Plädoyer für eine Hundertjährige

Jour fixe 38 würdigt Novemberrevolution als friedens- und gesellschaftspolitische Großtat, Von Wulf Skaun

„Die deutsche Novemberrevolution 1918 bedarf … eines differenziert revidierten Geschichtsbildes.“ Zu diesem Schluss kam Ottokar Luban, ein exzellenter Kenner der Materie, bereits 2009. Seine Kritik richtete sich gegen vorherrschende ideologische Deutungsmuster, die die Rolle der revolutionären Arbeiter- und Soldatenräte herabminderten und stattdessen die Mehrheitssozialdemokratie Friedrich Eberts adelten, die Revolution vom 9. November angeführt und zum Erfolg verholfen zu haben.

Einer Revision bedurfte aber auch der traditionell eher geringschätzige Blick auf die Errungenschaften der bis dato größten Massenaktionen in Deutschland. Von der ungeliebten, weil halben, unvollendeten, ja gescheiterten Revolution war in der internationalen Historiographie abwertend die Rede, ehe sie nach einem Paradigmenwechsel in den letzten Jahren zu gerechterer Beurteilung fand. In diesem Geiste widmete sich auch der 38. Jour fixe seinem Diskursthema „100 Jahre Novemberrevolution“. Wiederum am gewohnten Tagungsort der RLS Sachsen in der Leipziger Harkortstraße 10 und wiederum vor vollbesetzten Stuhlreihen skizzierte Klaus Kinner, der auch die Debatte moderierte, zunächst den aktuellen Stand der Diskussion und Forschung.

Mit Blick auf die Resultate der 1918er Revolutionstage und ihre neue Wertschätzung betonte Kinner, dass die oft geschmähte Novemberrevolution den imperialistischen Weltkrieg beendet, die Monarchie gestürzt und eine Republik geschaffen habe, die zu den ersten parlamentarischen Demokratien in einem industriell hoch entwickelten Land zählt. Ihr seien Achtstundentag, Betriebsräte, Frauenwahlrecht, verbesserte Sozial- und Altersversicherung, Tarifpartnerschaft, aber auch die Trennung von Kirche und Staat zu verdanken. Kritisch beleuchtete er in seinem „Plädoyer“ gegen destruktive Bewertungen der Revolution die Rolle der Sozialdemokratie, die sich mit der USPD ihres linken Flügels entledigt hatte „und zur Jagd getragen werden musste“. Seine beiläufige Bemerkung, die SPD habe die Revolution nicht verraten, sondern gemäß ihren originären Positionen gehandelt, löste allerdings Widerspruch im interessiert mitgehenden Auditorium aus.

Der Berliner Historiker Florian Wilde, Laureat des Wissenschaftspreises der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2013, machte die Jour-fixe-Gemeinde dann mit seiner Biographie eines fast vergessenen Hauptakteurs der Revolution bekannt. Sie trägt den programmatischen Titel „Revolution als Realpolitik“ und ist Ernst Meyer (1887 – 1930) gewidmet. In einem temperamentvollen Vortrag porträtierte Wilde den Mitstreiter von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, der in der Spartakusgruppe und der jungen KPD eine bedeutende Führungsrolle spielte. In den späteren strategischen Debatten habe er sich konsequent für eine Einheitsfront der Arbeiterbewegung als einer Form revolutionärer Realpolitik eingesetzt. Im Zuge der Stalinisierung der KPD sei er an den Rand und aus dem Gedächtnis der Partei gedrängt worden.

Über ein aus dem öffentlichen Blick lange entschwundenes historisches Dokument der Revolutionszeit informierte Manfred Neuhaus. Für den angekündigten, doch kurzfristig verhinderten Berliner Stiftungskollegen Jörn Schütrumpf stellte er dessen spektakuläres Publikationsprojekt „Spartakusaufstand“ vor. Es handelt sich um den parlamentarischen Untersuchungsbericht über die Januar-Unruhen, den die verfassunggebende Preußische Landesversammlung im März 1919 in Auftrag gegebenen hatte. Wie Schütrumpf die kuriose Entstehungs- und Wirkungsgeschichte rekonstruiert, sei ein Kabinettstück. Die zum Revolutionsjubiläum vom Dietz Verlag publizierte originalgetreue Reproduktion der 1921 gedruckten, aber seither kaum beachteten Untersuchungsresultate entziehe der Legende vom „Spartakusaufstand“ den Boden. Nach eingehendem Aktenstudium und Zeugenbefragungen sei es bereits im Juli 1919 zur Gewissheit geworden, dass die Kommunisten die Januar-Unruhen weder verursacht, geschweige denn angeführt haben. Dafür hätten hauptsächlich die revolutionären Obleute und die Berliner Organisation der USPD Verantwortung getragen.

Den drei informativen Vorträgen folgte eine sehr lebhafte Diskussion. So erklärte Bernd Rüdiger mit Bezug auf die Ergebnisse der Novemberrevolution, dass die parlamentarische Demokratie auch für die sozialistische Linke günstigere Kampfbedingungen bedeutete. Vor allem aber habe sie die Forderung der Massen erfüllt, den mörderischen Krieg zu beenden und „Frieden und Brot“ zu schaffen. Monika Runge wandte sich am Beispiel des Revolutionsgeschehens gegen unrealistische politische Strategien, „die Geschichte zu überlisten“. Bestimmten historischen Epochen entsprächen bestimmte Staatstypen. Der Untergang der Monarchien am Ende des Ersten Weltkrieges setzte demnach die Errichtung bürgerlich-demokratischer Republiken auf die Tagesordnung. Auf die lokalpolitische Ebene holte Volker Külow die Novemberrevolution. Am 8. November 1918, noch vor dem Berliner Fanal, seien Matrosen vom Leipziger Hauptbahnhof nach Connewitz gezogen, während vom Rathaus die rote Fahne den Anbruch einer neuen Zeit verkündete …