Marx – Der Unvollendete

Von René Lindenau

„Wenn Prosa ihre Poesie verliert und nach Anwendung ruft, dann schlägt die Stunde des Strategen“
(Seite 588)

Wer hatte geahnt, dass der je nach Standpunkt berühmte oder berüchtigte Kapitalismuskritiker Karl Marx mit seinem Leben und Werk noch einmal so eine Konjunktur erleben würde. Schon vor dem Marx-Jahr 2018 (1818-1888) legte Jürgen Neffe eine Biografie dieses Mannes vor, die zum Bestseller wurde: „Marx – Der Unvollendete“.

Wenigstens bis zum Ende der Lektüre lässt Neffe den Leser zum Bewohner in Marx‘ Gedankengebäude werden. Danach kann man ja wieder in die herrschende neoliberale Realität ausziehen. Mancher wird bleiben, neu einziehen, neue Ideen mitbringen und sie fortentwickeln wollen.

Zunächst aber erfährt der Leser, wie Marx quasi eingerichtet war. Der Autor führt durch den „Maschinenraum des kapitalistischen Systems“ (Seite 420), er bekommt einen Überblick über die politischen, philosophischen und ökonomischen Theorien. Das „Kreativteam“ Marx und Engels, das eine langjährige Zusammenarbeit und darüber hinaus eine Freundschaft verband, bekommt in dem Buch mehrfach einen breiten Raum eingeräumt. Deutlich wird zudem, dass Marx Schwierigkeiten hatte, konstruktiv mit Einwänden seiner sozialistischen Gegner umzugehen.

Neben einem umfassenden Überblick über seine wissenschaftlichen Studien bekommt man auch Charakterstudien von Marx geliefert. Eine Fundgrube, die über viele Nebeneingänge den Zugang zu Marx´ Denken, Leben und Handeln eröffnen, sind zahlreich erhalten gebliebene Briefe, aus denen der Buchautor vielfach zitiert. Deutlich wird: dieser Marx passt in keine Schublade, in die ihn vor allem spätere Vertreter der reinen Le(h)re allzu oft stecken wollten.

Aber gehen wir auf einzelne Aspekte des revolutionären Querkopfes ein. Einfach war es nie, einfach hat er es zeitlebens auch anderen nicht gemacht. Schon das Verhältnis zu seinem Vater war nicht komplikationslos. Der hatte Angst, dass aus seinem Sohn ein „armes Poetlein“ werden würde. Am Ende wurde er doch Jurist und ein Philosoph, der die Welt verändern wollte.

Mit Lyrik hat er es dennoch versucht, war jedoch genauso wie mit seiner Philosophie wenig erfolgreich. Denn die Welt wartet noch immer auf ihre Ausführung mit einem Happy End, das sich nicht nur auf Marx-Lesekreise beschränkt. Nur in seiner Kapitalismusanalyse behielt er Recht, worauf Neffe mehrfach hinwies; exemplarisches Beispiel ist die Finanzkrise anno 2008.

Teilweise erschütternd lesen sich die Zeilen, die das Privatleben von Karl und seiner Frau Jenny zum Inhalt haben. Einfach nur furchtbar, die Eheleute verlieren vier ihrer Kinder, früh, sehr früh. Sieben schwere Schwangerschaften musste die einstige Baronin erdulden. Hinzu kam noch ein uneheliches Kind, das ihr Karl in ihrer Abwesenheit mit der Haushälterin Helene Demuth produziert. Am Ende – verkehrte Welt. Jenny bittet ihn um Vergebung. „Die Ungleichung ist aufgegangen, die Liebe wiederhergestellt …“ (Seite 284).

Ein anderes Kapitel ist ein sehr dunkles, es geht um sein ganz spezielles Verhältnis zu Ferdinand Lassalle. Erst waren sie Gefährten im gemeinsamen Kampf, dann gingen sie auseinander. Wie hätte die Geschichte der Arbeiterbewegung verlaufen können, wenn ihre Partnerschaft dauerhaft erhalten geblieben wäre? So aber erging sich Marx gegenüber Lassalle, der wie er jüdische Wurzeln hatte, verstärkt in antisemitischen Ausfällen. Der traurige Höhepunkt: Marx schimpfte ihn einen „jüdischen Nigger“. Wurde hier der Samen für den bis heute grassierenden Antisemitismus innerhalb der Linken gelegt? Der derart Angegriffene starb 1864 in einem Duell.

Doch das Duell zwischen den Genossen ging mit verteilten Rollen auf anderen Schauplätzen weiter. Denn auf Widerspruch und Einsprüche Andersdenkender war Marx nicht zu gut sprechen. So wurden oft aus Genossen Gegner. Wie haltlos der jahrelang Staatenlose dabei sein könnte, möge ein Brief an Engels (1859) zeigen: „Liebknecht ist ebenso schriftstellerisch wie er unzuverlässig und charakterschwach ist, wovon ich Näheres zu berichten haben werde. Der Kerl hätte diese Woche einen definitiven Abschiedstritt in den Hintern erhalten, zwängen nicht gewisse Umstände, ihn einstweilen noch als Vogelscheuche zu verwenden“ (Seite 558). Solche Töne bekam manch anderer gleichfalls aus dem Marxschen Munde beigebracht. Hingewiesen sei noch einmal auf Lassalle.

Warum lässt mich das jetzt an heute aktuelle Zustände in real existierenden linken Parteien denken, wo man sich in gewissen Zyklen in nach innen gerichteten Grabenkämpfen vor den tatsächlichen Problemen der Außenwelt versteckt? Da sind wahrlich noch viele Gräben zuzuschütten, um eine Aktionsfähigkeit herzustellen, die schließlich nicht nur die Verbesserung der „Lage der arbeitenden Klasse Englands“ (Engels, 1845), sondern weltweit bewirkt. Ein Jahr nach dem Tod von Marx schrieb Friedrich Engels: „Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine zu spielen, und glaube, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh, so eine famose erste Violine zu haben wie Marx“ (Seite 588). Mögen auch schiefe Noten dabei gewesen und nicht wenige Missklänge in Marx‘ Denkkompositionen zu finden sein: Tot ist er nicht. Bis in die Gegenwart lädt er zu Streit und Auseinandersetzung ein.

Die hier besprochene Marx-Biografie dürfte eine solche Einladung erneuern und viele weitere Leser so in den Bann ziehen, so wie es bei mir der Fall war.

Jürgen Neffe: Marx – Der Unvollendete, 1. Auflage, 2017, C. Bertelsmann, München. ISBN: 978–3– 570–10273–2