Von Stalingrad bis Timbuktu

Ein aktueller Zwischenruf von Pieter Potgieter

Es war ein Ereignis, das die Welt veränderte: Der Sieg der sowjetischen 62. Armee über die 6. Armee der Deutschen im Februar 1943 in Stalingrad. Eine Geschichte mit Dresden-Bezug übrigens, kam doch der Befehlshaber der 6. Armee Feldmarschall Paulus später an die Militärakademie und bezog ein Haus auf dem Weißen Hirsch. 500.000 Rotarmisten und 250.000 Deutsche, Italiener, Rumänen und Kroaten starben auf dem Schlachtfeld. Der Kampf und das Sterben dauerte 200 Tage, die Temperaturen sanken bis auf minus 43 Grad. Bürgerliche Medien in Deutschland beeilten sich, den Gegensatz zwischen „deutscher“ und „russischer“ (zeitweilig kam man nicht umhin von sowjetischer Sicht reden zu müssen, doch das wurde weitgehend vermieden) Sicht auf die Geschehnisse anzusprechen. Die Bundesregierung schickte den Botschafter Ulrich Brandenburg zur Gedenkveranstaltung. Keine Kanzlerin kam, kein Außenminister – auch von Vetretern der Linken wurde zumindest in der allgemeinen Medienberichterstattung nichts berichtet. Dafür kamen Vertreter der Partnerstadt Chemnitz. Der Sieg von Stalingrad leitete nicht nur die Wende des Krieges im Osten ein, sondern er zwang auch Amerikaner und Briten endlich die seit langem von den linken Bewegungen beider Länder geforderte „zweite Front“ zu eröffnen – woraus letztlich der Befreiungs-Mythos des D-Days entstand. (In Wahrheit fürchteten die Amerikaner den Durchmarsch der Roten Armee bis nach Madrid und wollten in Europa retten für den Kapitalismus, was zu retten war.) Besonders schmerzlich ist in diesen Tagen, dass sich der offiziellen Verlautbarung darüber, dass „die Deutschen“ den Krieg in Stalingrad verloren haben, kaum linke Stimmen entgegen stellen. Denn bis 1989 gab es eine andere Meinung im „anderen Deutschland“ zu Stalingrad – wo nach hiesiger antifaschistischer wie sowjetischer Auffassung die Befreiung begann. Wer sich aber dieser bürgerlichen Berichterstattung nicht entgegen stellt, akzeptiert nicht nur die Lüge von der „Kollektivschuld der Deutschen“, die es bis 1989 in Ostdeutschland nie gegeben hatte, sondern es wird auch vergessen zu thematisieren, dass die Rote Armee einen gerechten Krieg führte, während die faschistischen Kräfte einen Raubkrieg im Osten führten. Die Mär von der „Kollektivschuld“ erfanden nach 1945 am Rhein die Kräfte, die die Nazis an die Macht gebracht hatten und die die Kriegsziele im Osten definiert hatten, doch davon wollte man nach 1945 nichts mehr wissen. Genau so wenig, wie man 2013 daran erinnert werden will, wer die Millionen von Unternehmerseite in die Kassen der NSDAP spülte – und mit welchen Absichten und Erwartungen an die Wehrmacht und SS. Schon 1952 durften alle „Wehrwirtschaftsführer“ wieder die Kommandohöhen der westdeutschen Wirtschaft erklimmen – und bald produzierten die Boehringer Werke in Ingelheim Agent-Orange für die US-Army mit dem Vietnam besprüht wurde. Im Aufsichtsrat saß Richard von Weizsäcker, der hoch geschätzte ehemalige Bundespräsident. Doch das gehört nicht zu den historischen Kenntnissen, die Erwachsenen und Schülern vermittelt werden in diesem Land. Es gibt ja auch keinen Staat, der für das Nicht-Wissen über Krieg und Frieden verantwortlich zu machen wäre. Was gelehrt wird im Geschichtsunterricht, entscheiden die Länder. Die Kriegsziele wurden damals wie heute keinesfalls vom „deutschen Volk“ definiert sondern von den selbst ernannten „Eliten“ – doch über die Kriegsziele auch kein Wort in der Stalingrad-Ausstellung im Dresdner Militärhistorischem Museum.

Wer den Schlachtenlärm (man hörte ihn früher aus Boxen am riesigen Denkmal) von Stalingrad aus der Erinnerung an „Jugendtourist-Reisen“ auf Wolga und Don noch im Ohr hat, der lernte als junger Mensch etwas über Krieg und Frieden an Ort und Stelle. Doch einen Jugendaustausch mit Russland gibt es kaum und so wächst mittlerweile auch in Ostdeutschland eine Generation heran, die vom Zweiten Weltkrieg so wenig weiß, wie man im Westen schon seit 1945 vermittelt hat, wo man allen erzählte, dass sie irgendwie mitschuldig seien. Die wahren Schuldigen jedoch, die hinter den Nazis gestanden, sie gepäppelt und gefördert und ihnen die Ziele diktiert hatten konnten sich dahinter hervorragend verstecken. Bis heute. Vielleicht erinnert man am 13. Februar in Dresden auch einmal an Stalingrad. Linke politische Bildung hätte die Aufgabe zu thematisieren, dass „die Deutschen“ in Stalingrad den Krieg „nicht verloren“ haben. Denn dieser Krieg war kein Krieg des deutschen Volkes gegen das sowjetische, sondern ein Krieg, der geschürt und finanziert wurde von Groß-Kapitalisten, die bereits damals u.a. die Erdölfelder am Kaspischen Meer im Blick hatten … – so wie heute die französischen Streitkräfte die Uran-Lagerstätten für die 50 französischen Atomkraftwerke in der Sahel-Zone „retten“ sollen. „Die Menschenrechte“ waren der Armee nie einen Pfifferling wert. Aus Timbuktu zeigte man jubelnde Menschen-Massen. Die Wahrheit ist: 93 Prozent der Bevölkerung haben die Stadt längst verlassen, sie wollten nicht von den Franzosen „befreit“ werden. In der malischen Armee kursieren „Abschuss-Listen“ und in den „befreiten Gebieten“ wird gemordet, gefoltert und vergewaltigt – eine französische Militärzensur verhindert jede freie Medienberichterstattung darüber. Auch über Stalingrad gab es schon damals keine objektiven Berichte – im Krieg stirbt die Wahrheit immer zuerst.

DeutschlandradioKultur bietet einige interessante Informationen zum 70jährigen Jubiläum der Schlacht von Stalingrad.