Zeitloses „der Zeit gemäß“

Von Peter Porsch

„Dem blöden Volke unverständlich / treiben wir des Lebens Spiel / Gerade das, was unabwendlich, / fruchtet unserm Spott als Ziel.“ Diese ersten vier Zeilen seines Gedichtes „Galgenberg“ mögen als Motto gelten für Cristian Morgensterns Galgenlieder. Gedichte, die im Nonsens verkleidet tiefsinnige Wahrheiten verkünden. Der Nonsens, seit 1895 entstanden, entlarvt „zeitlos“ Gültiges, sich im Konkreten immer Wiederholendes. Er erweckt „jederzeit“ Assoziationen über Menschliches. Man muss nur wenig ändern, um das Zeitlose „der Zeit gemäß“ erkennbar zu machen. Freilich wird die große Kunst dann „Kleinkunst“, Kabarett oder Karikatur, sie aktualisiert. Ich habe es versucht. Zwei Morgenstern-Originale:

Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
„Wie war“ (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
„möglich, wie dies Unglück, ja –:
daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht –?“
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

Und hier meine „Aktualisierungen“:

Die unmögliche Tatsache

Markus Söder, kaum in Jahren,
muss an einem Tag der Wahlen
und von fürchterlichen Qualen
Ihn Umwerfendes erfahren.

„Wie war“ (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
„möglich, wie dies Unglück, ja –:
dass es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in Bezug auf Wahlen wagen?
Gab die Gesetzeswahlvorschrift
hier den Wählern freie Trift?
Oder war vielmehr verboten,
hier die Schwarzen wie die Roten
abzustrafen – kurz und schlicht
Durften hier die Wähler nicht –?

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsbald gewiss:
Wahlen sind ein Vogelschiss!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Der Lattenzaun

Politiker standen einst im Raum,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Horst Seehofer, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute der Heimat draus ein Haus.
Die Politiker indes ganz dumm
standen ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zogen ihn die Wähler ein.

Der Seehofer jedoch entfloh
zu Weib und Kind – wer weiß schon wo?