… und deswegen ging die Sache schief

Septemberheft der „Mitteilungen“ steht im Zeichen der Novemberrevolution / Von Wulf Skaun

Kaum eine Revolution hat wohl in Charakteristik und historischer Platzbestimmung so viele Deutungen erfahren wie jene vor nunmehr 100 Jahren. Für den Zeitgeschichtler Peter Brandt ist die Novemberrevolution „alles drei zugleich: Endpunkt jahrzehntelanger Liberalisierungs- und Demokratisierungsbestrebungen, spontane Volkserhebung zur Beendigung des faktisch schon verlorenen Krieges und sozialdemokratisch geprägte Klassenbewegung mit antikapitalistischer Tendenz“. So zu lesen im Septemberheft (Nummer 54) der „Mitteilungen“ des Berliner Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Was Brandt in seinem Auftaktreferat auf dem gemeinsamen Symposium von Förderkreis und Zeitgeschichtlichem Archiv e.V. proklamierte (mitsamt den übrigen Wortmeldungen, resümiert von Elke Reuter), darf wohl als Diskursangebot verstanden werden. Wie die einschlägigen Beiträge an anderer Stelle dieser Ausgabe auch, denn Nummer 54 des verdienstvollen Sprachrohrs linker Traditionspflege hat „Die deutsche Revolution 1918/19“, wie Sebastian Haffner sie nannte, zu ihrem thematischen Schwerpunkt erhoben. Weitere Tagungsberichte über ein Zeitgeschichtliches Symposium zur Geschichte des Dragonerareals (Holger Czitrich-Stahl) und über eine Konferenz des Vereins „Helle Panke“ (Alexander Amberger) reflektieren Erwartungen und Ergebnisse der Novemberrevolution. Volker Heiermann stellt den „Minister der Revolution“ Adolph Hoffmann vor, während Rüdiger Hachtmann das Geschehen auf dem Friedhof der Märzgefallenen thematisiert. Im Rezensionsteil werden zudem mehrere Bücher zur Novemberrevolution und der Arbeiterbewegung in den Folgejahren besprochen.

Redakteure und Autoren bieten damit einen inhaltlich beachtlichen Panoramablick auf das revolutionäre (oder doch nur revoltierende?) Großereignis, der erinnert, auch neu bewertet, vor allem aber dazu ermuntert, sich mit einzelnen Facetten des November 1918 tiefgründiger zu beschäftigen. Zumal sich die Diversität unterschiedlicher Deutungsmuster auch hier offenbart – wie über Rolle und Bedeutung der Arbeiter- und Soldatenräte. Trifft womöglich Friedrich Engels‘ „Manöverkritik“ an der Pariser Kommune mutatis mutandis auf die entschiedensten deutschen Novemberrevolutionäre zu? „In jeder Revolution geschehen unvermeidlich eine Menge Dummheiten, gerade wie zu jeder andern Zeit, und wenn man sich endlich wieder Ruhe genug gesammelt hat, um kritikfähig zu sein, so kommt man notwendig zum Schluß: Wir haben viel getan, was wir besser unterlassen hätten, und wir haben viel unterlassen, was wir besser getan hätten, und deswegen ging die Sache schief.“ Haben also die Räte die Revolution „in den Sand gesetzt“, weil sie ihre Macht freiwillig aus den Händen gaben? Pro- und Contra-Argumente finden sich auch in den oben erwähnten Beiträgen zur Thematik.

Wie gewohnt warten auch die September-„Mitteilungen“ mit einem unikaten quellenspezifischen Leseangebot auf. Auskünfte über das Archiv der Frauenbewegung in Kassel (Mirjam Sachse), über den Nachlass Wolfgang Harichs im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) Amsterdam (Andreas Heyer), über Dokumentenfunde von Josip Broz Tito (Erwin Lewin) und Sergej I. Tjulpanow (Inge und Michael Pardon), eine Dissertation zu Metallarbeitergewerkschaftern (Johanna Wolf) sowie ein ausführliches Interview mit Vereinsmitglied Peter Brandt (Holger Czitrich-Stahl und Rainer Holze) machen Nummer 54 zu einem wiederum höchst informativen Heft.

Von Peter Brandt ist übrigens auch zu erfahren, was den frischen „Unruheständler“ mit der Internetseite www.globkult.de verbindet. Und wer leidenschaftliche Verbalattacken mag, kommt bei Andreas Heyers Frustzeilen auf seine Kosten. Der Harich-Nachlassverwalter wettert, in kontrastierendem Vergleich mit erlebten paradiesischen Arbeitsbedingungen im Amsterdamer Archiv, gegen mannigfach erlittene Servicepein in Bundesarchiv und anderen deutschen Institutionen (inklusive Linkspartei). Immerhin: Wolfgang Harichs gut betreutes Erbe in der Tulpenstadt kommt auch zur Sprache.

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