Ich will meine Akte!

„Wie westdeutsche Geheimdienste Ostdeutsche bespitzeln“: Ralf Richter hat einen Buchtipp

Der Buchtitel des Autors Robert Allertz führt auf den Holzweg. Denn wer nun etwa gespannt ist zu lesen, „Wie westdeutsche Geheimdienste Ostdeutsche bespitzeln“, erfährt das gerade nicht. Für Sächsinnen und Sachsen – insbesondere solche aus dem Bezirk Dresden – ist das Buch dennoch äußerst interessant, weil es ein ungewöhnliches Wiedersehen mit einem im wahrsten Sinne des Wortes „alten Bekannten“ verschafft, dessen Kampf um seine Akte(n) beim BND und Verfassungsschutz hier aufgeblättert wird: Hans Modrow, letzter Dresdner SED-Bezirksparteisekretär.

Gerade in der Weihnachtszeit kommen Erinnerungen an die Zeit vor 89 hoch bei all denen, die sie bewusst erlebt haben. Dazu gehörte natürlich bei vielen – und gegen Ende der DDR aufgrund der Ausreisewelle immer mehr – das Westpaket! Der Austausch zwischen West und Ost auf der Basis von Briefen und gelegentlichen Treffen stellte immer etwas Besonderes dar. Dass die Post wochenlang unterwegs war, erklärte man sich mit dem Interesse der Stasi – die Geheimdienste im Westen hatte wohl keiner im Verdacht. Dabei wurden dort insbesondere in den Großstädten wie Dresdens Partnerstadt Hamburg genauso fleißig Briefe mitgelesen. Damit gerieten aber nicht nur die Ostdeutschen in den Fokus von BND und Verfassungsschutz, sondern genauso ihre Briefpartner im Westen. Ost-West-Kontakte erregten, zumal in Zeiten des Kalten Krieges, höchstes Interesse bei den geheimen Diensten in Ost und West. Besonders ging es natürlich um Informationen aus Wirtschaft, Politik und Militär.

Hier liefert das Buch erstaunliche Einblicke. Zwar gab es in den letzten Jahren in den Medien Informationen, die sich mit der wichtigsten Abhörstation der Briten und Amerikaner mitten in West-Berlin auf dem Teufelsberg (Die Anlage wurde in diesem Jahr übrigens unter Denkmalschutz gestellt und sollte sächsischen Berlin-Besuchern einen Ausflug wert sein!) beschäftigten, aber hier wurde stets dargestellt, dass über die Station der Osten ausgekundschaftet wurde. Es fehlt in dieser Berichterstattung die Erwähnung des Tatbestandes, dass ebenso Westberliner und Westdeutsche überwacht wurden. Noch unbekannter ist die Tatsache, dass das MfS über die Ausspähung von Westdeutschen und Westberlinern durch Amerikaner und Briten in den 80er Jahren ausgezeichnet informiert war und darüber umfangreiche Akten angelegt hatte. Als Joachim Gauck für die Stasi-Unterlagen zuständig war und Wolfgang Schäuble das Innenministerium leitete, forderten die Amerikaner (die ihrerseits inzwischen wussten, dass sie beim Ausspionieren der Westdeutschen und Westberliner von DDR-Aufklärern beobachtet wurden waren) „ihre Akten“ an. Diese wurden vom damaligen Verfassungsschutzpräsidenten damals anstandslos dem FBI übergeben – weder das Innenministerium noch die Gauckbehörde haben diese Aktion von sich aus jemals erwähnt.

Das Berliner Abhörspiel war schon immer größer als ein kleines DDR-BRD-Gerangel um Informationen übereinander. Hier prallten auf die Interesse insbesondere Moskaus und Washingtons aufeinander und selbstverständlich waren deren Interesse und deren Aktionen den deutschen übergeordnet.

Das Buch will auf Verschwiegenes aufmerksam machen. Beim großen Hype um die Stasi-Akten nach der Wende ging völlig unter, dass es auch jede Menge Akten über Ostdeutsche im Westen gibt – fein säuberlich angelegt von BND und Verfassungsschutz. Im Falle Modrow bestätigten „die Dienste“ seine Überwachung vom Zeitraum von 1956 bis 2012. Mindestens 70.000 Ostdeutsche wurden insgesamt überwacht. Es geht aber nicht nur darum, Licht in die Vergangenheit zu bringen, sondern insbesondere soll sich der Fokus auch auf Gegenwart und Zukunft richten. Denn die Überwachung ist seit 1989 nicht etwa weniger geworden, sondern noch wesentlich vielseitiger, dank jeder Menge digitaler Geräte wie dem Smartphone, von denen viele von uns kaum ahnen, wie wunderbar man sie damit auf Schritt und Tritt überwachen könnte. Und wer weiß denn wirklich, wer ihn wie überwacht? Zumindest Behörden haben eine Auskunftspflicht – darüber hinaus sollten auch Amazon und andere Konzerne jedem ihrer Kunde offen legen müssen, was sie über ihn speichern und sammeln. Zudem will das Buch Ostdeutsche ermutigen, beim Verfassungsschutz und dem BND die eigene Akte zu verlangen.

Das Buch kostet 14,99 Euro und erschien in der edition ost der Eulenspiegel-Verlagsgruppe.