Vor 80 Jahren kam es zum verhängnisvollen Münchener Abkommen

Von W. Steffen

Mit der Propagierung der Gleichberechtigung der Staaten und des Selbstbestimmungsrechts der Völker – damit auch des deutschen – hatte Hitler bedeutende Erfolge erzielt. Im März 1938 erfolgte der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich unter dem Motto „Heim ins Reich“ und „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“.

Danach streckte Hitler die Hand aus gegen die Tschechoslowakei und verursachte dadurch im Mai 1938 eine schwere internationale Krise, die insbesondere die Regierungen der Tschechoslowakei, Großbritanniens und Frankreichs alarmierten. Der britische Regierungschef Neville Chamberlain reiste binnen kurzer Zeit dreimal nach Deutschland, um Hitler zu bremsen.

Hitlers Forderungen konzentrierten sich zunächst auf die überwiegend von Deutschen bewohnten Sudetengebiete. Diese waren bis zum Ende des Ersten Weltkrieges Bestandteil der Habsburger Monarchie Österreich-Ungarn. 1938 war die Tschechoslowakei – zumindest was den tschechischen Landesteil betraf – wirtschaftlich hochentwickelt. Staatspräsident Edvard Beneš bot unter starkem Druck seitens Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs autonome Rechte für das Sudetenland an, um den Frieden zu retten. Das genügte Hitler nicht. Er mobilisierte die Wehrmacht für einen Einmarsch in die Tschechoslowakei zum 1. Oktober 1938.

In dieser brisanten Situation kam es auf Initiative von Chamberlain und Mussolini in München am 29. und 30. September 1938 zu einer Konferenz der vier Mächte Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich mit Hitler. Mussolini, Chamberlain und Daladier – ohne einen Vertreter der Tschechoslowakei. Das getroffene Abkommen sah vor, alle Gebiete, die zu mehr als 50 Prozent von Sudetendeutschen bewohnt waren, unzerstört an Deutschland abzutreten. Der Einmarsch begann am 1. Oktober.

Die Tschechoslowakei verlor 17.500 Quadratkilometer Land, das von 2.800.000 Deutschen und 800.000 Tschechen bewohnt war. Die Produktionsverluste des zerstückelten Landes betrugen 60 Prozent Steinkohle, 80 Prozent Braunkohle, 80 Prozent Chemikalien, 80 Prozent Zement, 70 Prozent Eisen und Stahl, 70 Prozent Kraftstrom, 40 Prozent Holz. Die Tschechoslowakei war Hitler mit dem Münchener Abkommen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert.

Das Münchener Abkommen stellte den Gipfel der britischen Appeasement (Beschwichtigungs)-Politik dar („Frieden in unseren Tagen“). In dieser Zeit glaubte Chamberlain noch, Hitler vertrauen zu können, indem er äußerte: „Trotz der Brutalität, die ich in seinem Gesicht zu erkennen glaubte, hatte ich den Eindruck, einen Mann vor mir zu haben, auf dessen Wort man sich verlassen kann.“ Zurückgekehrt von der Münchener Konferenz stellte sich der frohlockende britische Premier in der Downing Street einer großen Menschenmenge: „Meine guten Freunde … ich glaube der Friede in unserer Zeit ist gerettet.“

Für Hitler bedeutete das Münchener Abkommen einen Freifahrtschein für die „Zerschlagung der Resttschechei“ – nach Nazijargon – im März 1939 und die Vorbereitung des Überfalls auf Polen und damit des Zweiten Weltkrieges.