Nora Goldenbogen: „Zivilcourage“ muss man lernen

Links! sprach mit Nora Goldenbogen, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Dresden, über Hatikva, die Jüdische Gemeinde, historisierenden Kitsch in der Architektur und vor allem über Zivilcourage

 

Sie sind seit 15 Jahren im jüdischen Leben Dresdens aktiv, unter anderem als Leiterin von Hatikva. Was macht der Verein Hatikva?

NORA GOLDENBOGEN: Ha-Tikva ist hebräisch und heißt auf deutsch „die Hoffnung“. Wir haben uns eigentlich schon 1990 gegründet, aber da waren wir erst mal Teil eines anderen Vereins, eines Geschichtsvereins. Wir sind Leute gewesen, die etwas für die jüdische Geschichte und Kultur hier in Dresden und Sachsen bewegen wollten, denn das Thema Jüdisches in der Region und in der Stadt ist doch ziemlich unterbelichtet gewesen. Es gab da in Kreisen der Kirche schon viel früher Anstrengungen: Seit 1982 gab es hier in Dresden den Arbeitskreis Begegnung mit dem Judentum, in dem auch ganz unterschiedliche Leute, nicht nur aus christlichen Kreisen, mitgearbeitet haben. Aber das ist von einem Teil der Bürger gar nicht zur Kenntnis genommen worden, nur von denen, die sich wirklich dafür interessiert haben.

Wir haben also 1990 gesagt, wir wollen etwas in der Richtung machen, aber nicht stark konfessionsgebunden. Wir wollten vor allen Dingen die Leute erreichen, die man aus der Kirche heraus nicht erreicht. Wir wollten den historischen und kulturhistorischen Aspekt betrachten, nicht bloß den interreligiösen Dialog. Weil es wirklich die Erfahrung war, dass das ein Gebiet war, das in der DDR – und nicht bloß hier in Dresden – sehr vernachlässigt wurde.Was ist in der Stadt passiert, wo haben hier Juden gelebt, wo kommen sie her, wie lange gibt es schon eine Geschichte der Juden in Dresden oder in Leipzig? – Da gab es in fast allen Städten, auch schon in der DDR, Leute, die sich damit beschäftigt haben, aber es ist nicht so in die Öffentlichkeit gekommen. Unser Wunsch war es, genau das zu machen. Und gleichzeitig einen Ort zu schaffen, wo Leute hinkommen und sich informieren können. Wir haben dann 1992 als eingetragener Verein mit eigenen Räumen eine Begegnungsstätte in der Pulsnitzer Straße in der Neustadt, am alten jüdischen Friedhof eröffnet. Und wir hatten das Glück, damit von Anfang an auch einen Ort zu haben. Wir haben dort eine Bibliothek aufgebaut, die mittlerweile 3.000 Bände hat. Wir haben von Anfang an sehr viel Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche gemacht, die zu uns gekommen sind, kleine Seminare, Rundgänge über die jüdischen Friedhöfe, zur alten Synagoge in der Fiedlerstraße, die schon zu DDR-Zeiten existierte – heute machen wir das in der neuen Synagoge. Wir haben Vorträge angeboten und Veranstaltungen zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rechtsextremismus, zu Zeiten, wo das noch nicht so auf dem Tableau stand – denn das war ein Thema schon in den 90er Jahren, das ist kein neues. Wir haben über diese Sachen schon berichtet, bevor die großen Friedhofsschändungen waren. Auch hier in Dresden war 1993 eine ganz schlimme auf dem neuen jüdischen Friedhof.

„In Dresden wuchs die Mitgliederzahl so von 61 auf jetzt mehr als 720.“

 

Mittlerweile ist der Verein 15 Jahre. Aber, wie gesagt, 17 Jahre existieren wir eigentlich schon. Und wir haben ein breites Feld mittlerweile, auch mit einer sachsenweiten Ausrichtung. Zu uns kommen Besucher und vor allen Dingen Kinder und Jugendliche aus ganz Sachsen. Wir haben bis 5.500 Jugendliche pro Jahr, die unsere Veranstaltungen besuchen. Wir sind auch ein landesweit agierender Träger der freien Jugendhilfe, also für außerschulische Bildungsarbeit. Wir haben in dem Sinne auch ein Stück von der Stadt Dresden gefordert und werden auch gefördert, vor allen Dingen für unsere Erwachsenen-Bildungsarbeit, und wir haben ein breites Kulturangebot, was jetzt, seit das neue Zentrum hier existiert, natürlich noch mal eine ganz andere Dimension bekommen hat. Weil das Interesse auch viel größer ist jetzt.

Jüdische Gemeinde

Mit dem Neubau der Synagoge hat ja eigentlich die Jüdische Gemeinde zu Dresden wieder ein ansprechendes Zentrum gewonnen, was auch architektonisch sehr interessant ist. Wie ist das jüdische Leben in Dresden heute?

NORA GOLDENBOGEN: Es hat – gegenüber den 90er Jahren – in vielerlei Hinsicht eine völlig neue Dimension gewonnen. Ich habe ja zur Jüdischen Gemeinde schon vor 1989 gehört. Damals war es eine ganz, ganz kleine Gemeinde. 1989 gehörten zur Dresdener Gemeinde noch 61 Mitglieder. Und mit diesem 61 Mitgliedern war die Dresdner Gemeinde die größte in Sachsen. Das ist eine besondere Geschichte, weshalb das so gekommen ist.

Aber es hat eine zweifache Veränderung gegeben, vor allen Dingen nach 1989 durch die Zuwanderungen nicht bloß in den Osten, sondern insgesamt. 1990 begann die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, schon unter Modrow, 3.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion pro Jahr konnten nach Deutschland kommen. Mittlerweile ist die jüdische Gemeinschaft in ganz Deutschland von ungefähr 30.000 auf 110.000 angewachsen. Und das sind nur die, die wirklich in den jüdischen Gemeinden Mitglied sind, es gibt noch mehr Zuwanderer, die sich den Gemeinden nicht angeschlossen haben. In Dresden wuchs die Mitgliederzahl so von 61 auf jetzt mehr als 720. Man sieht eine wahnsinnige Veränderung, eine mehr als Verzehnfachung. Das ist etwas, das das Ganze verändert hat.

Leipzig kämpft noch drum. Und wie!“

Die zweite Geschichte sind natürlich die Chancen, die wir mit diesem Gemeindezentrum bekommen haben. Das ist 2001 eröffnet worden, wäre zehn Jahre vorher nicht notwendig gewesen, da war die Gemeinde einfach zu klein. Wir hatten hier in Dresden – und haben es auch noch – ein Haus der Gemeinde auf der Bautzner Straße 20, das ist ein normales Wohnhaus gewesen, mit 2 Etagen Büro und Gemeindesaal. Und wir hatten die 1950 geweihte Synagoge auf der Fiedlerstraße, am jüdischen Friedhof; so ähnlich wie in Leipzig, dort ist die Synagoge in der Keilstraße. Und in Chemnitz ist in den 60er Jahren ein neues Gemeindezentrum entstanden, mit Gebetssaal; das ist aber inzwischen abgerissen, und dort ist auch eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum gebaut worden. Leipzig kämpft noch drum. Und wie!

Wir haben das Glück gehabt, als erste. Und das nächste, was die Dimension hier in Dresden ein bisschen verändert hat, ist, dass wir hier einen absolut präsenter Platz bekommen haben, neben den berühmten Gebäuden der Altstadt. Dadurch war von Anfang an klar, dass wir mit dem neuen Gemeindezentrum hier in ganz anderem Maße in der Öffentlichkeit stehen als vorher. Weder die Fiedlerstraße noch die Bautzener Straße waren Orte, wo die Leute die Jüdische Gemeinde wahrgenommen haben. Die Architektur, die ganz, ganz lange und viele Diskussionen hervorgerufen hat ist für manche Leute, die mit moderner Architektur gar nichts am Hut haben, noch immer ein Stein des Anstoßes. Viele haben sich daran gewöhnt, viele finden es schön – vor allen Dingen auch deswegen machen wir die vielen Führungen, damit die Leute auch moderne Architektur kennen lernen und überlegen, ob das nicht auch was ist, und nicht bloß immer Barock, oder nachgemachte Barockbauten, um das mal freundlich zu formulieren.

Über 90 Prozent der Leute kommen mit ganz anderen Eindrücken wieder raus, selbst wenn sie mit Vorbehalten rein gegangen sind. Da machen wir quasi noch etwas „Architektur-Bekanntmachung“ – dass Leute sich auch mit moderner Architektur einfach mal befassen, indem sie sie erfahren. Wir erklären auch viel, was die Bauidee dahinter war, warum die so aussieht. Sie hat ja innen auch noch mal eine ganz besondere Ausstrahlung. Das kriegen die Leute dann schon mit – selbst die mit Vorurteilen.

Dresdner Synagoge und historisierendes Dresden

 

Das ist ja natürlich auch gerade in Dresden schwierig, weil ja ohnehin hier eine sehr historisierende Bauauffassung herrscht. Das ist an anderer Stelle wahrscheinlich einfacher.

NORA GOLDENBOGEN: Ja, absolut. Dresden ist wirklich sehr auf die Geschichte und die historisierende Architektur und Stadtgeschichte und das Bauen in der Stadt bezogen. Das wäre in anderen Städten nicht so gewesen. Da sind wir nun wirklich provokativ hier. Ich habe manchmal gesagt, wenn die Jüdische Gemeinde nicht hätte selbst entscheiden können, ob es hier hin kommt, weiß ich nicht, was am Ende an Diskussion gekommen wäre. Es war ein internationaler Wettbewerb 1997, mit mehr als 50 Entwürfen. Das, was jetzt gebaut wurde ist der 3. Platz gewesen. Aber entschieden, was gebaut wird, hat am Ende die Gemeinde.

„Das, was jetzt gebaut wurde, ist der 3. Platz gewesen. Aber entschieden, was gebaut wird,
hat am Ende
die Gemeinde.“

Wenn man sich so die Diskussionen in der Architektur anhört – wer weiß, ob sie gebaut worden wäre. Ich mache relativ viele Führungen hier und auch Bildungsveranstaltungen für Erwachsene, und ich sage manchmal, es gibt fast keine wieder aufgebaute Synagoge in Deutschland. Das hat einen Grund: Die sind eben nicht im Krieg zerstört worden, sondern sie sind ein Jahr vor Kriegsbeginn zerstört worden, weil man den Juden signalisieren wollte, dass sie auf dem schnellsten Wege Deutschland verlassen sollen. Der 9. November war sozusagen der Übergang von der zunächst scheinbar verhaltenen Verfolgung und der gesetzlichen zur offenen. Dann kamen die ganz scharfen Verordnungen, dann beginnen die Deportationen. Das ist genau der Kipppunkt. Mit einer wieder aufgebauten Synagoge – weil viele fragen, warum die Semper-Synagoge nicht wieder aufgebaut wurde – hätte man genau diese Geschichte irgendwo verschwinden lassen.

Das charakterisiert den Bruch in der deutschen Geschichte.

NORA GOLDENBOGEN: Genau. Und das ist auch gewollt. Das war von den Architekten gewollt, und es ist auch von den meisten jüdischen Gemeinden gewollt, dass man das sieht. Es ist natürlich auch eine neue Phase, dass man das nicht mehr am Stadtrand macht. Nun ist das der alte Platz – das kommt hier in Dresden noch dazu – hier stand die Synagoge, wir sind sozusagen auf dem alten Platz. Mit dieser Schiene unten im Hof ist der Standort der alten ja sichtbar gemacht. Das ist insofern wirklich der Bezug. Man muss sich schon darauf einlassen, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, wenn man hier hereinkommt. Das halte ich persönlich für das beste, was es überhaupt gibt. Da brauchen Sie keine fünf Tafeln, die das alles erklären, sondern sie brauchen bloß gucken und in sich aufnehmen.

Wir nutzen es auch ganz bewusst für die politische Bildungsarbeit, diesen Kontrast zu erfahren. 90 Prozent der Kinder die hierher kommen, nehmen an, die Synagoge sei am 13. Februar zerstört worden, mit den Bomben, so wie die Stadt.

Die Auseinandersetzung, die wir hier am konkreten Ort führen können, ist stellvertretend dafür, dass der Zusammenhang zwischen nationalsozialistischer Verfolgung, dem Weggucken und der Bomben am 13. Februar deutlich wird. Man kann hier gut sehen, dass der 13. Februar eine Vorgeschichte hatte. Der Umgang mit dem 13. Februar wird ja in Dresden heftig diskutiert, immer noch.

 

„…man kann sich die Zeit nicht raussuchen, die man schön findet.“

Das führt dann zu solchen absurden Ergebnissen wie der Frauenkirche mit dem ganzen Ensemble herum, zu dem ich jedenfalls keinerlei Bezug aufbauen kann.

NORA GOLDENBOGEN: Das hängt damit zusammen, dass sozusagen ein Stück aus der Geschichte rausgefallen ist. Es wird etwas aufgebaut, was erstens so gar nicht existiert hat, insofern, weil der Neumarkt ja nicht so schön geputzt war, wie er jetzt aussieht – da waren viele Hinterhöfe usw. – zum zweiten, dass man natürlich zum Teil historisierend gebaut hat und nicht historisch. Das ging aus verschiedenen Gründen nicht, aber das merkt man auch.

Auf der anderen Seite sehe ich immer das Problem, dass man eine Stadt in ihren geschichtlichen Schichten erfahren können muss. Und das muss auch sichtbar bleiben. Die Wunden, die eine Stadt hatte, die unterschiedlichen Zeiten, die sie geprägt haben, es gab Zerstörung und Wiederaufbau, der dann entsprechend der jeweiligen Zeiten erfolgt ist. Und man kann sich die Zeit nicht raussuchen, die man schön findet.

Bei uns kommt eben noch dazu, dass hier nicht irgend eine Geschichte dazugekommen ist, die zufällig dieses Gebäude noch getroffen hat; sondern das war ganz bewusst. Das muss man deutlich machen.

Sächsisches Gedenkstättengesetz

In Sachsen gibt es das Sächsische Gedenkstätten- oder Stiftungsgesetz, es gibt einen Stiftungsrat, und es gibt eine Neuformulierung, und dennoch hat der Zentralrat der Juden erklärt, dass auch in dem neuen Stiftungsrat wiederum keine Mitarbeit erfolgt. Wo macht sich die Kritik fest?

NORA GOLDENBOGEN: Es geht immer noch darum, dass die Gewichtung nicht akzeptiert wird, also Richtung DDR-Geschichte gegen NS-Geschichte. Dabei geht es nicht um die Frage einer wie auch immer gearteten Parallelbetrachtung – ich will nicht sagen Gleichsetzung, weil ich glaube, das ist so nicht mehr drin – aber es gibt auch Zusammenhänge zwischen dem Nationalsozialismus und der Verfolgung nach 1945. Das hängt nun mal zusammen. Es ist an der Stelle für meine Begriffe eigentlich sehr, sehr wichtig, beide Sachen erst mal sehr sorgfältig zu betrachten und nicht zuzulassen, erstens dass man irgendeine Aufrechnung macht: unsere Toten, jene Toten – das ist schon ganz gefährlich; und zum zweiten ist es auch für die historische Forschung sehr, sehr wichtig, dass man beides genauer betrachtet und für sich betrachtet. Dann kann man darüber reden, historische Forschung im Vergleich zu machen; über Strukturen und über Mechanismen zu reden.

Aber so wie es jetzt war – und ich spreche jetzt vor allen Dingen auch von den Vertretern der Opferverbände vor 1945 – haben sich dort viele in dieser Arbeit überhaupt nicht wohlgefühlt, auch persönlich nicht wohlgefühlt, weil sie immer das Gefühl hatten, einfach nicht ernst genug genommen zu werden. Das hat sich auch in dem neuen Gesetz widergespiegelt. Denn für die Opferverbände vor 1945 ist es wichtig, dass zunächst die Singularität des Nationalsozialismus und der Konsequenzen, die er für Deutschland und für die Welt gehabt hat, festgehalten wird. In anderen Gesetzen und in anderen neuen Bundesländern wurde das jedenfalls besser gemacht. Wir waren auch alle lange gemeinsam in einem Beirat. Aber das ging wirklich nicht. Dies war der Ausgangspunkt, gesetzliche Grundlagen für eine Arbeit in der Richtung zu schaffen, in der auch eine Gewichtung zu erkennen ist.

Das heißt, dass man zwei Beiräte einrichten sollte?

NORA GOLDENBOGEN: Eigentlich ja. Somit könnte erst mal getrennt voneinander auf stabiler Basis gearbeitet werden, ohne dass persönliche Verletzungen entstehen. So hätte man unter Umständen auch die Möglichkeit, das so sorgfältig zu bearbeiten, um überhaupt Vergleiche anstellen zu können. Vergleichen ist etwas anderes als Gleichsetzen. Und um vergleichen zu können, muss sorgfältige Vorarbeit geleistet werden, die man unter einem bestimmten Blickpunkt, wie Strukturen oder Mechanismen, untersuchen könnte.

Sehr häufig werden gerade an Äußerlichkeiten, wie Uniformen, Gleichsetzungen vorgenommen: HJ-Uniform ist gleich Pionieruniform. Damit hat man nichts ausgedrückt, außer, dass es sich ähnlich sieht. Manchmal wird dies gefährlich, weil solcherlei Gleichsetzungen an der falschen Stelle auch die Möglichkeit mitbringen, sie für andere Dinge nutzen zu können. Das spielt im Umgang mit Geschichte eine große Rolle. Deswegen denke ich, dass – auch von der wissenschaftlichen Seite aus betrachtet – die Trennung der Gegenstände die Voraussetzung ist, um überhaupt sorgfältig zu arbeiten. Alles andere bringt sowohl theoretische Probleme, zum Beispiel in der Forschung, als auch Probleme im Hinblick auf Zeitzeugen und Überlebende. Hier sind schon große Verletzungen aufgetreten.

Das Tragische ist, dass gerade bei den NS-Geschichten die Zeit wegläuft…

NORA GOLDENBOGEN: Genau, die meisten haben ein Alter erreicht, wo man sagen kann, da ist nicht viel Zeit übrig, um Zeugnis zu geben. Das ist auch in unserer Gemeinde so. Da sind kaum noch Leute, die Zeugnis geben können von dieser Zeit. Genau deswegen sind auch die Empfindlichkeiten so groß. Damit muss man sorgfältig umgehen.

„Ich denke, dass Nationalsozialismus zu fünfzig Prozent Wegsehen war. Ich glaube nicht, dass Deutschland von 1933-1945 ein hundertprozentiges Nazi-Land war…“

Ist Zivilcourage wirklich gewollt?

Sie meinten vorhin, dass Jugendliche, die hierher kommen, teilweise nicht wissen, was am 9. November war. Anfang November gab es in Mittweida wieder einen Fall, bei dem vier Nazis ein 6jähriges Aussiedlermädchen herumgeschubst haben. Der 17jährigen Frau, die dem Mädchen zu Hilfe eilte, wurde von den vier Männern ein Hakenkreuz auf die Hüften geritzt. Der Versuch, eine Rune in Ihre Backe zu schneiden misslang wohl. Das Erschreckende daran ist, dass viele Anwohner auf ihren Balkons gestanden haben müssen und dabei zugesehen haben. Nicht einmal die Polizei wurde gerufen. Es gab also weder aktive, noch passive Hilfe.

NORA GOLDENBOGEN: Das ist richtig. Und ich denke, dass es das Schlimmste überhaupt ist. Ich denke, dass Nationalsozialismus zu fünfzig Prozent „Wegsehe“ war. Ich glaube nicht, dass Deutschland von 1933-1945 ein hundertprozentiges Nazi-Land war. Aber Weggucken, oder einfach sagen, dass ich das jetzt für mich nicht zur Kenntnis nehme, das war das eigentliche Problem. Deswegen ist diese Gleichgültigkeit heute auch wieder das größte Problem.

Nun kann man das psychologisch begründen und sagen, die Leute haben Angst. Manchmal ist es aber auch bloße Bequemlichkeit und In-sich-selbst-zurückgezogen-Sein. Aber ich denke, dass es wirklich das Hauptproblem ist. Zivilcourage muss man trainieren. Jeder für sich selbst, aber auch die Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft Zivilcourage möchte, dann braucht man mutige Menschen, die bereit sind, in Kauf zu nehmen, dass jetzt auch für sie unangenehme Sachen passieren können. Es ist egal, wie die Situation ist. Ob man den Mund aufmachen oder jemanden zur Seite drängen muss. Dieses Handeln kann negative Folgen haben und trotzdem macht man das. Das ist schwierig.

Das war auch in der DDR schwierig. Das war der Grund dafür, warum ganz viele Menschen, obwohl sie zu bestimmten Dingen andere Meinungen hatten, dann gesagt haben, dass sie lieber in ihren Schrebergarten gehen, als Dinge offen anzusprechen. Das ist heute nicht anders. Das sehe ich an meiner eigenen Familie. Ohne diese Zivilcourage wird man einer Sache wie dem Rechtextremismus nicht Herr. Das macht nicht der Staat, dass kann auch nicht nur die Bildung machen, sondern es müssen genügend Leute bereit sein, über diesen – eigenen – Schatten zu springen.

„Mich ärgert es wahnsinnig, dass jedes Jahr hier in Dresden Demonstrationen zum 13. Februar an der Synagoge vorbeiführen… 22 Uhr marschieren dann hier vor der Synagoge die Nazis…“

Mich ärgert es wahnsinnig, dass jedes Jahr hier in Dresden Demonstrationen zum 13. Februar an der Synagoge vorbeiführen. Obwohl wir uns seit einigen Jahren mehr und mehr engagieren, reicht es immer noch nicht. Wir nehmen an der Demokratiemeile teil, die geht bis 20 Uhr und 22 Uhr marschieren dann hier vor der Synagoge die Nazis. Da ist dann der Punkt, an dem ich mich frage, ist dann Zivilcourage gewünscht? Wie weit geht sie und wo fangen die Konflikte an? Das ist schwierig für jeden Menschen. Darüber reden ist einfach, aber im Ernstfall handeln eine andere Sache.

Kann man nicht über Bildung versuchen auch Zivilcourage zu fördern?

NORA GOLDENBOGEN: Ich denke, dass Bildung etwas beitragen kann. Aber diesen Sprung, auch etwas zu tun, kann man nur fördern, indem man Zivilcourage zulässt. Dann bekommen auch mehr Leute den Mut, das dann auch zu tun. Ich weiß nicht so richtig, wie weit unsere Gesellschaft da wirklich ist. Ob wir Zivilcourage nur propagieren oder auch wirklich fördern? Oder ob man nicht doch lieber brave Bürger hat?

Das kippt ja ganz schnell in eine Richtung, wo offizielle Stellen dann sagen, dass man das ja eigentlich doch nicht haben will. Deswegen auch der Vergleich mit der DDR. Da ging es nicht um Nazis, sondern andere Sachen. Aber trotzdem zeigt die Situation, dass Zivilcourage leichter zu fordern ist, als tatsächlich zu leben.

Man kann in der Erziehung Freiräume geben und nicht zu jeder Sache Vorschriften machen. Der Staat müsste den gesetzlichen Rahmen dafür schaffen, dass die Leute Zivilcourage zeigen können. Man kann nicht auf einer Seite sagen, nein, wir lassen den Nazi-Marsch nicht durch und dann räumt man die Leute, die den Marsch verhindern wollen, von der Straße. Wenn die Bürger sich sicher sind, dass sie Zivilcourage zeigen dürfen, dann gibt man Zivilcourage einen anderen Rahmen.

„Zu viele Freiräume geben auch die Möglichkeit,
dass eine Sache wächst.“

NPD-Verbot?

Wie stehen Sie zum NPD-Verbot?

NORA GOLDENBOGEN: Ich weiß, dass es da ganz unterschiedliche Meinungen gibt. Ich halte etwas von Verboten, aber sie dürfen nicht allein stehen. Der Staat muss die Grenzen zeigen. Dazu gehören Verbote, weil letztendlich sich Dinge immer wieder wiederholen. Die andere Seite ist, dass Verbote allein nicht ausreichen. Die schlimmste aller Varianten ist, dass sich gleich wieder was Neues gründet. Das ist so etwas wie eine Hydra. Man schlägt ihr immer wieder den Kopf ab, aber der wächst immer wieder nach. Aber zumindest muss man schlagen. Von alleine wird es auch nicht.

Das Verbot löst also am Ende nichts. Was es aber anzeigt – und das ist sozusagen ein Signal in die Gesellschaft – ist, dass der Staat auf diesem Gebiet konsequent ist. Er will das nicht. Das allein reicht nicht. Ich bin also für beides. Die Stärkung der Zivilgesellschaft durch Bildung z.B. muss mit den Möglichkeiten des Staates ineinander greifen. Zu viele Freiräume geben auch die Möglichkeit, dass eine Sache wächst.

Die Fragen stellte Rico Schubert