Warum es sich lohnt einen Frühlingstag drinnen zu verbringen
von Ralf Richter
Man hat die abschreckenden Beispiele in der Nachbarschaft: Der etwas verschrobenen Junge aus dem Hauseingang, der in Leipzig am Literaturinstitut studierte und von dem seine Mutter nun stolz berichtet, dass er Schriftsteller sei und im „Prenzlberg“ lebe, im Herzen von Berlin. Irgendwann fand er dann mal mit einem Buch den Weg ins Dresdner Kästner-Museum und ich hätte es wirklich nicht schade gefunden, wenn er den Weg verfehlt hätte. Oder der Freund der Eltern, der nach der Wende auf Politiker machte und nun die halbe Welt mit seinem Buch – es steht auf der Amazon-Bestsellerliste auf Platz 5.534.985 – bedroht. Bei diesem Hintergrund denkt man an die wunderbar eindeutigen Sätze eines Bertolt Brecht, der da sinngemäß formulierte, dass gut 80 Prozent der Kulturproduktionen der letzten Jahre durch etwas zweckmäßige Körperübungen im Freien ohne weiteres zu verhindern gewesen wären …
Die tausenden Verlage mit ihren hunderttausenden Büchern und Tonträgern jedes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig zeigen vor allem eines: Es gibt eine riesige Überproduktion. Von 100 Büchern, die neu auf den Markt kommen, verkaufen sich vielleicht zehn einigermaßen. Der Rest ist verlorene Liebesmüh. Warum soll man sich das nun alles antun, da in Leipzig? Die schiebenden Massen, den Lärm in den Hallen, die totale Reizüberflutung? Es geht ja schlimmer zu als bei Facebook. In einer Stunde hat man mindestens 50 Freunde an den Ständen gefunden. Doch: Erstens ist die Buchmesse auch etwas fürs Auge – man mag zur „Manga-Welle“ stehen, wie man will, aber die bunten Kostüme der jungen Leute sind ein Hingucker. Gleich am Eingang geben mir zwei reizvolle Mädels ihre Kamera und stellen sich in Pose. Kein schlechter Anfang für einen wunderbaren Tag. Zweitens gibt es genug Weizen jenseits der Spreu: Man muss nur 95 Prozent der Stände und Lesungen sowie Vorträge links liegen lassen und straff seinem Programm folgen, dass man vorher mit Hilfe des Internets geplant hat. Also erst Perlen Dalmatiens, dann Hörbuch-Forum der ARD, dann etwas junge Literatur und schließlich noch eine paar Blicke bei den Lieblingsverlagen. Dazwischen noch Bekannte treffen – mehr ist nicht drin und das ist schon viel.
Die Perlen Dalmatiens? Geschenkt. Eine dröge Lesung mit zu viel Kirchengeschichte. Aber das Hörbuch-Forum der ARD! Lebensberatung – und eine Entdeckung. Die Lebensberatung kommt daher in Gestalt eines unauffälligen Herrn, der das Buch „Ökofimmel“ geschrieben hat. Er heißt Alexander Neubacher und im Untertitel steht: „Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten.“ Auf dem Cover prangt eine Papier-Tüte. Neubacher ist gnadenlos. Die Bioäpfel aus der Region im Februar? „Die haben durch Lagerhaushaltung mehr an Energie gekostet als ein normaler Apfel aus Neuseeland – in der Saison ist das mit dem Apfel aus der Region sinnvoll, nicht aber unbedingt im Frühling.“ Die Papiertüte für den Ökofreund? „Wird meistens nach einmaligem Einsatz entsorgt, hält ja auch nicht unbedingt lange – wenn sie dagegen eine Plastiktüte mehrfach verwenden …“ Thema Elektromobilität: „Die Batterien, die heute zum Einsatz kommen, haben mehr Energie in der Erzeugung verbraucht als ein normaler Mittelklassewagen in seinem ganzen Leben …“ Und so geht es weiter. Schlag auf Schlag: Die Mülltrennung, die Kurzspültaste im Klo – mein Leben wird sich ändern. Danke, Alexander! Dann kommt die Entdeckung: Quirlig, pummlig, mitteljung: Judka Strittmatter: „Ja, ich bin die Enkeltochter von Erwin Strittmatter.“ Nein sie schreibt nicht wie Eva oder Erwin, sie schreibt wie Judka. Jung, frisch, spannend. Zwei Schwestern, die zu Rivalinnen erzogen wurden und keine Liebe von den Eltern bekommen haben fahren an die Ostsee um sich und die Gegend kennen zu lernen. Das kommt unterhaltsam daher, aber nicht flach-witzig wie bei den Jung-Schreibern sonst gern üblich, sondern es hat schon Tiefgang. Da ist ein Abwägen, Durchdenken, Reflektieren und kein bloßes Daherplappern wie bei den Mädels in der Nachbarschaft. Die Bekannte stürmt los, borgt sich 20 Euro bei mir und holt sich die umgehend „Die Schwestern“. Ein Wermutstropfen: Die Biographie zum 100. Geburtstag ihres Opas Erwin Strittmatter hat der Verlag noch nicht fertig. Sie kommt erst im April: „Erwin Strittmatter – die Biographie“ ein Buch von Annette Leo. Man hätte die Vorstellung gern auf der diesjährigen Buchmesse erlebt. Judka Strittmatter und Anette Leo im Gespräch, das wäre es gewesen. Schade!
Nach Leipzig um einen herrlichen Frühlingstag als Messetag unter Glas zu erleben? Gern nächstes Jahr wieder, weil es sich lohnt! Wer die Frankfurter Buchmesse kennt, muss die Leipziger lieben. Es ist immer wieder eine Buch-Lust-Reise.