Was heißt „gutes Leben“?

IG-Metall - Arena-Veranstaltung "Gutes Leben"

von Rainer Thiel

Das »gute Leben«, in dem man sich wohlfühlt, braucht zum Beginn eine Portion Glück mit den Eltern. Die Eltern können Verständnis für ihre Kinder haben. Dann verbieten sie ihnen nicht, ihre kindlichen Fragen zu stellen. Die Kinder bewahren ihre kindliche Neugier, und nicht verbogen wird ihnen ihr Rückgrat. Deshalb werden sie auch ihren eigenen Kindern das Rückgrat nicht verbiegen. Das ist Glück hoch zwei. Und alle werden sie in ihrem Berufe rebellieren. Ich kann bezeugen: Das ist interessant.

In meinem Beruf habe ich oft rebelliert, weil ich erkannte, was nottut. Noch heute habe ich interessante Arbeit, als Rentner. Mitstreiter aus Bürger-Initiativen rufen bei mir an. Auch Kollegen von früher rufen bei mir an, sie erinnern sich unserer gemeinsamen Arbeit für unsere Mitmenschen. Solidarität gehört zum »guten Leben«. Und eine intakte Natur gehört dazu. Ich weiß, wie gelb der Ginster und wie blau die Kornblume blüht und wie sich der Ahorn färbt im Frühjahr und im Herbst. Mein Glück möchte ich anderen Menschen mitteilen, das gehört zu meinem Glück.

Bündig und kurz: »Die Materie lacht in poetisch-sinnlichem Glänze den ganzen Menschen an«. So hat es ein Philosoph ausgedrückt, mit Vornamen Karl. Aber kaufen, kaufen, kaufen, um nichts als Gegenstände zu haben? Der Philosoph mit dem Nachnamen Marx hatte das verworfen: »An die Stelle aller physischen und geistigen Sinne ist […] der Sinn des Habens getreten«. Das nannte er Entfremdung des Menschen von sich selber.

Nun höre ich von erwachsenen Leuten: Ja, das »gute Leben«, aber wir leben ja im Neoliberalismus, da kann jeder machen, was er will, und wenn er eben einen Porsche haben will, dann muss er ihn auch haben. Aus dem Haben an Sachen wird leicht ein Haben von Macht.

In der Zeit der Französischen Revolution, als der Liberalismus, der Kapitalismus, noch unschuldig war, als seine freiheitsliebenden Philosophen die Welt neu zu sehen lernten, hatte Immanuel Kant geschrieben: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne«. Ein paar Jahrzehnte später war der Kapitalismus mit seiner Industrie schon weit fortgeschritten. Da hat Karl Marx das Prinzip von Immanuel Kant fortgeschrieben, nämlich so: »Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und sie haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen«.

Nun werden wir unseren Mitbürgern, den Nutznießern der Erde, nicht die Pistole auf die Brust setzen, wie man das im Krimi sieht. Aber im Sinne von Immanuel Kant sind wir verpflichtet, ihnen ins Gewissen zu reden: Wir haben als boni patres familias, als Väter und Mütter unseren Nachkommen, die Erde verbessert zu hinterlassen. Das heißt Einschnitte zu machen an den bisherigen Formen des Wachstums.

Wie viel Benzin darf ein Auto verbrauchen? Wie oft dürfen wir ein Flugzeug benutzen? Können wir zulassen, dass jeder Haushalt zwei Kilo Papier pro Woche ins Haus bekommt, die zum Kauf von immer mehr Sachgütern aufhetzen? Können wir da einfach nur sagen: Jeder Mitbürger möge unter »gutem Leben« verstehen, was er will?

Wir können viel Genuss gewinnen. Wir brauchen nur zu unterscheiden zwischen Reichtum im Sinne der Kapitalgesellschaft, dem Kapitalo-Reichtum, und andererseits dem menschlichen Reichtum, mit dem jeder glücklich sein kann, falls er versteht, seinen Kopf zu gebrauchen in menschlich-sittlichem Sinne.

In diesem Sinne wird von Oskar Negt ein Dreisprung vorgeführt: Freiheit kann nur gedeihen, wenn jeder seinen Kopf gebrauchen kann. Jeder kann nur dann seinen Kopf gebrauchen, wenn ihm »ein hohes Maß von Wissen zur Verfügung steht«. Und Wissen heißt, die Folgen des eigenen Handelns oder Zögerns beurteilen zu können. Das entspricht den Freiheitsauffassungen von Hegel, Marx und Engels. Da sieht es nicht gut aus mit der Freiheit in der Bundesrepublik, denn hier wird fast alles den betriebswirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Dann heißt es gar noch, das wäre »alternativlos«.

Neugier, Verstehen und Begreifen, Lernen und Wissen kann zum Genuss werden, beginnend in Familien und Kindertagesstätten. Statt eine Menge zu haben, gewinnen Menschen an Fähigkeit, die Welt zu genießen. Damit alle Menschen die Fähigkeit dazu erwerben, brauchen wir beträchtliches Wachstum der Staatsausgaben für Bildung und Fortbildung. Dann gewinnen wir auch Millionen Mitbürger für die ökologische Transformation. Wir haben eine menschliche Welt zu gewinnen.

Bild: von sualk61@flickr