„Die Spielekultur der DDR ist eigentlich völlig unbeleuchtet“

Die Fragen stellten Anja Eichhorn und Rico Schubert

Familienleben wird auch von den gesellschaftlichen Umständen geprägt. Ein Bereich, an dem das gut nachvollzogen werden kann, sind Gesellschaftsspiele. Martin Thiele und Michael Geithner haben es sich zur Aufgabe gemacht, Gesellschaftsspiele aus ihrer Kindheit zu sammeln und zu bewahren. Ihre Ausstellung „Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR“ zeigt Spiele, die damals nachgefertigt wurden – oft nach westlichem Vorbild. Ihre Premiere erlebte sie im Spielemuseum Chemnitz. „Links!“ sprach mit Martin Thiele (27) über das Projekt und die Spielekultur der DDR.

Herr Thiele, Ihre Ausstellung „Nachgemacht – Spielekopien aus der DDR“ ist noch bis Januar in der Dresdner Johannstadthalle zu sehen. Wie ist die Idee entstanden?

Wir hatten anfangs gar nicht gedacht, dass das alles so weit gehen würde – mit Ausstellungen, mit unserem Blog, den wir nachhaltig betreiben. Das ist während einer Spielerunde aus einer fixen Idee entstanden, als mein Partner Michael Geithner und ich überlegt haben, was eigentlich unsere Eltern damals so gespielt haben. Da haben wir beide festgestellt, dass wir nachgebastelte Spiele hatten, als wir noch klein waren, zu DDR-Zeiten. Teilweise waren die auch noch da, und wir haben uns entschlossen, rumzufragen, ob es noch weitere solche Spiele-Unikate gibt, die in der DDR handgemacht wurden. Wir haben kurzerhand einen Blog ins Leben gerufen und dann innerhalb kurzer Zeit tatsächlich viele Zuschriften bekommen.

Sie haben sich also mit der Spielekultur Ihrer Vorgängergeneration beschäftigt und angefangen, diese Spiele zu sammeln. Wie viele sind es jetzt insgesamt?

Zunächst war noch gar nicht daran zu denken, dass daraus eine Forschung zur Alltagskultur der DDR werden würde. Wir wollten mit einer kleinen Sammlung beginnen, vielleicht ein paar Bilder schießen. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir dann einige Spiele zusammen, und mit den Presseberichten kamen immer mehr und mehr dazu. Momentan haben wir 123 Spiele in unserer Sammlung, dazu eine Menge an dokumentarischem Material – handgeschriebene Aufzeichnungen über Spiele, Fotos, Audiobeiträge, Videos und sogar eine Stasi-Akte zu einem der Spiele.

Haben Sie die Menschen, die Spiele zur Verfügung gestellt haben, auch getroffen? Es geht ja sicher um ganz persönliche Erfahrungen, wenn sogar die Stasi involviert war.

Man muss klar sagen, dass die Spiele an sich der Zugang zu den Leuten gewesen sind. Wir legen einen großen Fokus auf die einzelnen Personen, und wir würden über die Spiele gern etwas zu ihrer persönlichen Geschichte erfahren. Man trifft so zum Beispiel ein junges Mädchen, das damals ein Spiel gebastelt und damit ihre persönlichen Erfahrungen verarbeitet hat. Ein anderer Spieler hat seine gesamte Heimatstadt auf einem Monopoly-Brett aufgearbeitet. Das geht bis hin zu politisch brisanten Themen, dazu, dass jemand unter anderem wegen eines Spieles bespitzelt worden ist. Die Geschichten der Leute interessieren uns in erster Linie, und die versuchen wir auch immer auf unserem Blog zu veröffentlichen.

„Monopoly“ scheint ja einer der Favoriten gewesen zu sein.

Auf jeden Fall. Wir wurden neulich einem Interview gefragt, welches Spiel in der DDR am häufigsten gespielt wurde, und wir mussten halbernst antworten: wahrscheinlich Monopoly. Unter den Spielekopien, die wir haben, ist ein überwiegend großer Teil Monopoly-Kopien, vielleicht ein Viertel. Das Interessante ist dabei, dass Monopoly mit den Feldern, den Ereigniskarten eine sehr gute Möglichkeit bietet, ein Spiel zu individualisieren und es auf die eigene Lebensrealität zu münzen. Da haben wir zum Beispiel eine ganz brisante Ereigniskarte, die wir auch mit einer Großfotografie ausstellen. Darauf steht: „Du hast einen politischen Witz gerissen. Deswegen musst Du jetzt ins Z3 und den Plan erfüllen.“ Mit Z3 war das lokale Zementwerk gemeint, wo die kurzzeitig Inhaftierten hinkamen. Das Spannende dabei ist, dass das auf wahren Ereignissen beruhte – der Nachbar des Bastlers hatte das selbst erlebt.

Monopoly ist ja auch ein sinnbildlich kapitalistisches Spiel. Wie erklären Sie sich, dass gerade das so oft nachgebaut wurde?

Zu diesem Thema bin ich selbst noch ein bisschen unentschieden, denn wir wissen bis heute nicht, wie die Rechtslage dazu war. Es ist wohl so gewesen, dass das Spiel in mehreren Fällen weggenommen wurde, wenn es zum Beispiel offen in bestimmten Kreisen kursierte, also zum Beispiel bei der NVA. Wir wissen auch, dass es ein Einfuhrverbot dafür gab. Trotzdem haben es die Leute nachgebaut. Das liegt auch daran, dass Monopoly damals ein sehr gutes Spiel war – man konnte es zum Beispiel mit vielen Leuten spielen. Dass man darin eine Kapitalismus-Sehnsucht erkennen kann, würde ich auf jeden Fall verneinen. Es ist natürlich naheliegend, dass diese Frage auftaucht, weil man mit dem Spiel in eine andere Lebensrealität als den Sozialismus eintritt. Man muss aber auch sagen, dass man spätestens nach dem ersten Monopoly-Spiel erkennen müsste, dass es eigentlich das beste Lehrstück gegen den Kapitalismus ist. Denn am Ende ist es ja ganz so, wie Karl Marx prophezeit hat: Einer, der Monopolist, ist reich, und zwar auf Kosten von allen anderen, die bankrott sind.

Warum ist es für junge Menschen wichtig, sich mit der (Alltags-)Geschichte der DDR zu beschäftigen?

Wir bemerken bei diesem Projekt und auch in der Zusammenarbeit immer wieder, dass wir ganz vorsichtig sein müssen. Wir müssen eine Gratwanderung zwischen zwei Polen hinbekommen: Der eine Pol sind Leute, die uns gerne in eine Ostalgie-Schiene drängen würden, die andere Seite sind diejenigen, die DDR-Bashing betreiben, also immer vom „Unrechtsstaat“ reden und sich über den segensreichen Kapitalismus freuen, der Monopoly nicht mehr verbietet. In diesem Spannungsfeld betrachten wir das Projekt inzwischen als ein Stück Aufarbeitung von Alltagskultur. Das Thema Spielekultur in der DDR ist eigentlich völlig unbeleuchtet. Was uns persönlich angeht, so begeben wir uns sehr gerne in die Rolle der Zuhörer, nicht der Erzähler. So kommt man schnell von Spielen auf die größeren Dinge des Lebens, auch die Politik. Dadurch habe ich auch eine ganze Menge über meine DDR-Herkunft entdeckt, die bisher in meinem Leben keine große Rolle spielte. Ich habe nach 1990 wie viele andere meine Ost-Heimat verlassen und lebe seither in Westdeutschland oder im Ausland, und habe über das Projekt wieder einen Bezug zum Osten hergestellt. Auch zu meinen Eltern, die sonst immer relativ wenig über ihre Ostvergangenheit erzählen. Es hat also auch eine private Bedeutung für uns DDR-Kinder, die sich an Weniges erinnern, aber eben an die Spiele.

Was kann man allgemein zur Spielekultur in der DDR sagen?

Die Produktionsbedingungen waren relativ schlecht, es wurden Spiele produziert, aber mit einer Qualität, an der man schnell den Spaß verloren hat. Darüber hinaus waren die Spiele relativ simpel. In den 80er Jahren wurden die Spiele im Westen komplexer, strategischer, aber die DDR blieb auf diesem Feld zurück. Das ist eigentlich komisch, weil die Spieleindustrie in der DDR subventioniert wurde. Einige Spielebastler gaben ihre eigenen Ideen sogar an die Verlage, an die VEB weiter, und erhielten überwiegend ablehnende Antworten, etwa weil die Herstellung zu kompliziert gewesen wäre. Der Gründer des Deutschen Spielemuseums, Peter Lemcke, hat die These aufgestellt, dass die DDR-Führung die Bürger ganz bewusst vom Querdenken abhalten wollte, weswegen man die Entwicklung von Spielen nicht vorangetrieben habe. Das halte ich für Quatsch, es gibt zumindest keine validen Beweise dafür. Die DDR war sehr gut bei Spielen mit pädagogischem Hintergrund vor allem für Kinder, das war sehr wichtig. Freies Spielen wurde weniger stark gefördert. Das Nachmachen von Spielen war nicht verboten, nicht verpönt, ganz im Gegenteil. Es haftete der Kultur ein bisschen an.

Welche Materialien hat man denn zum Nachbauen verwendet, etwa für die Spielfiguren?

Das hing davon ab, zu welchen Materialien die Leute überhaupt Zugang hatten. Wir haben zum Beispiel einen Bastler, der alles aus Aluminium hergestellt hat, weil er in einer Aluminiumfabrik gearbeitet hat. Ein anderer hat immer kleine Holzelemente eingebaut, weil er in einer Möbelfabrik tätig war. Ganz interessant ist auch, dass wir zum Teil Materialien entdecken, die wir selbst heute gar nicht mehr kennen, zum Beispiel Suralin.

Wenn man das Thema Nachmachen in die heutige Zeit überträgt, stellt man fest, dass es im Internet sehr viele Videos gibt, wie man selbst beispielsweise Stühle nach Modellen nachbauen kann, oder es gibt Menschen, die in einer Selbstorganisation versuchen, Leuten zu zeigen, wie man selbst Sachen bauen kann. Ist das ein Trend, sind vielleicht sogar Parallelen erkennbar?

Ich halte es für einen Trend, ja. Es gibt ja beispielsweise Ausstellungen zum Thema do-it-yourself, zum Basteln, oder zu Schmuck und Kram, der selbst hergestellt wird. Der große Unterschied ist natürlich der Antrieb zum Basteln. Damals bestand der allem voran im Mangel, die Leute haben sich selbst geholfen. Der Antrieb heute ist eher die Lust auf die Arbeit mit den eigenen Händen, weil wir einfach so wenig selbst produzieren. Das zeigt sich auch ganz stark im Spielebereich. Spiele finden heute vor allem auf dem Tablet-PC oder auf dem Smartphone statt. Das ist eine Welt hinter einer Glasplatte, die gar nicht mehr dieses unmittelbare haptische Erlebnis bietet, das unsere Eltern oder wir als Kinder noch erlebt haben. Daraus entsteht ein bisschen die Sehnsucht, mal wieder selbst etwas zu bauen.

Welche Planungen gibt es für den Fortgang der Ausstellung?

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung ausgelegt, und wir versuchen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen. Nach Dresden stehen weitere Museen auf dem Plan, genaue Termine stehen aber noch nicht fest. Im nächsten Jahr wird die Ausstellung auf jeden Fall im DDR-Museum in Berlin zu Gast sein, auch im Spielearchiv Nürnberg.

Ist eine Publikation zum Thema geplant oder bleibt das Ganze auf das Internet beschränkt?

Im Gegenteil. Das DDR-Museum in Berlin bringt ein Buch von Michael Geithner und mir heraus, das wird voraussichtlich im März erscheinen. Das ist eher niedrigschwellig, mit vielen Bildern, Anekdoten, Zitaten, aber auch einigen Fachtexten. Nächstes Jahr werde ich auch meine Promotionsarbeit zu diesem Thema beginnen.

Infos zur Ausstellung gibt es unter www.nachgemacht.de

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