Verhandlungen, die auch immer stärker eine internationale Dimension annehmen. So wurde auf der Konferenz darauf hingewiesen, dass die PKK als terroristische Vereinigung in der EU verfolgt wird und somit wurde auch eine kritische Sichtweise auf die französischen Sicherheitsdienste zum Ausdruck gebracht: Wenn die französischen Geheimpolizei rund um die Uhr das kurdische Institut beobachtet, dann war es aus kurdischer Perspektive durchaus anzunehmen, dass die französischen Sicherheitsdienste Informationen zu den Mördern haben. Hier geht es um tiefe mögliche Verwicklungen von französischen und türkischen Geheimdienstkreisen – um so erstaunlicher war es dann zu erleben, dass der „syrische Krieg“ überhaupt keine Rolle auf der Konferenz spielte, obwohl auch hier das „kurdische Thema“ nicht zu unterschätzen ist.

Highlights waren die Auftritte des engagierten politischen Journalisten und Attac-Ehrenvorsitzenden Ignacio Ramonet, der die Verantwortung für die spanischsprachige Ausgabe der Le Monde Diplomatique und von Jan Degenhardt, des Sohnes des kürzlich verstorbenen Franz-Josef Degenhardt. Seine drei Lieder – davon ein spanisches – ließen die Erinnerungen an seinen Vater aufkommen, zeigen aber auch die Kontinuität politischen und sozialen Engagements beim Übergang vom Vater auf den Sohn – diese Übergangsstimmung vermittelten auch junge Latinos, denn selbstverständlich wird mit Sorge in ganz Lateinamerika der Gesundheitszustand von Hugo Chavez diskutiert. Doch genau so wenig, wie der Rückzug aus der Politik von Fidel Castro das kubanische sozialistische Projekt gefährden konnte, genau so wenig wird die soziale Bewegung Venezuelas und in Lateinamerika insgesamt erstarren, sollte einer ihrer wichtigsten Impulsgeber plötzlich nicht mehr da sein. Eine junge Generation steht bereit, die linken Ideen weiter zu tragen. Der Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung wird weltweit von Millionen Menschen weiter geführt – weil es gar keine Alternative gibt und das ist, bei allen Rückschlägen, die linke Bewegungen weltweit zu verzeichnen hatten und haben seit dem Ende des sozialistischen Systems in vielen Ländern, doch eine Perspektive, mit der man sich in lokalem, regionalen wie internationalem Rahmen weiter für linke Ideen weltweit engagieren kann, oder etwa nicht?