Von Kopftuch und Shitstorm

Kürzlich führte einer unserer Facebookposts zu einem kleinen Shitstorm. Der Grund: Ein Bild von Frauen, die sich an den Händen halten – eine von ihnen trug ein Kopftuch. Der neutrale oder gar positive Bezug auf Verschleierung scheint derzeit gehäuft für Empörung zu sorgen. Das Kopftuch wird als unterdrückendes patriarchales Symbol gesehen.

Ein patriarchales Symbol

Das Kopftuch als Teil der Bekleidungsvorschriften des Islam (die gelten übrigens auch für Männer) ist in seinen Ursprüngen nicht gerade emanzipatorisch. Kopftücher sind dabei kein rein islamisches Phänomen: Für Nonnen gehören sie zur Ordenskleidung und orthodoxe Jüdinnen bedecken ihr Haar mit Perücken oder Tüchern. Auch im orthodoxen Christentum tragen Frauen* Kopftücher.
Seine Bedeutung ist nicht immer religiös. Noch im 20. Jahrhundert war das Tragen von Kopftüchern in Deutschland üblich. Den Kopf in der Öffentlichkeit unbedeckt zu lassen ist eine relativ neue Entwicklung.

Was ein Symbol wie das Kopftuch bedeutet, ist immer eine Frage der Auslegung. In gewisser Weise ist zum Beispiel ein Rock auch ein patriarchales Symbol. Ein Mini kann als ein die Frau sexualisierendes Kleidungsstück verstanden werden oder auch als selbstbewusstes Statement in memoriam an die Freie Liebe und die 68er-Bewegung. Unsere Kleidung ist aufgeladen mit verschiedensten Deutungen – für viele Muslima ist das Kopftuch einfach ihr selbstbestimmtes Bekenntnis zu ihrem Glauben.

Der Zwang

„Die werden doch alle gezwungen“, wird an dieser Stelle gern eingewendet. Nun, jeder Person dürfte klar sein, dass das keinesfalls immer zutrifft. Frauen* mit islamischem Hintergrund pauschal zu unterstellen, sie seien unterdrückt von ihrer Familie, ist rassistisch und zeugt von der fehlenden Akzeptanz anderer Lebensweisen. Zudem wird die verschleierte Frau, der die Solidarität vermeintlich gelten soll, somit zum passiven Opfer ihre Situation degradiert und nicht als Akteurin betrachtet, die für sich selbst handeln und ihre Situation selbst bewerten kann. Natürlich ist jeder Zwang scheiße und in entsprechenden Fällen ist es Pflicht, sich solidarisch zu zeigen. Aber gleiches gilt auch für den Zwang, das Kopftuch abzulegen. Es handelt sich letztendlich um eine persönliche Entscheidung.

Das Private ist politisch

Nicht selten wird eingewendet, dass es eben keine persönliche Entscheidung ist und dabei auf Länder wie Saudi-Arabien verwiesen, wo Verschleierung im öffentlichen Raum Pflicht ist. Wie bereits angeführt: Es ist absolut unstrittig, dass ein Zwang zur Verschleierung scheiße ist. Aber den Kampf um Frauenrechte im islamischen Raum auf Bekleidungsvorschriften herunterzubrechen ist absurd. Es gibt noch zahlreiche andere Kämpfe auszutragen: So hat nach wie vor jede Frau in Saudi-Arabien einen Vormund, dessen Erlaubnis sie etwa zum Reisen braucht. Weiterhin herrscht eine umfassende Geschlechtertrennung etwa an Unis, in Stadien oder im Einkaufszentrum.

Und nun?

Statt patriarchale Praxen anderer zu kritisieren, sollte mensch lieber das eigene patriarchale Verhalten in Frage stellen. Dann kann mensch Muslima mit Kopftuch unterstützen, statt sich zu entsolidarisieren.