Gentrifizierung? Oder nicht

Strategien gegen soziale Ausdifferenzierung gibt es seit 1991 in Leipzig

von Siegfried Schlegel Stadtrat und Mitglied im Aufsichtsrat der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft

Im Artikel „Eine Stadt hat eine politische Aufgabe“ in der Ausgabe 05/2012 von Links! wird „Kampf der Gentrifizierung“ wie eine „Sau durchs Dorf“ getrieben und dafür ein Interview mit Prof. Dr. Rink vom Leipziger Leibnitz-Institut bemüht. Dabei benutzt er die gebräuchliche Definition von Gentrifizierung als die überwiegende Verdrängung einer ärmeren Bewohnerschaft durch Mittelschichten in einem Stadtteil, wie dies erstmals in den 1960er Jahren für Städte in England beschrieben wurde. Gentrifizierung beschreibt damit aber nur eine von mehreren Formen der sozialen Ausdifferenzierung. Analogien zu England in den 60-er Jahren gibt es im Leipziger Westen in der Weise, dass mit dem Wegbrechen der Industrie sich der legendäre Londener Nebel abschwächte und sich die Luft in den Industriestadtteilen und jenen Vierteln, über die die Industrieabluft einst hinweg zog, stark verbesserte. Deshalb waren in diesen Londoner Stadtteilen im 19. Jahrhundert einst die Arbeiterquartiere entstanden. Nun wurden solche Wohn- und Industriequartiere auch für andere soziale Schichten und ebenso für Investoren interessant. Deshalb sind Probleme in Leipziger Stadtteilen, wie im Sanierungsgebiet Connewitz, in Plagwitz oder im Sanierungsquartier Windmühlenstraße am Stadtzentrum mit „Gentrifizierung“ allein nicht beschreibbar. Wenn die Entwicklung vom Arbeiter- hin zum Künstlerviertel wie in Leipzig-Plagwitz mit ärmeren Schichten zu reicheren Schichten gleichgesetzt wird, ist dies unzutreffend, da die meisten Künstler, wie auch andere Berufsgruppen, vor allem „Überlebenskünstler“ sind. Jene Künstler, die sich etabliert haben und davon richtig gut leben können, lebten schon früher und leben auch heute nur selten in diesen Stadtteilen. Hingegen sind die Stadtteile Plagwitz und Lindenau vor allem für zahlreiche junge Künstler wegen der nachgenutzten Werkhallen zu Ateliers und Werkstätten interessant.

Bereits 1991 forderte die PDS-Fraktion der Leipziger Stadtverordnetenversammlung im Wissen um Chancen und Risiken des entstehenden kapitalistischen Wohnungsmarktes, Gegenstrategien zur sozialen Entmischung zu entwickeln. In Leipzig tätige Westfachleute bejahten zwar deren Notwendigkeit, bezweifelten aber den Erfolg. Strategien zum Erhalt der rationell und preisgünstig zu sanierenden getypten Vor- und Nachkriegs­bauten sowie zur Sicherung eines möglichst hohen kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsanteils waren erfolgreich. Nicht nur von der Leipziger PDS wurde seit 1993 immer wieder betont, dass Wohnen nur dann langfristig bezahlbar ist, wenn die Unterhaltung der Wohnungen für die Vermieter kostendeckend sind.

Die Strategien der Linksfraktion werden bei der Stadterneuerung im Stadtrat und von deren Vertretern im Aufsichtsrat der kommunalen Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) bis heute konsequent vertreten. Innerstädtische kommunale und genossenschaftliche Bauten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts und zwischen 1945 bis 1970 in Baulücken sowie ab Anfang den 1980-er Jahr neu entstanden, wurden seit 1990 ebenso wie die Gründerzeithäuser weitgehend saniert.

Im mondänen Waldstraßenviertel wurde mit „Lloyds Hof“ ein Wohnquartier mit zahlreichen sozialgebundenen Wohnungen neu gebaut. Gleichfalls Mitte der 90er Jahre erzwangen Mieterinnen und Mieter der Inneren Westvorstadt, der Straße des 18. Oktober und der Holsteinstraße mit Unterstützung von PDS-Stadträten die Zurücknahme einer an hohen Architektenhonoraren orientierten, überzogenen Sanierung und Modernisierung. Sie setzten die Umsetzung vernünftiger Modernisierungs- und Sanierungsstandards durch. Dies führte zu langfristig bezahlbaren Mieten in diesen Stadtteilen. Diese sanierten Wohnungen in den innerstädtischen Stadtteilen weisen nur einen geringen Leerstand auf. Die LWB führt diese Politik bis heute fort. Auch die Wohnungsbaugenossenschaften orientieren sich bei Vermietung und Unterhaltung, Sanierung oder Modernisierung und beim Neubau an den Einkommen ihrer Mitglieder. An nur gering über der Kostendeckung liegenden Nettokaltmieten orientieren sich auch private Vermieter bei der Sanierung und Modernisierung in der Großwohnsiedlung Grünau. Mit der durch politischen Druck von LINKE und Grüne in Leipzig erfolgten Anhebung der Kosten der Unterkunft haben auch Betroffene die Chance in guten Lagen eine sanierte Wohnung mit zeitgemäßem Standard zu erhalten.

Quelle  Flickr   Autor  Herr Böb – marcuspink.com
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