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100.000 demonstrieren auf dem Wenzelsplatz – Regierung vor Auflösung – KSCM vor Erfolg

Seit der Wende gab es nicht mehr solche Massen auf dem Wenzelplatz: Einhunderttausend demonstrierten am vergangenen Wochenende gegen die Sparbeschlüsse, Korruption und Vetternwirtschaft in Prag. Die gegenwärtige liberal-konservative Dreiparteienkoalition unter Führung von Ministerpräsident Petr  Necas hat gerade zwei Jahre gehalten und steht vor dem Aus. Griechische Verhältnisse wollte sie Tschechien ersparen, doch auch Tschechien ist tief in der Krise. Die beschlossenen Spaßmaßnahmen betreffen übrigens auch deutsche Touristen – so soll die erst vor kurzem erhöhte Mehrwertsteuer um einen weiteren Prozentpunkt angehoben werden.  Auch die geplante Einführung von Studiengebühren und Rentenkürzung lösen im Volk keine Begeisterungsstürme aus. Dennoch werden die geplanten Maßnahmen das Land nicht retten, denn die Maßnahmen würden nur dann Erfolge zeitigen wenn parallel die Wirtschaft um drei Prozent wachsen würde – erwartet wird unterdessen bestenfalls eine Stagnation, ein “Null-Wachstum” also.

Inzwischen haben Ausläufer der slowakischen Gorilla-Affäre auf Prag übergegriffen. Ausgerechnet die neu gegründete Partei Öffentliche Angelegenheiten (VV), die Zulauf hatte weil sie im Gegensatz zu den etablierten Parteien Transparenz schaffen wollte erlebte einen handfesten Skadal: Der Parteichef wurde wegen Bestechung rechtskräftig verurteilt. Am Freitag wird sich die Regierung auflösen.

Politischer Nutznießer der desaströsen Zustände scheint allem Anschein nach die Kommunistische Partei zu sein. Bei Neuwahlen werden ihr deutlich über 20 Prozent zugetraut – damit würden sie zweitsträrkste Partei in Tschechien.  Bei den letzten Wahlen hatten sie 11 Prozent geholt.  Wahlgewinner aber werden wahrscheinlich die Sozialdemokraten.

Zum Parteiprogramm der KSCM in Englisch und zu einer Analyse von zwei Soziologen, die sie wahlweise von Radio Prag lesen oder nachhören können haben wir Links gesetzt.

MIFA-Mitarbeiter im thüringischen Sangerhausen sind mit Spontan-Streik erfolgreich

Es passierte im März:  In diesem Monat verkaufte ALDI ein ordentliches Rad zu einem akzeptablen Preis. Der Hersteller: MIFA im thüringischen Sangerhausen. Die Medien berichteten im März nicht und nun wird erst im April bekannt, dass es in einer Nachtschicht im Vormonat zu einem wilden Streik kam.  Auslöser war die Nachricht, dass polnische Leiharbeiter 1.400 Euro – und damit deutlich mehr als die thüringische Stammbelegschschaft – bekommen würden. Das reichte es den MIFA-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie traten in den Spontanstreik noch in der Nachtschicht.  Nach zwei Stunden wurde ihnen versichert: Ab sofort gibt es 150 Euro monatlich brutto mehr.

MIFA hatte kürzlich schon Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als der umstrittene ehemalige AWD-Gründer Carsten Maschmeyer dort einstieg und größter Einzelaktionär wurde.  Maschmeyer verspricht sich satte Gewinne, hatte MIFA doch kürzlich den Berliner E-Bike-Hersteller “Grace” aufgekauft, der E-Bikes für den Autohersteller  Smart herstellt. E-Bikes gelten in der Fahrradbranche als die “Milchkuh” der Gegenwart.

MIFA wurde 1907 gegründet war aber in der DDR der mit Abstand bekannteste Fahrradhersteller. Während in Sachsen die Fahrradproduktion eher auf Sparflamme läuft, nachdem Standorte aufgegeben wurden, haben die Thüringer viel zu tun – bei allerdings sehr spärlicher Entlohnung. Aber die MIFA-Arbeiter wollen weiter kämpfen.

In Frankreich und anderen Ländern ist es völlig normal, dass Leiharbeiter 20 Prozent mehr als die Stammbelegschaft bekommen – immerhin nehmen sie ja auch größere Strapazen auf sich. In Deutschland aber wird als normal angesehen, dass die Leiharbeiter deutlich weniger als Stammbelegschaften verdienen. Die Gewerkschaften in Deutschland  setzen sich dafür ein, dass Leiharbeiter den Stammbelegschaften tariflich gleich gestellt werden. Gegenwärtig ist es nur eine sehr kleine Gruppe von Leiharbeitsfirmen, die Tariflöhne zahlen. Wer aber zur Leiharbeitsfirma geht sollte darauf achten, nach Tarif bezahlt zu werden. In Sachsen zahlen die meisten Betriebe weniger als die mit Gewerkschaften ausgehandelt Tariflöhne – die sächsischen Löhne liegen damit im Schnitt um die 20 Prozent unter den Tariflöhnen. Die Hälfte der Leiharbeiter ist nicht länger als drei Monate beschäftigt und erhält dann oft ALG II.

Sachsens Schüler kopieren kostenlos – Entscheid vom Oberverwaltungsgericht Bautzen

Eine Mutter hatte geklagt: 34,90 Euro sollte sie für Kopierkosten für ihre zwei schulpflichtigen Kinder aufbringen, meinte man in einer Schule in Königswartha Landkreis Bautzen.  Die Klägerin berief sich auf die verfassungsmäßig garantierte Lernmittelfreiheit und wurde in dieser Auffssung vom Verwaltungsgericht Dresden bestärkt (Urteil des Verwaltungsgerichtes Dresden: Aktenzeichen 5 K 1790/08), doch die Kommune wollte das Urteil nicht hinnehmen.

Jetzt aber bestätigte das Oberverwaltungsgericht die Position des Dresdner Gerichtes in Bezug auf Kopien (Urteil des Oberverwaltungsgerichtes: Aktenzeichen 2 A 520/11). Umstritten ist, inwieweit die Lernmittelfreiheit sich auch auf weitere Utensilien erstreckt wie Wörterbücher, Taschenrechner usw. Nach der Auffassung des Dresdner Gerichtes fielen auch diese darunter. Darüber befand jedoch das Oberveraltungsgericht in Bautzen nicht.  Im Freistaat werden Kosten von 40 Millionen Euro befürchtet – dieses Geld müssen gegenwärtig die Eltern im Freistaat Sachsen aufbringen.

 

Im Artikel 102 der sächsichen Verfassung ist definiert, dass Unterricht u n d Lernmittel an den öffentlichen Schulen im Freistaat kostenlos sind. Näheres regele ein Gesetz. Die Gemeinde hatte sich darauf berufen, dass sie nach dem sächsischen Schulgesetz nicht verpflichtet seien die Kosten für die Kopien zu übernehmen – die Bautzner Verwaltungsrichter stellten nun klar:  Es gibt kein Schulgesetz nachdem eine Gemeinde ableiten kann, dass die Eltern  Kopierkosten tragen müssten.

Gegen das Urteil hat der Senat keine Revision zugelassen – allerdings kann Königswartha Beschwerde einlegen.

LINKE fordert am 26. April im Bundestag die Abschaffung der ARGE-Sanktionen

Pressemitteilung aus dem Büro von Katja Kipping

Sanktionen sind Diebstahl an der Menschenwürde!
Beunruhigender Anstieg der Saktionen in Dresden

“Im Zeitraum von Oktober 2009 bis Oktober 2011 ist die Zahl der Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften in Dresden von 34.365 auf 31.767, also um 7,6% gesunken. Getrübt wird dies jedoch durch den gleichzeitigen Anstieg der verhängten Sanktionen – und zwar in einem kaum nachvollziehbaren Ausmaß!

Wurden im Oktober 2009 in Dresden noch 898 Sanktionen, also Kürzungen des Regelsatzes, verhängt, waren es im Oktober 2011 bereits 1489 Sanktionen – eine Steigerung um ca. 66%!
Dieser enorme Anstieg fällt in eine Zeit, in der die schwarz-gelbe Bundesregierung der Bundesagentur einschneidende Kürzungen auferlegte. Mit anderen Worten: Die Bundesregierung lässt die Ärmsten für ihre Finanzpolitik bezahlen.

Es ist gar nicht anders erklärbar – der Spardruck von oben führt zu immer unverschämterer Bedienung am Lebensunterhalt jener, die am Existenzminimum leben. Dies ist umso mehr ein Skandal, da hier selbst bei den Alleinerziehenden kräftig zugelangt wird – hier hat sich die Zahl der Sanktionen von 92 (Oktober 2009) auf 175 (Oktober 2011) erhöht – also fast verdoppelt!

DIE LINKE fordert, alle Sanktionen im Bereich Hartz IV sowie die Kürzungen der Sozialhilfe abzuschaffen, weil diese gegen das Grundrecht auf eine Gewährleistung des physischen Existenzminimums und der Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben verstoßen. Menschen werden mit Sanktionen schikaniert, ins Elend gestürzt und sozial ausgegrenzt.

Außerdem zwingen sie die Sozialleistungsbeziehenden dazu, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzugehen. Damit wird der Druck auf die Arbeitsbedingungen aller Beschäftigten erhöht.
DIE LINKE wird deshalb die Forderung nach Abschaffung aller Sanktionen am 26.04.2012 im Bundestag zur Abstimmung stellen.”

Gesine Lötzsch’s Kommunismus-Rede erstmals in voller Länge auf youtube!

Politiker bleiben in Erinnerung durch ihre Taten und Worte – Weniges bleibt von jahrelangen Parlamentsdebatten. Die Herbert Wehner’s sind dünn gesät und auch bei den LINKEN sind Gysi und Lafontaine mit ihrem rhetorischen Können unangefochten an der Spitze der Wortgewaltigen. Gesine Lötzsch schaffte es immerhin in ihrer zweijährigen Amtszeit als Parteichefin einmal im Zentrum der medialen Öffentlichkeit dieses Landes zu stehen – das war vor einem Jahr.

Hunderte Journalisten mit Kameras stürmten am 8. Januar 2011 das Urania-Haus in Berlin, als Gesine Lötzsch eine Rede halten sollte. Was war geschehen, dass die Medien so aufgeregt reagierten? Die Chefin der Linkspartei hatte am 3. Januar 2011 in der Tageszeitung jw (junge welt) einen Artikel “Wege zum Kommunismus” geschrieben – dies löste einen Mediensturm in Deutschland aus. Forderungen nach einem Verbot der Linkspartei wurden erhoben. Vielleicht war es in ihrer zweijährigen Amtszeit “Die Rede”, die von Gesine Lötzsch am stärksten in Erinnerung bleibt – hier erstmalig im Internet in voller Länge zu hören. Am 10. April 2012 trat Gesine Lötzsch von ihrem Amt zurück – aus familiären Gründen.

Vortrag über Geschichte und Gegenwart von Empörung und Widerstand am 11. April

Mit “Empörung und Widerstand in Geschichte und Gegenwart” ist ein Vortrag überschieben, der am 11. April 19 Uhr in Dresden zu hören sein wird. Ort des Geschehens ist die WIR AG in der Martin-Luther-Straße 21 – gegenüber der Lutherkirche in der Dresdner Neustadt.

Schriftliche Empörungen von lebenserfahrenen Zeitgenossen erfahren und erfuhren in diesem Lande unlängst ein ganz unterschiedliches Echo: Von Stephane Hessel, Autor der Bücher “Empört Euch” und “Engagiert Euch” über  Gert Schramm, der seine Erfahrungen als einziger schwarzer Deutscher im KZ Buchenwald im Buch “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” nieder schrieb bis hin zu Harry Belafonte, von dem es mit “My song” eine Biographie zu lesen und ab 19. April den Dokumentarfilm “Sing your song” zu sehen gibt.  Keine Frage, nicht nur die Piraten beweisen es: Empörung und Widerstand gegen die herrschenden Zu- und insbesondere Missstände sind wieder in! Längst haben Personen wie Harry Belafonte oder Pete Seeger die Brücke geschlagen vom Kampf um die Bürgerrecht in den 60ern zur Occupy-Bewegung 2011/2012. Der Journalist und Sozialwissenschaftler Ralf Richter wird versuchen einzelne Episoden der Geschichte von Empörung und Widerstand heraus zu greifen und auch die aktuelle Empörung von einem und über einen deutschen Literaturnobelpreisträger nicht ausblenden … Eine spannende Diskussion scheint garantiert!

Was gesagt werden muss – Grass-Gedicht löst in Deutschland Medien-Sturm aus

“Was gesagt werden muss” – mit einem israelkritischen Gedicht (welches sich im übrigen ebenso gegen Ahminedschad, den durch die letzten Wahlen geschwächten iranischen Präsidenten wendet) hat der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass eine Diskussionswelle ausgelöst. Wie meist in den Medien werden allerdings einzelne Passagen des Gedichtes kritisiert, ohne den Gesamtinhalt darzustellen. Doch jeder politisch Denkende sollte den Inhalt dieses Gedichtes kennen, bevor er etwas be- bzw. verurteilt. Die Süddeutsche veröffentlichte zuerst das komplette Gedicht, das  zeitgleich in der der New York Times und in der italienischen Respublica abgedruckt wurde – am Mittwoch.  Bitte folgen Sie dem Link “Was gesagt werden muss“. Sehr aufschlussreich ist darüber hinaus das Interview, welches Günter Grass dem Journalisten Tom Buhrow gegeben hat unter dem Titel: “Günter Grass im Gespräch mit Tom Buhrow“  Der heftig Kritisierte bekam hier die Möglichkeit seinen Standpunkt darzulegen.

Chemnitz zeigt die populärsten Gemälde Russlands

Noch bis 28. Mai wird die Ausstellung „Peredwischniki“ in den Staatlichen Kunstsammlungen präsentiert
von Ralf Richter

Ein ganz großes Kompliment vorab: Nach der Ausstellung „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“, die vom Juni bis Oktober 2007 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin präsentiert wurde, ist das die wichtigste Ausstellung ausländischer Kunst auf deutschem Boden in der Neuzeit. Damals, 2007, führte der Umbau des legendären Museum of Modern Art (MoMa) dazu, dass für die legendären französischen Impressionisten kein Platz mehr für die Ausstellung war und man sie in einer einmaligen Aktion in Übersee präsentierte. Diese Einmaligkeit kennzeichnet auch die Exposition in Chemnitz und wir Sachsen können uns hier mehr als glücklich schätzen, die beste Kunst Russlands – so wie sie viele von uns noch aus dem DDR-Schulunterricht kennen – direkt vor der Haustür präsentiert zu bekommen. Es ist eine einmalige Pracht und wer durch die Ausstellung geht – man sollte viel Zeit einplanen und eine Führung unbedingt mitmachen, doch anschließend muss man die Ausstellung noch einmal in Ruhe mit einem „Audio-Guide“ sich anschauen – wird von dieser Schau wohl ein Leben lang zehren können. Endlich, endlich sieht man das, was man weder in Moskau noch St. Petersburg (bzw. Leningrad seinerzeit) zu sehen geschafft hat: Die wunderbaren Gemälde Ilja Repins, man denke nur an die „Wolgatreidler“ oder „Die Saporoschjer Kossaken schreiben dem Sultan einen Brief“.

Ja es ist angerichtet: Über 40 Maler mit ihren besten Werken aus der Zeit zwischen 1870 bis 1920. Die „Gesellschaft der künstlerischen Wanderausstellungen“ wurde 1870 in St. Petersburg gegründet von den Malern Kramskoi, Mjassojedow, Ge und Perow. Von 1871 bis 1923 wurden insgesamt 48 Wanderausstellungen in Russland gezeigt. Man wollte die Kultur aus den Metropolen heraus bringen aufs Land – so gab es Ausstellungen in Kasan, Odessa, Riga, Orjol, Charkow und Kiew. Einmal kam man sogar ins Ausland, nach Prag. Neben russischen Künstlern engagierten sich bei den Peredwischniki Malergenossen aus der Ukraine, Armenien und aus Lettland. Peredwischniki heißt Wanderer – man malte im Freien und man malte sozialrevolutionär. Das allerdings verschweigt die Ausstellung. Es wird deutlich, dass in den Jahrzehnten vor 1917 längst eine revolutionäre Situation herangereift war, nicht nur in den Großstädten sondern auch auf dem Land. Selbstverwaltungen (Sjemstwos) wurden eingerichtet. Hier werden – und auch das wird verschwiegen – die Gründerväter- und Gründermüttter der Sozialistischen Realismus gezeigt. Wie stark das auch auf die deutsche Malerei abfärbte, kann man in der Sächsischen Schweiz in Wehlen im Robert-Sterl-Museum sehen. Sterl bereiste Russland und seine Bilder von der Wolga würden sich nahtlos in die „Peredwischniki“-Ausstellung einfügen. Kein Wunder, sie entstanden ja zur gleichen Zeit.

 

Es ist aber sehr bemerkenswert, dass die besten Bilder der Tretjakow-Galerie aus Moskau und St. Petersburgs ausgerechnet – aus gesamtdeutscher Perspektive betrachtet – in der tiefsten deutschen Provinz präsentiert werden. Nicht in Berlin, München oder Hamburg. Dieses Verdienst gebührt nicht zuletzt der rührigen Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz, der Schwäbin Ingrid Mössinger. Ein kleiner Wermutstropfen bei allem Lob: Es ist nicht so, dass wie in den Medien oft dargestellt die Ausstellung etwa für Chemnitz konzipiert wurde. Nein, sie wurde vorher in der Nationalgalerie Stockholm gezeigt – Ingrid Mössinger hat die Bilder also aus Stockholm geholt. Dabei ist einiges auf der Strecke geblieben: Der Ausstellungskatalog zeigt somit einige Bilder, die man nicht in Chemnitz sieht – diese wurden von Stockholm nach Russland zurück gebracht. Man hätte darauf ruhig hinweisen können, es tut dem Verdienst der Chemnitzer keinen Abbruch.

Domowina veröffentlicht auf Anregung von links! Papier zur Forderung nach Kohle-Stopp in der Lausitz

Ein Paukenschlag von der Domowina, dem Dachverband der Sorben in Bautzen zum Landesentwicklungsplan 2012. Die Sorben fordern Rücksicht auf ihre Siedlungsgebiete und einen rascheren Ausstieg aus der Verstromung der Braunkohle. Das “Wegbaggern” von Orten in der gesamten Lausitz hat viele Familien aus ihrer Heimat vertrieben – ihnen Haus und Hof genommen.  Was für die deutschen Familien schon schmerzlich ohne Ende ist, wirkt sich aber auf sorbische Sprache und Kultur als existenzbedrohend aus – denn ein “Umzug”, wie die Vertreibung beschönigend genannt wird, in andere Orte führt zum Auseinanderreißen sorbischer Gemeinschaften – und damit einhergehend zum Verlust von kultureller Identität.

Bislang wurde die Stellungnahme der Domowina zum Landesentwicklungsplan bundesweit mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen – von den Medien. Auf Anregung der Redaktion von links! ist die Stellungnahme seit heute (21. März) auf der Domowina-Homepage  für alle Bürger zu lesen sein. Die Domowina feiert in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen – links! gratuliert!

Leipziger Lust-Reise unter Glas

Warum es sich lohnt einen Frühlingstag drinnen zu verbringen

von Ralf Richter

Man hat die abschreckenden Beispiele in der Nachbarschaft: Der etwas verschrobenen Junge aus dem Hauseingang, der in Leipzig am Literaturinstitut studierte und von dem seine Mutter nun stolz berichtet, dass er Schriftsteller sei und im „Prenzlberg“ lebe, im Herzen von Berlin. Irgendwann fand er dann mal mit einem Buch den Weg ins Dresdner Kästner-Museum und ich hätte es wirklich nicht schade gefunden, wenn er den Weg verfehlt hätte. Oder der Freund der Eltern, der nach der Wende auf Politiker machte und nun die halbe Welt mit seinem Buch – es steht auf der Amazon-Bestsellerliste auf Platz 5.534.985 – bedroht. Bei diesem Hintergrund denkt man an die wunderbar eindeutigen Sätze eines Bertolt Brecht, der da sinngemäß formulierte, dass gut 80 Prozent der Kulturproduktionen der letzten Jahre durch etwas zweckmäßige Körperübungen im Freien ohne weiteres zu verhindern gewesen wären …

 

Die tausenden Verlage mit ihren hunderttausenden Büchern und Tonträgern jedes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig zeigen vor allem eines: Es gibt eine riesige Überproduktion. Von 100 Büchern, die neu auf den Markt kommen, verkaufen sich vielleicht zehn einigermaßen. Der Rest ist verlorene Liebesmüh. Warum soll man sich das nun alles antun, da in Leipzig? Die schiebenden Massen, den Lärm in den Hallen, die totale Reizüberflutung? Es geht ja schlimmer zu als bei Facebook. In einer Stunde hat man mindestens 50 Freunde an den Ständen gefunden. Doch: Erstens ist die Buchmesse auch etwas fürs Auge – man mag zur „Manga-Welle“ stehen, wie man will, aber die bunten Kostüme der jungen Leute sind ein Hingucker. Gleich am Eingang geben mir zwei reizvolle Mädels ihre Kamera und stellen sich in Pose. Kein schlechter Anfang für einen wunderbaren Tag. Zweitens gibt es genug Weizen jenseits der Spreu: Man muss nur 95 Prozent der Stände und Lesungen sowie Vorträge links liegen lassen und straff seinem Programm folgen, dass man vorher mit Hilfe des Internets geplant hat. Also erst Perlen Dalmatiens, dann Hörbuch-Forum der ARD, dann etwas junge Literatur und schließlich noch eine paar Blicke bei den Lieblingsverlagen. Dazwischen noch Bekannte treffen – mehr ist nicht drin und das ist schon viel.

Die Perlen Dalmatiens? Geschenkt. Eine dröge Lesung mit zu viel Kirchengeschichte. Aber das Hörbuch-Forum der ARD! Lebensberatung – und eine Entdeckung. Die Lebensberatung kommt daher in Gestalt eines unauffälligen Herrn, der das Buch „Ökofimmel“ geschrieben hat. Er heißt Alexander Neubacher und im Untertitel steht: „Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten.“ Auf dem Cover prangt eine Papier-Tüte. Neubacher ist gnadenlos. Die Bioäpfel aus der Region im Februar? „Die haben durch Lagerhaushaltung mehr an Energie gekostet als ein normaler Apfel aus Neuseeland – in der Saison ist das mit dem Apfel aus der Region sinnvoll, nicht aber unbedingt im Frühling.“ Die Papiertüte für den Ökofreund? „Wird meistens nach einmaligem Einsatz entsorgt, hält ja auch nicht unbedingt lange – wenn sie dagegen eine Plastiktüte mehrfach verwenden …“ Thema Elektromobilität: „Die Batterien, die heute zum Einsatz kommen, haben mehr Energie in der Erzeugung verbraucht als ein normaler Mittelklassewagen in seinem ganzen Leben …“ Und so geht es weiter. Schlag auf Schlag: Die Mülltrennung, die Kurzspültaste im Klo – mein Leben wird sich ändern. Danke, Alexander! Dann kommt die Entdeckung: Quirlig, pummlig, mitteljung: Judka Strittmatter: „Ja, ich bin die Enkeltochter von Erwin Strittmatter.“ Nein sie schreibt nicht wie Eva oder Erwin, sie schreibt wie Judka. Jung, frisch, spannend. Zwei Schwestern, die zu Rivalinnen erzogen wurden und keine Liebe von den Eltern bekommen haben fahren an die Ostsee um sich und die Gegend kennen zu lernen. Das kommt unterhaltsam daher, aber nicht flach-witzig wie bei den Jung-Schreibern sonst gern üblich, sondern es hat schon Tiefgang. Da ist ein Abwägen, Durchdenken, Reflektieren und kein bloßes Daherplappern wie bei den Mädels in der Nachbarschaft. Die Bekannte stürmt los, borgt sich 20 Euro bei mir und holt sich die umgehend „Die Schwestern“. Ein Wermutstropfen: Die Biographie zum 100. Geburtstag ihres Opas Erwin Strittmatter hat der Verlag noch nicht fertig. Sie kommt erst im April: „Erwin Strittmatter – die Biographie“ ein Buch von Annette Leo. Man hätte die Vorstellung gern auf der diesjährigen Buchmesse erlebt. Judka Strittmatter und Anette Leo im Gespräch, das wäre es gewesen. Schade!

 

Nach Leipzig um einen herrlichen Frühlingstag als Messetag unter Glas zu erleben? Gern nächstes Jahr wieder, weil es sich lohnt! Wer die Frankfurter Buchmesse kennt, muss die Leipziger lieben. Es ist immer wieder eine Buch-Lust-Reise.