…und morgen das ganze Land

Das neue Buch von Michael Kraske und Christian Werner kurz rezensiert von Rico Schubert in ### 7-8 2008

Anti-Nazi-Pochoir


„Anti-Nazi-Pochoir“
Bild: No Pants Day ;-), bestimmte Rechte vorbehalten

Die beiden Autoren Michael Kraske und Christian Werner bringen harte Fakten anschaulich illustriert anhand zahlreicher Interviews – mit Opfern und Streetworkern, mit Aussteige-Helfern und Verfassungsschützern.
Anschaulich ist hier vielleicht das falsche Wort, sind doch einige der beschriebenen Nazi-Übergriffe an der Grenze des Erträglichen. Dennoch: Nicht erst seit den aktuellen Kommunalwahlen in Sachsen, bei denen es der NPD gelungen ist, in alle zehn Kreistage mit Ergebnissen um die 5 Prozent einzuziehen (siehe nebenstehender Artikel), muss man konstatieren: Eine neue Nazi-Kultur erobert das Land.
In neun Kapiteln zeigen die Autoren die mittlerweile fast akzeptierte Normalität von rassistischen Stereotypen, die dann schnell in Verbindung mit Antisemitismus und Rassismus zum Neofaschismus mutieren. Wer denkt im Fußballstadion oder im Feuerwehrverein oder beim Nachhilfeunterricht an die NPD? Leider gehen diese Herren (Frauen sind bei Nazis auf Gebärmaschinen und „funktionieren“ reduziert) aber über genau diesen Weg, denn: „Wichtigste politische Waffe für den ‚Kampf um die Köpfe‘ wurde rechte Sozialarbeit. Die soziale Maske wirkt auf Unbedarfte anziehend. Vielen Müttern scheint es nichts auszumachen, ihr Kind auf einer nationalen Hüpfburg toben zu lassen.“Schön, dass das Buch auch auf die Theorien eingegeht, die das Entstehen von Neofaschismus unterschiedlich beschreiben.

Erst der 8. Juni 2008 hat einige dieser Theorien wieder ans Licht gebracht. Etwa die Desintegrations-Theorie, wonach besonders die von der Gesellschaft abgehängten, die sich im sozialen Wandel als Verlierer empfinden, und in ihrer Orientierungslosigkeit anfällig sind, für die vermeintlich einfachen Lösungen der Nazis. Gern wird auch die Arbeitslosigkeit als Ursache herangezogen: „Politiker stellen nach rechtsextremen Wahlerfolgen gern die simple Gleichung auf: Hohe Arbeitslosigkeit gleich hohe Politikverdrossenheit gleich viele rechte Stimmen.“ Hier genügt aber ein genauerer Blick auf die Zahlen, der zeigt, dass das nicht stimmt. Zwar sind im ostsächsischen Raum viele arbeitslos, aber nicht in der Sächsischen Schweiz. Und im Leipziger Raum, der nach Bautzen die meisten Arbeitslosen hat, entsprechen die Zahlen auch nicht dieser einfachen Theorie.Die Autoren berichten über den bereits vollzogenen Strategie- und Imagewechsel der Neonazis, und beschreiben das. am Beispiel der für die Jugendkultur wichtigen Bestandteile Musik und Kleidung.

Der Kampf gegen das Nazi-Label Thor Steinar und die CD-Verteilaktionen auf den Schulhöfen sind zwei Beispiele. Werner und Kraske zeigen, wie erfolgreich der „dreifache Kampf – um die Köpfe, um die Straße, um die Parlamente“ ist, denn das ist das eigentlich erschreckende: Nur bei Großereignissen, seien es Wahlen, sei es Gewalt bei Fußballspielen, oder bei einzelnen Übergriffen, schreckt die Öffentlichkeit auf. Das Buch zeigt, was bislang gegen die Gefahr von rechts getan wird – und was getan werden müsste. Ein wichtiges und lesenswertes Buch. Die Autoren stehen für Diskussionsrunden zur Verfügung.

…und morgen das ganze Land. Neue Nazis, „befreite Zonen“ und die tägliche Angst – Ein Insiderbericht.
ISBN: 3451030047, Herder Verlag GmbH, 17,90 Euro

Zemanta Pixie