Die Oktoberrevolution und die Folgen

Winfried Steffen rezensiert eine Publikation des Politologen Klaus Dallmer

Die von Klaus Dallmer, Jahrgang 1951, unter dem Titel „Wladimir Lenins Großer Sozialistischer Oktoberumsturz und die Folgen“ verfasste Publikation arbeitet heraus, dass der Sturz der zaristischen Selbstherrschaft nicht als ein von Lenin ausgedachter Putsch in Leningrad stattfand, sondern eine tiefgreifende Revolution breiter Massen von Arbeiter und Bauern in Russland war, die das internationale Geschehen weitgehend prägte.

Lenin war der hauptsächliche Architekt der Oktoberrevolution, wobei die vom Autor als Oktoberputsch bezeichnete Machteroberung das Werk mehrerer talentierter Persönlichkeiten der Bolschewiki darstellte. Dallmer behandelt den überaus opferreichen Bürgerkrieg gegen die junge Sowjetmacht und die Herrschaft der Bolschewiki, von allen beteiligten Seiten mit äußerster Brutalität geführt – mitbestritten von militärischen Interventionsverbänden aus 14 Ländern. Als Quintessenz gilt: Die weißen Konterrevolutionäre und die ausländischen Interventen hatten keine Chance, da sie nur die vorrevolutionären Eigentums- und Machtverhältnisse zu bieten hatten. In diesem Geschehen ist in hohem Maße die Ausprägung des Herrschaftssystems als Diktatur des Parteiapparates begründet, dem die Strukturierung der staatlich geleiteten Kommandowirtschaft folgte.

Das Wirken der Komintern und der internationalen kommunistischen Bewegung wurde stets überlagert von den außenpolitischen strategischen Interessen der Sowjetunion. Das verdeutlicht der Autor in Verbindung mit dem spanischen Bürgerkrieg wie an der Verfahrensweise nach dem Zweiten Weltkrieg bezüglich der Linksentwicklung in Italien und des Bürgerkrieges in Griechenland.

Einige grundlegende Folgen der Oktoberrevolution und der Entwicklung der Sowjetunion bleiben in der von Dallmer abgefassten Publikation faktisch unberücksichtigt. Zu Recht wird das Stalinsche Herrschaftssystem mit den unzähligen Opfern gebrandmarkt. Trotzdem wirkten maßgeblich auch andere Faktoren. Wie wäre es sonst zu erklären, dass nach dem heimtückischen Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion in dem aus ihrer Sicht Großen Vaterländischen Krieg dazu imstande waren, den militärischen Hauptbeitrag bei der Niederringung der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten zu erbringen und eine Reihe von Völkern vom faschistischen Joch zu befreien? Darüber hinaus mussten die Völker der Sowjetunion die Mittel aufbringen, um das US-Atomwaffenmonopol kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu brechen – unabdingbar für die Friedenssicherung. Ebenso wird mit keiner Silbe der jahrzehntelange Kalte Krieg erwähnt, der von den USA und ihren Verbündeten gegen die Sowjetunion und die anderen damaligen sozialistischen Länder geführt wurde.

In dem mit „Außen“ überschriebenen Abschnitt wird nur das Wirken der Sowjetunion nach außen hin behandelt oder erwähnt (ausschließlich negativ), als Gegengewicht gegen das imperialistische Lager und für die Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen der kolonialisierten Völker. Völlig ausgespart wird der Kalte Krieg auch in der Hinsicht, dass die USA und die NATO diesen gegen die Warschauer-Vertrags-Staaten geführt haben und letztlich über das Wettrüsten das Wegbrechen des sozialistischen Systems in Europa bewirken konnten. Das Scheitern des Sozialismus wird so ausschließlich auf dessen innere Entwicklung in diesen Ländern reduziert. Letztere wird treffend dargestellt.

Es ist Klaus Dallmer voll zuzustimmen, wenn er im mit „Künftig anders“ überschriebenen Schlussabschnitt schreibt: „Es ist durchaus empfehlenswert, die Herrschaft des Kapitals. … abzuschaffen … Möglich ist dies nur, wenn in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Köpfe und Herzen der Mehrheit erobert werden für eine selbstbestimmte ausbeutungsfreie Gestaltung der Gesellschaft der Zukunft.“

Offenbar entstand die Publikation mit heißer Feder. Das wird neben manchen Textstellen auch sichtbar am lockeren Umgang mit dem Quellenmaterial. Unüblich ist der Hinweis an den interessierten Leser, detaillierte bibliografische Daten im Internet abzurufen. Dieser laxe Umgang trifft auch auf die Angaben zur benutzten Literatur zu, die fern jeglicher Anforderungen abgefasst sind.

Klaus Dallmer: Wladimir Lenins Großer Sozialistischer Oktoberumsturz: und die Folgen. Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt, 2017. 120 Seiten. 4,50 EURO. ISBN 9783848229581