Category Archives: Buchbesprechung

Kulturtipps: Leipziger Thomaner im Kino und Hans-Georg Aschenbach im Buchladen

Heute (Donnerstag, 16. Februar) geht es los: In den Programmkinos in Deutschland wird der Film über die Leipziger Thomaner gezeigt. Der Dokumentarfilm “Die Thomaner” wurde anlässlich des 800jährigen Chor-Jubläums  gedreht.  In den Anfangsjahren sangen die Knaben noch für Schulbildung, Nahrung und Unterkunft – diese Rolle haben in unseren Tagen zum Teil die “Bürgerbühnen” übernommen, wo auch viele Menschen mitwirken, die am Existenzminimum leben müssen nicht zuletzt dank Hartz IV.  Im Thomanerfilm geht es um Leistungsdruck und Erfolg, aber auch um Heimweh und Freundschaft, um nur einige der behandelten Themen zu nennen. Außerdem wird er als Film “über Glaube und Tradition” vom Verleih beworben.  In Dresden sind “Die Thomaner” zu sehen im Programmkino Ost und im Neuen Rundkino, in Leipzig startet der Film im CineStar und den Passage Kinos.  Wir hier bei Links-Sachsen präsentieren den Trailer “Die Thomaner”.

Eine lesenswerte kritische Betrachtung zum Film findet sich in die Leipziger Internetzeitung unter der Überschrift: “Neu im Kino:  ‘Die Thomaner’ feiert den Chor mit zu oberflächlichem Blick”.

Kritisch wird in Mitteldeutschland von vielen auch der einstige Ski-Springerstar Hans-Georg Aschenbach gesehen. Jetzt liegt sein Buch in den Buchhandlungen aus: “Euer Held. Euer Verräter”. Es erschien im Mitteldeutschen Verlag. Wie der Titel verrät, wendet sich der Autor explizit an die ostdeutschen Leserinnen und Leser, für die er einmal ein Idol war.  Mit Aschenbach, der 1951 in Brotterode/Thüringen geboren wurde und der für die DDR olypmisches Gold und vier Mal den Weltmeistertitel im Skispringen holte bevor er sich noch 1988 in den Westen absetzte, führte die Frankfurter Rundschau ein Interview. Aschenbach liest morgen, am 17. März im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig 19.30 Uhr und in Dresden in der Thalia-Buchhandlung am 21. Februar.

Zu Charles Dickens 200. Geburtstag – “Große Ewartungen” im DeutschlandradioKultur

Heute (7. Februar) ist sein 200. Geburstag.  Sein Name wurde als Autor von “Oliver Twist” weltberühmt: Charles Dickens lebte von 1812 bis 1870. Er agierte in einer Zeit tiefgreifendster sozialer Umbrüche und Veränderungen – scheinbar weit entfernt von unserer Zeit und dabei doch gar nicht so weit weg. Es war die Zeit, als die englische Bevölkerung in Massen das Land verließ und in die Städte zog, wo sich bald die Armut ausbreitete. Charles Dickens musste selbst als 12jähriger in einer Londoner Schuhwichsfabrik schuften – ein einschneidendes Erlebnis, was ihn für soziale Themen Zeit seines Lebens sensibilisierte. Heute haben wir die Situation, wo deutsche Spardiktate europaweit Massenarbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Kinderarmut erzeugen. 15.000 Staatsbedienstete werden nicht zuletzt auf deutschen Druck hin in Griechenland in diesem Jahr entlassen.  Wer aber seinen Job im griechischen Staatsdienst behält, dem wird das Gehalt um 20 Prozent gekürzt – dagegen gibt es heute Massenproteste in Griechenland. Doch ausbaden müssen die Misere nicht zuletzt die Kinder.

Sein anspruchsvoller Roman “Great Expactations” – “Große Erwartungen” erscheint soeben in neuer Übersetzung. Wer mal reinhören will kann das am Sonnabend bei DeutschlandradioKulur von 17.30 Uhr bis 18 Uhr. Wer stattdessen lieber oder zusätzlich Oliver Twist hören möchte, der sollte wissen, dass das gessamte Buch derzeit als Hörbuch im Nordwestradio zu hören ist. Heute wird zwar bereits Teil 7 gesendet aber es gibt insgesamt 30 … Sendezeit beim Nordwestradio ist immer 18.30 Uhr.  In Sachsen am besten im Internet zu hören über den Link Nordwestradio

 

„Hohe Luft“ – ein neues Magazin aus Hamburg macht Lust auf philosophisches Denken

von Ralf Richter für links!

Am besten sind die Wahlkämpfe, die der Gegner für einen führt: „Wir haben gelogen – früh, mittags und am Abend. Wir haben einfach immer gelogen.“ Das sagte der sozialdemokratische Ex-Staatschef Ungarns Ferenc Gyurcsany unvorsichtigerweise in einem Telefonat, das mitgeschnitten wurde. Beim nächsten Wahlkampf brauchte dann die Opposition nur noch Lautsprecher aufzustellen oder mit dem Lautsprecher-Wagen durch die Straßen zu fahren. Das reichte. Kein Oppositionspolitiker brauchte sich noch selbst zu profilieren. Die Regierungspartei war bis auf die Knochen gedemütigt und wer heute die Macht der konservativen FIDESZ und Viktor Orbans beklagt, der sollte auch daran denken, durch welche Politik er spielend an die Macht gekommen ist. Die einstige Regierungspartei war schlicht unwählbar geworden. Ihre Anhänger blieben beschämt zu Hause und die Opposition ging triumphierend in die Wahlkabinen.

Ohne Frage: Politik und Lüge sind überall auf der Welt beherrschende Themen. Unser Gutti und nun unser Wulffi – alles Lüge! Doch ist es so schlimm und mittlerweile so umfassend sumpfig – der tiefe Niedersachsensumpf in dem jeder mit jedem kungelt und selbst die Baden-Württemberger mit Öttinger drin hängen – dass eine wirkliche umfassende Aufklärung vermutlich das komplette Parteien- und Wirtschaftssystem der Bundesrepublik beim demokratie-restgläubigen Bürger komplett diskreditieren würde. Deshalb sorgt sich SPD-Gabriel wohl so um CDU-Wulff: „Es ist nicht Aufgabe der Sozialdemokraten, den Rücktritt Wulffs zu fordern!“ Der Zuschauer hört es und denkt, Gabriel? Ist der nicht auch, wie Wulff, wie Schröder, wie Maschmeyer ein Niedersachse? Will sich hier einer selbst retten? Prophylaktisch etwa? Was bedeutet dazu das laute Schweigen der Kanzlerin?

Kurz: Ein besseres Aufmacher-Thema als: „Du sollst nicht lügen! Aber warum eigentlich nicht?“ als Startheft für ein neues Philosophie-Magazin aus Dresdens Partnerstadt Hamburg konnte es kaum geben. (Hohe Luft, das wissen Hamburg-Kenner, ist ein Gebiet in der Hansestadt, wo auch die Redaktion zu Hause ist.)

Tiefgründiges Denken ist ja nun offenkundig nicht die Lieblingsbeschäftigung der meisten Politiker. Denn wüssten sie, was sie mit ihren Reden anrichten, sie würden wohl öfter schweigen – das betrifft nicht nur die politisch Engagierten im bürgerlichen Lager. Da kommt so ein Thema – philosophisch von allen Seiten beleuchtet – gerade recht. Um die Problematik klar zu machen beginnen die raffinierten Hamburger  mit einem profanen Einstieg:  Die schon auf dem Sterbebett liegende Tante äußert sich besorgt um ihre Goldfische, die freilich längst das Zeitliche gesegnet haben. Aber wer der Angehörigen wird die ohnehin Gebrechliche noch mit der Wahrheit foltern wollen? Hier wird es offensichtlich: Lüge ist nicht gleich Lüge. Es gab und gibt verschiedenen Auffassungen und das Lügenthema zieht sich durch alle Bereiche: Firmen-, Umwelt- und Militärpolitik bis hinein zu intimsten Beziehungsfragen mit dem eigenen Partner. Da gibt es den Brachial-Wahrheitsfanatiker Kant, aber auch den konzilianten Macchiavelli. Nicht ohne war auch Hemingway: „Die Lüge tötet die Liebe. Aber die Aufrichtigkeit tötet sie erst recht.“ Was meinten die alten Griechen dazu? Freilich: Es fehlen die Stimmen von außerhalb des westlichen Kulturkreises, das muss im gerade gestarteten Jahr des Drachens einfach mal gesagt werden. Wo bleibt Konfuzius? Was meinen Islam und Judentum zu der Frage? Vielleicht fehlte der Platz oder das Vorstellungsvermögen der Schreiber, das Leser so viel Genuss bei dem Thema empfinden können, dass es durchaus keine Überdehnung gewesen wäre, hätte jemand den Mut besessen, den Bogen noch weiter zu spannen.  Aber – das kann man hoffen – das Thema ist ist einfach zu tragfähig, als dass man es übers Herz bringen könnte, darauf später nicht in der einen oder anderen Form zurück zu kommen.

Das Philosophie-Magazin für alle soll in diesem Jahr aller zwei Monate erscheinen. Es kostet 8 Euro und ist im Internet zu finden unter www.hoheluft-magazin.de

Volker Braun ruft zum zivilen Ungehorsam am 18. Februar 2012 in Dresden auf

Die Bügerpflicht ist wichtiger als irgendwelche Polizeiansagen, sagte der Dresdner Kunstpreisträger und Schriftsteller Volker Braun unter Beifall bei einer Lesung vor den Dresdnerinnen und Dresdern in der Hauptbibliothek im Dresdner World Trade Center.  Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Stadtführung sich in diesem Jahr geschickter anstellen würde als im letzten.  Wenn es aber notwendig sei, dann habe nicht nur Thierse als Bundestagspräsident das Recht sich zur “justiziablen Barrikade” zu begeben sondern auch jede Dresdnerin und jeder Dresdner habe das Recht und die Pflicht seinem Gewissen zu folgen.  Man muss wissen, wann den Anordnungen der Polizei folge zu leisten ist und wann nicht, sagte der prominente Autor sinngemäß bei der Vorstellung seiner neuen Buches “Die hellen Haufen”.  In diesem bei Suhrkamp erschienen Buch vermischt der Autor den Bauernkrieg unter Thomas Münzer mit einem fiktiven Volksaufstand vom Mansfelder Land ausgehend vor dem Hintergrund des tatsächlich stattgefundenen Protestes und Hungerstreiks der Bergleute nach der Wende. Im DeutschlandradioKultur gab es dazu eine interessante Buchkritik.

 

Die bemerkenswerten Äußerungen Volker Brauns im Zusammenhang mit dem Widerstand der Dresdner gegen den rechten Aufmarsch am 18. Februar  sind im Internet nachzuhören auf einem youtube-Video, das bei der Dresdner Lesung entstanden ist: “Volker Braun ruft zur Barrikade am 18. Februar

Jammern auf hohem Niveau

von Rico Schubert für links! 12/2011

Das erste Buch von Katja Kullmann habe ich als Mann, ob des etwas verstörenden Titels Generation Ally, nicht gelesen. Das aktuelle Buch Echtleben: Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben weckte mehr Interesse. Es bleibt leider etwas unklar, was Kullmann mit dem Buch erreichen will. Es ist kein Roman, aber auch kein Sachbuch. Kullmann schildert in der Ich-Perspektive die Schwierigkeiten des modernen Lebens. Und dabei spart sie noch – als Frau um die 40 – die diese Generation betreffenden Kinder- und Familienthemen und die daraus resultierenden Probleme aus. Aber die Schwierigkeiten des Lebens genügen auch so schon. Denn, wie alle um 1970 Geborenen, hat sie in Zeiten der „verschärften kapitalistischen Flexibilisierung“ ganz schön zu tun. Optimistisch beginnend als sogenannte „Freelancerin“, d.h. als Freiberuflerin ohne betrieblichen Hintergrund, als Kleinstunternehmerin, die nichts zu verkaufen hat als ihre journalistischen Texte, und lediglich ihre Arbeitskraft am Markt anbieten kann, wird sie bald mit den Niederungen und Unsicherheiten konfrontiert, die entstehen, wenn Aufträge storniert werden und wegbrechen – und auf einmal gar kein Geld mehr da ist.

Die Szenen, die sie als HartzIV-Empfängerin auf dem Arbeitsamt erlebt und beschreibt, gehören mit zu den eindrucksvollsten des Buches. Denn auf einmal ist es gar nicht mehr so einfach Würde zu behalten, und alle die, die sich auf dem Amt einfinden müssen, sind ihr weder so fern, dass sie aus der Distanz eine „gelungene Reportage“ schreiben könnte, noch werden sie von ihr als gänzlich Gestrauchelte gesehen – immerhin beantragt sie ja auch gerade Unterstützungsleistungen. Was auffällt: Permanente Vorläufigkeit – in Arbeits-, Freundschafts- wie in Liebesbeziehungen – „noch zwei, drei Jahre, dann sehen wir weiter“ – scheinen ein Merkmal unserer Zeit zu sein. Offenbar gezwungenermaßen, denn Flexibilität ist wohl die wichtigste der abverlangten „Tugenden“.  Bildung, Kreativität und Fleiß, die allseits gelobten Individualtugenden des Spätkapitalismus dagegen – sie rechnen sich offenbar nicht. Denn auch Kullmann scheitert trotz höchster Qualifizierung und Ehrgeiz. Kullmann hinterfragt deswegen  – wenn Wirtschaftskrisen, Flexibilisierung und Erosion der Mittelschicht den Takt vorgeben – auf der persönlichen Ebene: Bin ich noch bereit, meine Ideale zu verraten, um meinen sozialen Status zu halten? Was ist der Ausweg, wenn mein individualisiertes Lebenskonzept in die Sackgasse führt?

Beim  Lesen fällt auf, hier jammert jemand auf hohem Niveau. Denn dass freie Autoren es schwer haben, sich durch die Arbeit am Papier am Leben zu halten, ist unbestritten. Aber es gibt Menschen, die es noch viel schwerer haben. Der letzte UN-Bericht vom Juli diesen Jahres kritisierte schwere Versäumnisse bei der deutschen Sozialpolitik, wie über Generationen währende Bildungsbenachteiligung, Kinderarmut, ein Hartz-IV-System, das keinen angemessenen Lebensstandard garantiert und mit seinen Sanktionsklauseln gegen das Recht auf Berufsfreiheit verstößt. 13 Prozent der Deutschen leben unter der Armutsgrenze. Diese Menschen haben es deutlich schwerer als die Autorin.
Es bleibt festzuhalten, es handelt sich um ein soziologisches und politisches Buch. Aber es ist eben kein Roman, sondern wohl vor allem Lamentier-Literatur, ohne tiefere Erkenntnis. Und es geht offenbar weniger um die Suche nach einer Haltung, als vielmehr um die Suche mit einer Haltung Geld zu verdienen. Aber das ist auch schon schwer genug.

Die Mettenschicht

Volker Braun für Links! 12/2011

Sie stehen schweigend in der Dunkelheit
Im tiefen Schnee in ihrem Ehrenkleid.
Wohin, ihr schwarzen Leute? Unbetrübt
Gehn sie der Arbeit nach, dies nicht mehr gibt.
Fest in der Pfote halten sie ihr Licht
Daß bei der Nacht es daran nicht gebricht.
Sie steigen ordentlich den Berg hinan
Zur großen Einfahrt von Sankt Ann.
„Genossen warens alle“, freigesetzt
Gehn sie zum Gottesdienst und beten jetzt.
Arschkalt ist es bei Gott in seinem Bau
Wie erdenwarm geheizt war ihr Verhau.
Sie sind vereint, als wären sie vor Ort
Und beten barhaupt, aber nicht das Wort.
Das höchste Wesen lebt in dem Gedicht
Vom Steiger, welcher kommt mit seinem Licht.

 Das Gedicht “Die Mettenschicht” vomn Volker Braun entstand im Dezember 2010 in Eisleben und wurde durch die Links! erstmals publiziert. Es schließt an die Erzählung “Die hellen Haufen” an, die 2011 im Berliner Suhrkamp Verlag erschienen ist, und in der letzten Ausgabe rezensiert wurde.

Das Bild “Halde mit Espen” ist eine Kaltnadelradierung von der Hallenser Künstlerin Claudia Berg, entstand 2009 in der Serie “Mansfelder Landschaften”. (55,5 x 72 cm)
www.claudia-berg-grafik.de

Am 16. Dezember wurde “Die Mettenschicht” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt, hier ein Ausriß. Eine wenig freundliche Rezension in der FAZ findet sich hier.

 

 

„Eigentümer, so hatten sie sich nie gesehen“ (Volker Braun)

Für Links! rezensiert Jayne-Ann Igel das neue Buch von Volker Braun “Die hellen Haufen”

„Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden“ – dieser Eingangssatz von Volker Brauns eben bei Suhrkamp erschienener Erzählung „Die hellen Haufen“, die die fiktiven Ereignisse in einem Ort namens Bitterode zum Gegenstand hat, könnte als Motto fürs Ganze stehen. Indes findet sich eine sinnverwandte Sentenz des Philosophen Ernst Bloch dem Band vorangestellt: Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.

Erzählt wird die Geschichte eines Aufstandes von Entlassung bedrohter Bergarbeiter und Beschäftigter anderer Industriezweige zu Beginn der 90er Jahre in Ostdeutschland. Die Geschichte, die so nicht stattgefunden hat, nimmt in Bitterode ihren Anfang. Den Hintergrund bilden die nach der Wiedervereinigung von der Treuhandanstalt vollzogenen Privatisierungen und Stillegungen vormals volkseigener Betriebe, in deren Folge Millionen ihren Arbeitsplatz verlieren sollten. Auch der eigentlich rentabel wirtschaftende Kalibergbau von Bitterode ist nun von Verkauf und Schließung bedroht, marktbeherrschenden Konzernen geht es allein um Marktbereinigung, und so organisieren die Kalikumpel einen Hungerstreik, der landesweit Solidarisierungen zeitigt, brechen zu einem Marsch in die Bundeshauptstadt auf, wagen den Aufstand. Einen Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wird, weil sie viel zu wenige und ungenügend organisiert, nur ein Haufen … Im Erzähltem mitschwingend die Frage, was geworden wäre, wenn … Get the whole story »