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Mit dem Rad von Meißen zur Peter-Sodann-Bibliothek und zurück

Gysi kam, auch der Eulenspiegelautor Ernst Röhl und Elmar Faber, der Verleger von Christoph Hein um Peter Sodann zur Eröffnung seiner Bibliothek in Staucha zu gratulieren. Viel ist noch zu tun, die Bücher in den Bananenkisten türmten sich am Eröffnungswochenende um Peter Peter Sodann, einige Regale sind noch nicht aufgebaut und viele aufgebaute Regale sind noch leer. Fleißige Hände werden ebenso gesucht wie Geld.  1 Euro von jedem Deutschen wünscht sich Peter Sodann für die Bibliothek. Der nachstehende youtube-Beitrag zeigt, was Autor Ralf Richter bei der Anfahrt über den Elbe-Radweg sah am 13. Mai bei der Tour von Meißen zum Rittergut Staucha und wieder zurück.

Ab sofort kann man nicht mehr nur virtuell sondern “in echt”  vorbei schauen! Wer helfen will sollte  sich an den Verein zur Förderung, Erhaltung und Erweiterung einer Sammlung von 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands erschienener Literatur (Peter-Sodann-Bibliothek) e.V.” wenden.  Die Emai-Adresse ist psb-staucha@t-online.de und die Bibliothek am Thomas Müntzer Platz 8 ist von Montag bis Freitag von 8 bis 13 Uhr geöffnet.

Kalenderblatt 8. Mai 2012 Tag der Befreiung – von Zwickau kann Sachsen lernen

Gibt es ein linkes Geschichtsbewusstsein in Sachsen? Antworten auf solche Fragen sucht man heute mit Hilfe des Internets: Man gebe ein: “8. Mai 2012 Tag der Befreiung LINKE  Sachsen” – man kann Sachsen dann auch durch die Wörter Chemnitz, Dresden, Leipzig oder Zwickau ersetzen.

 

Die positive Nachricht: Das linke Geschichtsbewusstsein ist stärker verbreitet als man glaubt. Eine Übersicht über die Aktivitäten an diesem Tag aber sucht man “online” vergebens – doch der Normalbürger kann sich darüber nun einmal nicht durch eine Parteipostille informieren sondern es wäre von Vorteil, wenn sie oder er auf einen Blick erkennen könnte, wo an diesem Tag in seiner Nähe  eine Kundgebung oder eine Gedenkveranstaltung stattfinden. Bedauerlicherweise gelingt das bei den drei Großstädten nicht.  Ganz anders ist die Lage in Zwickau: Die Homepage des Verbandes der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten Sachsen e.V.  kündigt für 10 Uhr auf dem Sowjetischen Ehrenhain des Zwickauer Hauptfriedhofes eine Kranzniederlegung und Beiträge zum Gedenken an. Anwesend sind: Frau Dr. Pia Findeis (Oberbürgermeisterin der Stadt Zwickau), Sven Wöhl (Stadtvorsitzender der LINKEN in Zwickau),  Andreas Salzwedel (Vorsitzender des Kreisverbandes der LINKEN) und Michail Wetrow vom Russischen Konsulat in Leipzig. Mit anderen Worten, in Zwickau demonstrieren Stadtoberhaupt, LINKE und ein Vertreter Russlands gemeinsam, was es heißt den Opfern der Befreiung zu gedenken.  Das ist beispiellos und beschämend zugleich. In einer Stadt Sachsens immerhin wissen prominente LINKE und die Stadtführung wo am 8. Mai ihr Platz ist. Das Deutsch-Russische Kulturinstitut (DRKI) in Dresden meldet für heute: 10 Uhr Blumenniederlegung am Ehrenmal der Roten Armee (Olbrichtplatz), 11 Uhr Blumenniederlegung auf dem Garnisionsfriedhof Marienallee und 12 Uhr Feierstunde für sowjetische Kriegsverteranen im DRKI. Ob daran VertreterInnen der LINKEN oder der Stadt Dresden teilnehmen? Dresden ist immerhin die Landeshaupstadt Sachsens. Die LINKE Dresden weist auf die Veranstaltungen 10 Uhr und 11 Uhr zumindest (gut versteckt auf ihrer Homepage) hin.

Es reicht nicht, wenn lediglich einige Linke wissen was am 8. Mai 1945 geschehen ist. Dieser Tag muss wieder  im Bewusstsein der gesamten Bevölkerung Ostdeutschlands, ja Gesamtdeutschlands verankert werden. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang der “Aufruf zum Tag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 2012” von der Gesellschaft zum Schutz für Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. mit der Forderung an die Bundesregierung den 8. Mai als offiziellen Tag der Befreiung vom Faschismus zu würdigen. Die Gesellschaft wird  heute 17 Uhr am Ehrenmal (“Mutter Heimat)  in Berlin-Treptow eine Gedenkveranstaltung abhalten. 20.000 Sowjetsoldaten fielen allein bei der Befreiung Berlins, deshalb steht dort das größte sowjetische Ehrenmal. Mehr über die Geschichte erfährt man auf der Homepage “Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts“.

Der Asiate schmutzt nicht und Alles über den Russen – Gerhard Polt zum 70.Geburtstag

1985 kam er zum ersten Mal in die DDR – nach Leipzig! Jürgen Hart (Verfasser der Sachsen-Hymmne “Sing mei Sachse sing”) hatte den großen bayrischen Kabarettisten Gerhard Polt  eingeladen. Dieter Hildebrandt würdigte ihn soeben im DeutschlandradioKultur, in dem er seine erste Begegnung mit Polt kolportierte.  “Er kam auf die Bühne ging in die linke Ecke schaute sich lange um und sagte schließlich: ‘Jaa…”. Das Publikum war völlig irritiert. Darauf ging Polt zügig in die rechte Ecke, schaute sich noch länger um und sagte: ‘Jaaaa …’  Im Publikum schmunzelte man unsicher. Nun eilte Polt zielstrebig in die Mitte und rief: ‘Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!’ Die Massen grölten und ich dachte: Donnerwetter! Der Mann hat mich mit drei Ja überzeugt.”

Heute am 7. Mai wird der Bayer Gerhard Polt 70. Wir wollen mit unseren Links zwei besondere Schmankerln aus dem Poltschen Repertoire den Lesern dieses Beitrages nahe bringen. Einerseits ist da sein genialer Video-Clip wider den westdeutschen Spießbürger.  In Mai Ling aus dem Jahr 1979 beschäftigt er sich mit dem BRD-Trend zu asiatischen Import-Bräuten in den 70ern. Die Vorurteile der Westdeutschen gegenüber den Russen nimmt er schließlich in Alles über den Russen von 2007 köstlich aufs Korn.

Wer zufällig nach München kommen sollte in der nächsten Zeit: Das Literaturhaus München zeigt noch bis 10. Juni die Gerhard Polt-Ausstellung “Braucht’s das?!”

PS:  Dass Polt auch der Erfinder von Nikolausi und Osterhasi ist, sollte an dieser Stelle noch abschließend erwähnt werden.

MIFA-Mitarbeiter im thüringischen Sangerhausen sind mit Spontan-Streik erfolgreich

Es passierte im März:  In diesem Monat verkaufte ALDI ein ordentliches Rad zu einem akzeptablen Preis. Der Hersteller: MIFA im thüringischen Sangerhausen. Die Medien berichteten im März nicht und nun wird erst im April bekannt, dass es in einer Nachtschicht im Vormonat zu einem wilden Streik kam.  Auslöser war die Nachricht, dass polnische Leiharbeiter 1.400 Euro – und damit deutlich mehr als die thüringische Stammbelegschschaft – bekommen würden. Das reichte es den MIFA-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie traten in den Spontanstreik noch in der Nachtschicht.  Nach zwei Stunden wurde ihnen versichert: Ab sofort gibt es 150 Euro monatlich brutto mehr.

MIFA hatte kürzlich schon Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als der umstrittene ehemalige AWD-Gründer Carsten Maschmeyer dort einstieg und größter Einzelaktionär wurde.  Maschmeyer verspricht sich satte Gewinne, hatte MIFA doch kürzlich den Berliner E-Bike-Hersteller “Grace” aufgekauft, der E-Bikes für den Autohersteller  Smart herstellt. E-Bikes gelten in der Fahrradbranche als die “Milchkuh” der Gegenwart.

MIFA wurde 1907 gegründet war aber in der DDR der mit Abstand bekannteste Fahrradhersteller. Während in Sachsen die Fahrradproduktion eher auf Sparflamme läuft, nachdem Standorte aufgegeben wurden, haben die Thüringer viel zu tun – bei allerdings sehr spärlicher Entlohnung. Aber die MIFA-Arbeiter wollen weiter kämpfen.

In Frankreich und anderen Ländern ist es völlig normal, dass Leiharbeiter 20 Prozent mehr als die Stammbelegschaft bekommen – immerhin nehmen sie ja auch größere Strapazen auf sich. In Deutschland aber wird als normal angesehen, dass die Leiharbeiter deutlich weniger als Stammbelegschaften verdienen. Die Gewerkschaften in Deutschland  setzen sich dafür ein, dass Leiharbeiter den Stammbelegschaften tariflich gleich gestellt werden. Gegenwärtig ist es nur eine sehr kleine Gruppe von Leiharbeitsfirmen, die Tariflöhne zahlen. Wer aber zur Leiharbeitsfirma geht sollte darauf achten, nach Tarif bezahlt zu werden. In Sachsen zahlen die meisten Betriebe weniger als die mit Gewerkschaften ausgehandelt Tariflöhne – die sächsischen Löhne liegen damit im Schnitt um die 20 Prozent unter den Tariflöhnen. Die Hälfte der Leiharbeiter ist nicht länger als drei Monate beschäftigt und erhält dann oft ALG II.

Gesine Lötzsch’s Kommunismus-Rede erstmals in voller Länge auf youtube!

Politiker bleiben in Erinnerung durch ihre Taten und Worte – Weniges bleibt von jahrelangen Parlamentsdebatten. Die Herbert Wehner’s sind dünn gesät und auch bei den LINKEN sind Gysi und Lafontaine mit ihrem rhetorischen Können unangefochten an der Spitze der Wortgewaltigen. Gesine Lötzsch schaffte es immerhin in ihrer zweijährigen Amtszeit als Parteichefin einmal im Zentrum der medialen Öffentlichkeit dieses Landes zu stehen – das war vor einem Jahr.

Hunderte Journalisten mit Kameras stürmten am 8. Januar 2011 das Urania-Haus in Berlin, als Gesine Lötzsch eine Rede halten sollte. Was war geschehen, dass die Medien so aufgeregt reagierten? Die Chefin der Linkspartei hatte am 3. Januar 2011 in der Tageszeitung jw (junge welt) einen Artikel “Wege zum Kommunismus” geschrieben – dies löste einen Mediensturm in Deutschland aus. Forderungen nach einem Verbot der Linkspartei wurden erhoben. Vielleicht war es in ihrer zweijährigen Amtszeit “Die Rede”, die von Gesine Lötzsch am stärksten in Erinnerung bleibt – hier erstmalig im Internet in voller Länge zu hören. Am 10. April 2012 trat Gesine Lötzsch von ihrem Amt zurück – aus familiären Gründen.

Vortrag über Geschichte und Gegenwart von Empörung und Widerstand am 11. April

Mit “Empörung und Widerstand in Geschichte und Gegenwart” ist ein Vortrag überschieben, der am 11. April 19 Uhr in Dresden zu hören sein wird. Ort des Geschehens ist die WIR AG in der Martin-Luther-Straße 21 – gegenüber der Lutherkirche in der Dresdner Neustadt.

Schriftliche Empörungen von lebenserfahrenen Zeitgenossen erfahren und erfuhren in diesem Lande unlängst ein ganz unterschiedliches Echo: Von Stephane Hessel, Autor der Bücher “Empört Euch” und “Engagiert Euch” über  Gert Schramm, der seine Erfahrungen als einziger schwarzer Deutscher im KZ Buchenwald im Buch “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” nieder schrieb bis hin zu Harry Belafonte, von dem es mit “My song” eine Biographie zu lesen und ab 19. April den Dokumentarfilm “Sing your song” zu sehen gibt.  Keine Frage, nicht nur die Piraten beweisen es: Empörung und Widerstand gegen die herrschenden Zu- und insbesondere Missstände sind wieder in! Längst haben Personen wie Harry Belafonte oder Pete Seeger die Brücke geschlagen vom Kampf um die Bürgerrecht in den 60ern zur Occupy-Bewegung 2011/2012. Der Journalist und Sozialwissenschaftler Ralf Richter wird versuchen einzelne Episoden der Geschichte von Empörung und Widerstand heraus zu greifen und auch die aktuelle Empörung von einem und über einen deutschen Literaturnobelpreisträger nicht ausblenden … Eine spannende Diskussion scheint garantiert!

Domowina veröffentlicht auf Anregung von links! Papier zur Forderung nach Kohle-Stopp in der Lausitz

Ein Paukenschlag von der Domowina, dem Dachverband der Sorben in Bautzen zum Landesentwicklungsplan 2012. Die Sorben fordern Rücksicht auf ihre Siedlungsgebiete und einen rascheren Ausstieg aus der Verstromung der Braunkohle. Das “Wegbaggern” von Orten in der gesamten Lausitz hat viele Familien aus ihrer Heimat vertrieben – ihnen Haus und Hof genommen.  Was für die deutschen Familien schon schmerzlich ohne Ende ist, wirkt sich aber auf sorbische Sprache und Kultur als existenzbedrohend aus – denn ein “Umzug”, wie die Vertreibung beschönigend genannt wird, in andere Orte führt zum Auseinanderreißen sorbischer Gemeinschaften – und damit einhergehend zum Verlust von kultureller Identität.

Bislang wurde die Stellungnahme der Domowina zum Landesentwicklungsplan bundesweit mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen – von den Medien. Auf Anregung der Redaktion von links! ist die Stellungnahme seit heute (21. März) auf der Domowina-Homepage  für alle Bürger zu lesen sein. Die Domowina feiert in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen – links! gratuliert!

Leipziger Lust-Reise unter Glas

Warum es sich lohnt einen Frühlingstag drinnen zu verbringen

von Ralf Richter

Man hat die abschreckenden Beispiele in der Nachbarschaft: Der etwas verschrobenen Junge aus dem Hauseingang, der in Leipzig am Literaturinstitut studierte und von dem seine Mutter nun stolz berichtet, dass er Schriftsteller sei und im „Prenzlberg“ lebe, im Herzen von Berlin. Irgendwann fand er dann mal mit einem Buch den Weg ins Dresdner Kästner-Museum und ich hätte es wirklich nicht schade gefunden, wenn er den Weg verfehlt hätte. Oder der Freund der Eltern, der nach der Wende auf Politiker machte und nun die halbe Welt mit seinem Buch – es steht auf der Amazon-Bestsellerliste auf Platz 5.534.985 – bedroht. Bei diesem Hintergrund denkt man an die wunderbar eindeutigen Sätze eines Bertolt Brecht, der da sinngemäß formulierte, dass gut 80 Prozent der Kulturproduktionen der letzten Jahre durch etwas zweckmäßige Körperübungen im Freien ohne weiteres zu verhindern gewesen wären …

 

Die tausenden Verlage mit ihren hunderttausenden Büchern und Tonträgern jedes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig zeigen vor allem eines: Es gibt eine riesige Überproduktion. Von 100 Büchern, die neu auf den Markt kommen, verkaufen sich vielleicht zehn einigermaßen. Der Rest ist verlorene Liebesmüh. Warum soll man sich das nun alles antun, da in Leipzig? Die schiebenden Massen, den Lärm in den Hallen, die totale Reizüberflutung? Es geht ja schlimmer zu als bei Facebook. In einer Stunde hat man mindestens 50 Freunde an den Ständen gefunden. Doch: Erstens ist die Buchmesse auch etwas fürs Auge – man mag zur „Manga-Welle“ stehen, wie man will, aber die bunten Kostüme der jungen Leute sind ein Hingucker. Gleich am Eingang geben mir zwei reizvolle Mädels ihre Kamera und stellen sich in Pose. Kein schlechter Anfang für einen wunderbaren Tag. Zweitens gibt es genug Weizen jenseits der Spreu: Man muss nur 95 Prozent der Stände und Lesungen sowie Vorträge links liegen lassen und straff seinem Programm folgen, dass man vorher mit Hilfe des Internets geplant hat. Also erst Perlen Dalmatiens, dann Hörbuch-Forum der ARD, dann etwas junge Literatur und schließlich noch eine paar Blicke bei den Lieblingsverlagen. Dazwischen noch Bekannte treffen – mehr ist nicht drin und das ist schon viel.

Die Perlen Dalmatiens? Geschenkt. Eine dröge Lesung mit zu viel Kirchengeschichte. Aber das Hörbuch-Forum der ARD! Lebensberatung – und eine Entdeckung. Die Lebensberatung kommt daher in Gestalt eines unauffälligen Herrn, der das Buch „Ökofimmel“ geschrieben hat. Er heißt Alexander Neubacher und im Untertitel steht: „Wie wir versuchen die Welt zu retten – und was wir damit anrichten.“ Auf dem Cover prangt eine Papier-Tüte. Neubacher ist gnadenlos. Die Bioäpfel aus der Region im Februar? „Die haben durch Lagerhaushaltung mehr an Energie gekostet als ein normaler Apfel aus Neuseeland – in der Saison ist das mit dem Apfel aus der Region sinnvoll, nicht aber unbedingt im Frühling.“ Die Papiertüte für den Ökofreund? „Wird meistens nach einmaligem Einsatz entsorgt, hält ja auch nicht unbedingt lange – wenn sie dagegen eine Plastiktüte mehrfach verwenden …“ Thema Elektromobilität: „Die Batterien, die heute zum Einsatz kommen, haben mehr Energie in der Erzeugung verbraucht als ein normaler Mittelklassewagen in seinem ganzen Leben …“ Und so geht es weiter. Schlag auf Schlag: Die Mülltrennung, die Kurzspültaste im Klo – mein Leben wird sich ändern. Danke, Alexander! Dann kommt die Entdeckung: Quirlig, pummlig, mitteljung: Judka Strittmatter: „Ja, ich bin die Enkeltochter von Erwin Strittmatter.“ Nein sie schreibt nicht wie Eva oder Erwin, sie schreibt wie Judka. Jung, frisch, spannend. Zwei Schwestern, die zu Rivalinnen erzogen wurden und keine Liebe von den Eltern bekommen haben fahren an die Ostsee um sich und die Gegend kennen zu lernen. Das kommt unterhaltsam daher, aber nicht flach-witzig wie bei den Jung-Schreibern sonst gern üblich, sondern es hat schon Tiefgang. Da ist ein Abwägen, Durchdenken, Reflektieren und kein bloßes Daherplappern wie bei den Mädels in der Nachbarschaft. Die Bekannte stürmt los, borgt sich 20 Euro bei mir und holt sich die umgehend „Die Schwestern“. Ein Wermutstropfen: Die Biographie zum 100. Geburtstag ihres Opas Erwin Strittmatter hat der Verlag noch nicht fertig. Sie kommt erst im April: „Erwin Strittmatter – die Biographie“ ein Buch von Annette Leo. Man hätte die Vorstellung gern auf der diesjährigen Buchmesse erlebt. Judka Strittmatter und Anette Leo im Gespräch, das wäre es gewesen. Schade!

 

Nach Leipzig um einen herrlichen Frühlingstag als Messetag unter Glas zu erleben? Gern nächstes Jahr wieder, weil es sich lohnt! Wer die Frankfurter Buchmesse kennt, muss die Leipziger lieben. Es ist immer wieder eine Buch-Lust-Reise.

“Gorilla” erschüttert die Slowakei

Von wegen, wir werden gut informiert: Seit Monaten gibt es Massendemonstrationen in der Slowakei, die in den deutschen Medien erfolgreich verschwiegen werden. Auch eine besondere Form des Anti-Wahlkampfes: Anti-Korruptionsaktivisten zogen vor den Wahlen am vergangenen Wochenende in der Slowakei los und übermalten die Wahlwerbungsplakate mit weißer Farbe – von ausnahmslos allen Parteien. Das Phänomen ist übrigens auch in manchen Elb-Dörfern (und höchstwahrscheinlich in Sachsen nicht nur da) zu beobachten: Dort werden alle Plakate herunter gerissen, nicht nur die von der NPD.

Über die Hintergründe des Volkszorns in der Slowakei berichtet ausgiebig www.presseeurop.eu, eine Nachrichtenseite mit Sitz in Paris. Hier dazu nur so viel: Die Akte Gorilla stammt vom slowakischen Informationsdienst (SIS) und beleuchtet die Verstrickungen von Politik, Wirtschaft und Medien.  Ausnahmslos alle Parteien sind in der Slowakei in den Korruptionssumpf verwickelt. Ausgangspunkt sind die Beziehungen der Investitionsgruppe Penta zu den führenden Politikern des Landes im Jahr 2005 und 2006.  In Deutschland wird unterdessen der Niedersachsensumpf kaum aufgeklärt werden, nachdem der Ex-Bundespäsident ins Kloster gegangen ist. Es gibt weder eine intensive Aufklärung in Hannover der Verbindungen von Poltik, Wirtschaft und Medien, noch werden die Spuren nach Baden-Württemberg (Stichwort Nord-Süd-Dialog, Öttinger) weiter verfolgt. Bananen, wie sie in der Slowakei anlässlich der Gorilla-Skandal-Proteste verteilt werden, müssten sonst von Hannover auch nach Stuttgart, Berlin und Brüssel an die dortigen deutschen Politiker gereicht werden – und das können Christ- und Sozialdemokraten wirklich nicht wollen, nachdem ja nun klar ist, das EX-AWD-Chef und Millardär Carsten Maschmeyer Schröder und Wulff unter die Arme gegriffen hat … Möglich ist dies nur durch Medien, die gezielt nicht berichten oder lieber andere Themen wählen. Die Vulkane in Island zum Beispiel oder die Schweinegrippe. Im Vorjahr gefielen sich die niedersächsischen Medien darin, den nicht vorhandenen EHEC-Erreger in ihrem Bundesland zu verfolgen und zu bekämpfen – es ist ja viel einfacher Phänomäne investigativ zu beleuchten als reale Korruptionsfälle in der Landesregierung und bei ortsansässigen Großunternehmen anzugehen. Dass Siemens und andere deutsche Großkonzerne die südafrikanische Regierung bestochen haben schlägt Wellen in Kapstadt und Johannesburg – nicht aber in Berlin oder München. In München oder Berlin ist man eher mit den Problemen von Damaskus beschäftigt und sorgt sich um die nicht existierenden Atomwaffenpläne des Iran. Alle westlichen Geheimdienste haben bestätigt, dass der Iran nicht an der Bombe arbeitet sondern lediglich seine Energieversorgung im Blick hat, doch die deutschen Medien haben das “iranische Kernwaffenprogramm” auch weiterhin fest im Blick.

Der 8. März – Ein Kommentar zum „Tag der Steineklopferinnen“

von Ralf Richter

 

Ich habe im letzten Jahr eine Skulptur gesehen, die einen unglaublichen Eindruck auf mich gemacht hat: Die Steineklopferin im Park von Brandenburg – das Original steht in Berlin. Eine Frau sitzt mit einem Hammer in felsiger Landschaft. Sie zertrümmert Steine, aber sie wendet das Gesicht dabei ab. Ich musste erst um die Skulptur herum laufen um zu sehen, wem die Aufmerksamkeit der Arbeiterin gilt: Neben ihr auf den den nackten Steinen liegt ihr Baby. Hat sich mal jemand gefragt, unter welchen Bedingungen der Schotter zwischen den Eisenbahnschienen entstanden ist, bevor es Maschinen gab zur Zerkleinerung von Steinen? Die Schottersteine haben die Steineklopferinnen hergestellt – Kinderbetreuung Fehlanzeige. Zwischen herum fliegend Steinsplittern betrachtet die junge Arbeiterin liebevoll ihr Baby. Arbeitsbedingungen, wie sie vor hundert Jahren üblich waren. Auch in Sachsen.

 

Was hat sich seit 1989 bei den Arbeitsbedingungen für Arbeiterinnen getan – die man zu Angestellten verbal „erhoben“ hat? Nehmen wir meine ehemalige Branche, die Post. Erinnern Sie sich noch an die Post in Ihrer Nähe? Sie bekamen dort vielleicht damals kein Glas Gurken und konnten keine Versicherung kaufen, aber Tageslicht füllte den Raum und die Frauen saßen (es waren viele) an ihren Tischen, vor denen wiederum Schlangen standen. Nach 1989 verschwanden die Stühle – seither stehen sich die Frauen die Beine in den Bauch und inzwischen hat man ihnen auch noch das Tageslicht geraubt. Wo früher Fenster waren stehen heute Regale mit „tollen Produkten“. Als wäre das alles nicht genug werden die Frauen – sofern sie überhaupt noch bei „der Post“ sind – hin und her getrieben und wissen manchmal Freitagmittag nicht, in welcher Filiale sie nächsten Montag „Dienst stehen“ werden. Keine Gewerkschaft hat sie geschützt. Auf der Strecke bleiben Gesundheit und Familie.