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Einwandermuseum in Dänemark eröffnet

Während in Deutschland über ein Museum für Flucht und Vertreibung gestritten wird, gibt es in den USA, in Brasilien und neuerdings auch in Dänemark ein Einwanderermuseum, das “Immigrant Museet”, wie es auf Dänisch heißt. Berichtet wird über die Geschichte der Einwanderung über die Jahrhunderte. So begann schon im 16. Jahrhundert Dänemarks König Christian II.  gartenbaukundige Holländer in Dänemark anzusiedeln, die Obst und Gemüse für den königlichen Hof liefern sollten.

Die Direktorin des Museums  Cahtrine Rasmussen findet, dass das Museum zur Integration und zu einem friedlichen Miteinander beitragen kann und das in Dänemark jede Gruppe das Recht hat, ihre Geschichte darzustellen.  Im “Immigrant Museet” werden Einwanderergeschichten aus persönlicher Sicht erzählt aber es werden auch Mitbringsel vorgestellt und auch Beispiele von gescheiterter Integration, bei denen Dänemark keine gute Figur gmacht hat, bleiben nicht ausgespart.

Für Deutschland ist bekannt, dass Friedrich der Große sich um die Ansiedlung insbesondere der Hugenotten (man denke an die Fontanes) stark gemacht hat. In Sachsen wurden massiv lange vor August dem Starken böhmische Flüchtlinge unterstützt – die ihrerseits aus Dankbarkeit gegenüber dem Landesherrscher, dem Kurfürsten Johann-Georg, gleich namentlich eine ganze Stadt widmeten: Johanngeorgenstadt.  Nicht nur die Herrnhunter Sterne sondern auch die Instrumentenindustrie, die Glasfabrikation aber auch der Bergbau im Erzgebirge stehen in Verbindung mit der böhmischen Zuwanderung.  Sachsen hatte infolge des Dreißigjährigen Krieges über die Hälfte der Bevölkerung verloren und war wie Preußen aus Masseneinwanderung angewiesen. Zwar ist Leipzig als Handelsstadt bekannt doch weniger populär ist die Geschichte Dresdens als Stadt mit dem vierthöchsten Ausländeranteil im Deutschen Reich zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Bis heute wissen die wenigsten Dresdner und Sachsen, dass es neben dem russischen auch eine schottische, amerikanische und englische Kirche gab, dass in der sächischen Landeshauptstadt eine englische Tageszeitung gedruckt wurde.  Die Österreicher stellten in dieser Zeit die größte Einwanderergruppe neben Amerikanern, Engländer und Russen. 1910 wurden 11.473 Männer sowie 12.913 Frauen österreichischer Nationalität gezählt.  Während die Österreicher überwiegend zum Arbeiten kamen waren Russen, Amerikaner und Engländer hier um sich zu bilden, wenn sie nicht ihren Alterswohnsitz in Elbflorenz nahmen.  Der Leiter des Königlich Sächsischen Statistischen Büros Dr. Viktor Böhmert schrieb 1892:  “Da, wo viele Ausländer leben, wird sich auch der geistige Horizont der Einheimischen unwillkürlich erweitern und man wird mehr geneigt sein, auch vom Auslande zu lernen und sich bessere Arbeitsmethoden oder sonstige Vorzüge des Auslandes anzeigenen.”

Da es Deutschland weder ein festes noch ein virtuelles Einwanderermuseum derzeit gibt, lohnt sich schon mal ein virtueller Besuch des nächstgelegenen europäischen Einwanderermuseums unter www.danishimmigrationsmuseum.com

12 Jahre Privatisierungspolitik sind genug – bis 30. März Aufruf unterzeichnen

Beim letzten deutschlandweiten Sozialforum in Hitzacker stellte sich die Gemeinwohl-Initiative von attac vor. Sie richtet sich gegen den Trend zum “PPP” (Public Private Partnership – zu deutsch öffentlich-pivate Partnerschaft, wie der Einstieg in einer Vollprivatierung öffentlicher Güter zumeist vornehm umschrieben wird).

Die Aktion Gemeingut in BürgerInnenhand will dazu beitragen, dass die weiteren Privatisierungstendenzen gestoppt werden und dazu sollen dem Finanzminister Unterschrifslisten übergeben werden, in denen die Bürgerinnen und Bürger in Massen gegen die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen (wie Krankenhäuser) protestieren. Gerade das Dresdner Beispiel hat unlängst gezeigt, dass die Bürger der Veräußerung des kommunalen Tafelsilbers an “private Investoren” die ausschließlich dem Profitinteresse ihrer Aktionäre verpflichtet sind an Stelle des Gemeinwohles, nicht unkritisch gegenüber stehen.  Es gibt einerseits die Möglichkeit der Online-Unterzeichnung, andererseits können Listen ausgedruckt, ausgelegt und an die Bürgerinitiative zurück geschickt werden. Zum Aufruf gelangt man über den Link:  Aufruf und die Listen herunterladen kann man über diesen Link

Der Finanzminister wird aufgefordert, die bisherige Verschuldung durch PPP offen zu legen, aktuelle Privatisierungsvorhaben zu stoppen, die PPP-Werbeagentur “Partnerschaften Deutschland AG” ersatzlos aufzulösen und die deutschen Schattenhaushalte zu schließen.  Die seit Jahren arbeitenden Anti-PPP-Aktivisten haben eine Liste von PPP-Aktivitäten in Deutschland aufgestellt. In Sachsen werden vier Projekte genannt: das Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden, das Kreishaus Schloss Sonnenstein in Pirna,  das Justizzentrum Chemnitz Gerichtsgebäude, das Parkhaus am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig und die Erich-Kästner sowie die Pablo-Neruda-Grundschule in Leipzig.  Sie kennen weitere Projekte in Sachsen, die hier nicht gelistet sind? Dann informieren Sie die Initiative am besten per Email: info@ppp-irrweg.de

Einladung zum 5. Regionalen Sozialforum in Bautzen am 4. Februar

Unter dem Motto “Zukunft mitgestalten” lädt Attac-Bautzen zum 5. Regionalen Sozialforum am 4. Februar nach Bautzen ein. Vier Gesprächeskreise wird es geben: “Regionalgeld und seine Chancen”, “Der Tauschring – eine alte Idee neu beleben”, “Patenschaften – Zeit schenken” und “Regionales Bürgerzentrum, Bürgerstiftung?”.

Die Veranstaltung beginnt 10 Uhr am 4. Februar (Sonnabend) im Philipp-Melanchthon-Gymnasium, Haus II, Tzschirnerstraße 2/Ecke Seminarstraße.  “Für das leibliche Wohlergehen ist gesorgt”, heißt es im Einladungsschreiben. Der Eintritt ist frei.  Anmeldungen per Email an bautzen@attac.de

Das Ende der Veranstaltung ist für 14 Uhr geplant.

„Hohe Luft“ – ein neues Magazin aus Hamburg macht Lust auf philosophisches Denken

von Ralf Richter für links!

Am besten sind die Wahlkämpfe, die der Gegner für einen führt: „Wir haben gelogen – früh, mittags und am Abend. Wir haben einfach immer gelogen.“ Das sagte der sozialdemokratische Ex-Staatschef Ungarns Ferenc Gyurcsany unvorsichtigerweise in einem Telefonat, das mitgeschnitten wurde. Beim nächsten Wahlkampf brauchte dann die Opposition nur noch Lautsprecher aufzustellen oder mit dem Lautsprecher-Wagen durch die Straßen zu fahren. Das reichte. Kein Oppositionspolitiker brauchte sich noch selbst zu profilieren. Die Regierungspartei war bis auf die Knochen gedemütigt und wer heute die Macht der konservativen FIDESZ und Viktor Orbans beklagt, der sollte auch daran denken, durch welche Politik er spielend an die Macht gekommen ist. Die einstige Regierungspartei war schlicht unwählbar geworden. Ihre Anhänger blieben beschämt zu Hause und die Opposition ging triumphierend in die Wahlkabinen.

Ohne Frage: Politik und Lüge sind überall auf der Welt beherrschende Themen. Unser Gutti und nun unser Wulffi – alles Lüge! Doch ist es so schlimm und mittlerweile so umfassend sumpfig – der tiefe Niedersachsensumpf in dem jeder mit jedem kungelt und selbst die Baden-Württemberger mit Öttinger drin hängen – dass eine wirkliche umfassende Aufklärung vermutlich das komplette Parteien- und Wirtschaftssystem der Bundesrepublik beim demokratie-restgläubigen Bürger komplett diskreditieren würde. Deshalb sorgt sich SPD-Gabriel wohl so um CDU-Wulff: „Es ist nicht Aufgabe der Sozialdemokraten, den Rücktritt Wulffs zu fordern!“ Der Zuschauer hört es und denkt, Gabriel? Ist der nicht auch, wie Wulff, wie Schröder, wie Maschmeyer ein Niedersachse? Will sich hier einer selbst retten? Prophylaktisch etwa? Was bedeutet dazu das laute Schweigen der Kanzlerin?

Kurz: Ein besseres Aufmacher-Thema als: „Du sollst nicht lügen! Aber warum eigentlich nicht?“ als Startheft für ein neues Philosophie-Magazin aus Dresdens Partnerstadt Hamburg konnte es kaum geben. (Hohe Luft, das wissen Hamburg-Kenner, ist ein Gebiet in der Hansestadt, wo auch die Redaktion zu Hause ist.)

Tiefgründiges Denken ist ja nun offenkundig nicht die Lieblingsbeschäftigung der meisten Politiker. Denn wüssten sie, was sie mit ihren Reden anrichten, sie würden wohl öfter schweigen – das betrifft nicht nur die politisch Engagierten im bürgerlichen Lager. Da kommt so ein Thema – philosophisch von allen Seiten beleuchtet – gerade recht. Um die Problematik klar zu machen beginnen die raffinierten Hamburger  mit einem profanen Einstieg:  Die schon auf dem Sterbebett liegende Tante äußert sich besorgt um ihre Goldfische, die freilich längst das Zeitliche gesegnet haben. Aber wer der Angehörigen wird die ohnehin Gebrechliche noch mit der Wahrheit foltern wollen? Hier wird es offensichtlich: Lüge ist nicht gleich Lüge. Es gab und gibt verschiedenen Auffassungen und das Lügenthema zieht sich durch alle Bereiche: Firmen-, Umwelt- und Militärpolitik bis hinein zu intimsten Beziehungsfragen mit dem eigenen Partner. Da gibt es den Brachial-Wahrheitsfanatiker Kant, aber auch den konzilianten Macchiavelli. Nicht ohne war auch Hemingway: „Die Lüge tötet die Liebe. Aber die Aufrichtigkeit tötet sie erst recht.“ Was meinten die alten Griechen dazu? Freilich: Es fehlen die Stimmen von außerhalb des westlichen Kulturkreises, das muss im gerade gestarteten Jahr des Drachens einfach mal gesagt werden. Wo bleibt Konfuzius? Was meinen Islam und Judentum zu der Frage? Vielleicht fehlte der Platz oder das Vorstellungsvermögen der Schreiber, das Leser so viel Genuss bei dem Thema empfinden können, dass es durchaus keine Überdehnung gewesen wäre, hätte jemand den Mut besessen, den Bogen noch weiter zu spannen.  Aber – das kann man hoffen – das Thema ist ist einfach zu tragfähig, als dass man es übers Herz bringen könnte, darauf später nicht in der einen oder anderen Form zurück zu kommen.

Das Philosophie-Magazin für alle soll in diesem Jahr aller zwei Monate erscheinen. Es kostet 8 Euro und ist im Internet zu finden unter www.hoheluft-magazin.de

Ungehorsam-Kongress in Dresden am 28. und 29. Januar – Anmeldungen ab sofort!

Brav und obrigkeitshörig war gestern. Seit dem arabischen Frühling erwacht auch Europa. Echte Demokratie Jetzt und die Occupy-Bewegung sind weltweit vernetzt. Den Ungehorsam lernen kann man auf einem Kongress der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wird an der TU Dresden am 28. und 29. Januar.  Es gibt Vorträge und Workshops.  Anmeldungen sind ab sofort möglich. Die Veranstaltung nimmt bezug auf die Besetzung des Tahir-Platzes in Kairo vor einem Jahr einerseits und beschäftigt sich mit dem kommenden Februar in Dresden und Blockaden rechter Aufmärsche andererseits. Aktueller und näher am Puls der Zeit kann ein Kongress nicht sein.

 

Die Veranstaltung beginnt am Sonnabend 10.30 Uhr mit einer Podiumsdiskussion unter dem Motto: “Breaking the Rules – Erfahrungen aus Ägypten, Chile und Europa.”

Gret Palucca im Dresdner Stadtarchiv

Am 8. Januar jährte sich ihr Geburstag zum 110. Mal.  Dresdens berühmteste Tänzerin wurde in 1902 in München geboren, wuchs in San Francisco auf und kam mit ihrer Mutter nach Dresden, wo sie ab 1914 Balettunterricht nahm. Vier Jahre nach Mary Wigman eröffnete sie in Dresden ihre Tanzschule für Ausdruckstanz – die Wiedereröffnung der Tanzschule nach dem Krieg erfolgte bereits am 1. Juli 1945.

Im Stadtarchiv Dresden werden aus Anlass ihres Geburtstages bis 2. März großformatige Öl-Gemälde des jungen Künstlers Iven Zwanzig gezeigt, die allerdings erst nach dem Tod von Gret Palucca entstanden sind.  Die Ausstellung trägt den Namen “Paluccas Tanz – Dresdens Glanz”. Besichtigungszeit ist in der Woche am Dienstag und Donnerstag jeweils von 9 bis 18 Uhr, am Mittwoch von 9 bis 16 und am Freitag von 9 bis 12 Uhr. Da Bilder der Ausstellung bereits bei andereren Gelegenheiten gezeigt wurden wie unlängst in Elsterwerda, ist es auch möglich beim Elbe-Elster-Fernsehen einen Blick auf die Exposition zu erhaschen.

Palucca- Interessierte haben übrigens ganzjährig Gelegenheit im Museum Hofmühle in Dresden (Plauen) die Ausstellung “Palucca – Biographisches in Koffern” zu sehen.

Jammern auf hohem Niveau

von Rico Schubert für links! 12/2011

Das erste Buch von Katja Kullmann habe ich als Mann, ob des etwas verstörenden Titels Generation Ally, nicht gelesen. Das aktuelle Buch Echtleben: Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben weckte mehr Interesse. Es bleibt leider etwas unklar, was Kullmann mit dem Buch erreichen will. Es ist kein Roman, aber auch kein Sachbuch. Kullmann schildert in der Ich-Perspektive die Schwierigkeiten des modernen Lebens. Und dabei spart sie noch – als Frau um die 40 – die diese Generation betreffenden Kinder- und Familienthemen und die daraus resultierenden Probleme aus. Aber die Schwierigkeiten des Lebens genügen auch so schon. Denn, wie alle um 1970 Geborenen, hat sie in Zeiten der „verschärften kapitalistischen Flexibilisierung“ ganz schön zu tun. Optimistisch beginnend als sogenannte „Freelancerin“, d.h. als Freiberuflerin ohne betrieblichen Hintergrund, als Kleinstunternehmerin, die nichts zu verkaufen hat als ihre journalistischen Texte, und lediglich ihre Arbeitskraft am Markt anbieten kann, wird sie bald mit den Niederungen und Unsicherheiten konfrontiert, die entstehen, wenn Aufträge storniert werden und wegbrechen – und auf einmal gar kein Geld mehr da ist.

Die Szenen, die sie als HartzIV-Empfängerin auf dem Arbeitsamt erlebt und beschreibt, gehören mit zu den eindrucksvollsten des Buches. Denn auf einmal ist es gar nicht mehr so einfach Würde zu behalten, und alle die, die sich auf dem Amt einfinden müssen, sind ihr weder so fern, dass sie aus der Distanz eine „gelungene Reportage“ schreiben könnte, noch werden sie von ihr als gänzlich Gestrauchelte gesehen – immerhin beantragt sie ja auch gerade Unterstützungsleistungen. Was auffällt: Permanente Vorläufigkeit – in Arbeits-, Freundschafts- wie in Liebesbeziehungen – „noch zwei, drei Jahre, dann sehen wir weiter“ – scheinen ein Merkmal unserer Zeit zu sein. Offenbar gezwungenermaßen, denn Flexibilität ist wohl die wichtigste der abverlangten „Tugenden“.  Bildung, Kreativität und Fleiß, die allseits gelobten Individualtugenden des Spätkapitalismus dagegen – sie rechnen sich offenbar nicht. Denn auch Kullmann scheitert trotz höchster Qualifizierung und Ehrgeiz. Kullmann hinterfragt deswegen  – wenn Wirtschaftskrisen, Flexibilisierung und Erosion der Mittelschicht den Takt vorgeben – auf der persönlichen Ebene: Bin ich noch bereit, meine Ideale zu verraten, um meinen sozialen Status zu halten? Was ist der Ausweg, wenn mein individualisiertes Lebenskonzept in die Sackgasse führt?

Beim  Lesen fällt auf, hier jammert jemand auf hohem Niveau. Denn dass freie Autoren es schwer haben, sich durch die Arbeit am Papier am Leben zu halten, ist unbestritten. Aber es gibt Menschen, die es noch viel schwerer haben. Der letzte UN-Bericht vom Juli diesen Jahres kritisierte schwere Versäumnisse bei der deutschen Sozialpolitik, wie über Generationen währende Bildungsbenachteiligung, Kinderarmut, ein Hartz-IV-System, das keinen angemessenen Lebensstandard garantiert und mit seinen Sanktionsklauseln gegen das Recht auf Berufsfreiheit verstößt. 13 Prozent der Deutschen leben unter der Armutsgrenze. Diese Menschen haben es deutlich schwerer als die Autorin.
Es bleibt festzuhalten, es handelt sich um ein soziologisches und politisches Buch. Aber es ist eben kein Roman, sondern wohl vor allem Lamentier-Literatur, ohne tiefere Erkenntnis. Und es geht offenbar weniger um die Suche nach einer Haltung, als vielmehr um die Suche mit einer Haltung Geld zu verdienen. Aber das ist auch schon schwer genug.

8. Porträtfotoschau Deutschlands zur Zeit im Sächsischen Landtag

Am 10. Januar eröffnete der Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler als Schirmherr die 8. Porträt-Fotoschau Deutschlands im Bürgerfoyer des Landtages.  Von 600 eingereichten Arbeiten wurden für die Ausstellung einhundert ausgewählt, die Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr sowie Sonnabend und Sonntag von 10 bis 16 Uhr zu sehen sind.  Als Veranstalter fungierte der Sächsische Fotoverband gemeinsam mit der Gesellschaft für Fotografie und dem Deutschen Verband für Fotografie Landesverband Sachsen.

Auffallend an der Ausstellung sind einerseits die große Vielfalt unterschiedlichster fotografischer Handschriften bei andererseits erstaunlicher Abstinenz von politischen wie Arbeitsthemen.  So gibt es  weder Porträts von Leiharbeitern noch von akademischen Prekarianern zu sehen und auch wer Porträts von Teilnehmern an Demonstrationen sucht wird enttäuscht.  Das ist um so erstaunlicher,  als das Jahr 2011 in die Geschichte eingehen wird,  in dem die Politisierung von der arabischen Welt ausgehend auch in Europa weite Teile der Bevölkerung ergriff.  Man denke nur an das blutige Porträt von Stuttgart 21.  Es  wurde bei den Referaten zu Eröffnung der Ausstellung nicht deutlich, ob dieses  Manko dadurch entstand, dass die Fotografinnen und Fotografen vielleicht keinen Blick für Menschen bei politischen Ereignissen hatten oder ob die Jury schlicht und einfach politische Themen ausblenden wollte.

Dabei mussten die Aufnahmen keineswegs nur aus Deutschland kommen.  Zu sehen sind auch tanzende Derwische aus Konya in der Türkei – aber keine Demonstrantinnen und Demonstranten vor der Akropolis.  Einen kleinen Eindruck von der Ausstellungs-Eröffnung vermittelt der youtube-Beitrag: 8. Porträtfotoschau Deutschlands im Sächsischen Landtag

Wer sich ein eigenes Bild machen will kann das noch bis zum 16. Februar tun – die nächste Proträtfotoausstellung wird dann erst wieder in vier Jahren an gleicher Stelle gezeigt.  Der Besuch der Exposition ist kostenlos.

 

Die Mettenschicht

Volker Braun für Links! 12/2011

Sie stehen schweigend in der Dunkelheit
Im tiefen Schnee in ihrem Ehrenkleid.
Wohin, ihr schwarzen Leute? Unbetrübt
Gehn sie der Arbeit nach, dies nicht mehr gibt.
Fest in der Pfote halten sie ihr Licht
Daß bei der Nacht es daran nicht gebricht.
Sie steigen ordentlich den Berg hinan
Zur großen Einfahrt von Sankt Ann.
„Genossen warens alle“, freigesetzt
Gehn sie zum Gottesdienst und beten jetzt.
Arschkalt ist es bei Gott in seinem Bau
Wie erdenwarm geheizt war ihr Verhau.
Sie sind vereint, als wären sie vor Ort
Und beten barhaupt, aber nicht das Wort.
Das höchste Wesen lebt in dem Gedicht
Vom Steiger, welcher kommt mit seinem Licht.

 Das Gedicht “Die Mettenschicht” vomn Volker Braun entstand im Dezember 2010 in Eisleben und wurde durch die Links! erstmals publiziert. Es schließt an die Erzählung “Die hellen Haufen” an, die 2011 im Berliner Suhrkamp Verlag erschienen ist, und in der letzten Ausgabe rezensiert wurde.

Das Bild “Halde mit Espen” ist eine Kaltnadelradierung von der Hallenser Künstlerin Claudia Berg, entstand 2009 in der Serie “Mansfelder Landschaften”. (55,5 x 72 cm)
www.claudia-berg-grafik.de

Am 16. Dezember wurde “Die Mettenschicht” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt, hier ein Ausriß. Eine wenig freundliche Rezension in der FAZ findet sich hier.

 

 

„Eigentümer, so hatten sie sich nie gesehen“ (Volker Braun)

Für Links! rezensiert Jayne-Ann Igel das neue Buch von Volker Braun “Die hellen Haufen”

„Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden“ – dieser Eingangssatz von Volker Brauns eben bei Suhrkamp erschienener Erzählung „Die hellen Haufen“, die die fiktiven Ereignisse in einem Ort namens Bitterode zum Gegenstand hat, könnte als Motto fürs Ganze stehen. Indes findet sich eine sinnverwandte Sentenz des Philosophen Ernst Bloch dem Band vorangestellt: Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.

Erzählt wird die Geschichte eines Aufstandes von Entlassung bedrohter Bergarbeiter und Beschäftigter anderer Industriezweige zu Beginn der 90er Jahre in Ostdeutschland. Die Geschichte, die so nicht stattgefunden hat, nimmt in Bitterode ihren Anfang. Den Hintergrund bilden die nach der Wiedervereinigung von der Treuhandanstalt vollzogenen Privatisierungen und Stillegungen vormals volkseigener Betriebe, in deren Folge Millionen ihren Arbeitsplatz verlieren sollten. Auch der eigentlich rentabel wirtschaftende Kalibergbau von Bitterode ist nun von Verkauf und Schließung bedroht, marktbeherrschenden Konzernen geht es allein um Marktbereinigung, und so organisieren die Kalikumpel einen Hungerstreik, der landesweit Solidarisierungen zeitigt, brechen zu einem Marsch in die Bundeshauptstadt auf, wagen den Aufstand. Einen Aufstand, der jedoch niedergeschlagen wird, weil sie viel zu wenige und ungenügend organisiert, nur ein Haufen … Im Erzähltem mitschwingend die Frage, was geworden wäre, wenn … Get the whole story »