Keltenkreuze und Touristenströme

Nachdenken über eine Irlandreise
Von Gisela Boldt

„ … auf dieser Insel also wohnt das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternahm, wohl selbst einige Male erobert wurde, von Dänen, Normannen, Engländern – nur Priester schickte es, Mönche, Missionare, die – auf dem seltsamen Umweg über Irland – den Geist thebaischer Askese nach Europa brachten; vor mehr als tausend Jahren lag hier, soweit außerhalb der Mitte, als ein Exzentrikum, tief im Atlantik hineingerutscht, Europas glühendes Herz …“
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch

Das Angebot war verlockend. Neun Tage Studienreise Republik Irland. Ich hatte dieses Land, nur etwa so groß wie Bayern, schon zweimal bereist, 1997 und 2001. Aber das lag weit zurück, und es gab ein 2008, eine Finanzkrise, nach der der „Celtic Tiger“, wie viele auch, hart auf dem Boden der Realität gelandet ist. Wie würde ich die „Grüne Insel“ 2018 erleben?

Dublin – „City of Literatur“

Die Reise beginnt in Dublin, der Hauptstadt der Republik. Die Halbmillionenstadt zeigt sich modern und provinziell, aufgeschlossen und traditionsbewusst, quirlig und multikulturell. Und sie hat Vielfältiges zu bieten. Museen und Galerien, St. Patricks Kathedrale und die Guinness-Brauerei, den Phönix-Park oder die Oase mitten in der Stadt, St. Stephens Green, gesäumt von den georgianischen Häusern mit den bunten Türen. Und vor allem das Trinity College, die erste irische Universität, 1592 von Elisabeth I. gegründet, allerdings nur für Protestanten.

„City of Literatur“ ist ein von der UNESCO verliehener Titel, den nur vier Städte in der Welt tragen. Dieses kleine Land kann mit William Butler Yeats, George Bernhard Shaw, Samuel Beckett und Seamus Heaney vier Literatur-Nobelpreisträger vorweisen. Aber da sind auch – um nur einige zu nennen – Jonathan Swift, Oscar Wilde, Bram Stoker (Roman Dracula) und Brian O’Nolan, bekannt als Flann O’Brien. Und da ist James Joyce, dem am Bloomstag, am 16. Juni, Tausende seiner Fans huldigen, indem sie den Spuren des Haupthelden Bloom seines Romans „Ulysses“ durch Dublin folgen. Und wer einen Blick auf das wohl berühmteste Schriftgut Irlands, das Book of Kells (8./9.), werfen will, muss sich in Geduld üben, denn im Hof des Trinity College steht immer eine lange Schlange Wartender. Die Begeisterung für Literatur, die Liebe zum geschriebenen Wort überhaupt pflegen die Iren seit Jahrhunderten.

Irland – ein Einwanderungsland

In Irland begegnet man überall freundlichen, hilfsbereiten, aufgeschlossenen Menschen, die einen Fremden mit „You’re welcome“ oder mit „Céad, Mile, Céat Mile Fáilte Romhat“ begrüßen. Irland ist multikulturell geworden. Auf den Straßen der Städte unübersehbar, auch an vielen kleinen Geschäften Eingewanderter ablesbar. Ja, Irland ist ein Einwanderungsland. Zwölf (!) Prozent der nur 4,8 Millionen Bürger der Republik haben ausländische Wurzeln. Das ist ein Spitzenplatz in Europa. Für mich undenkbar, dass hier Menschen mit anderer Hautfarbe, Kultur, Religion ausgegrenzt oder gar angefeindet werden.

Um sich diese tolerante Haltung der Iren zu erklären, muss man hunderte Jahre in der Geschichte zurückgehen, in eine Zeit, die sich tief in das Gedächtnis eingegraben hat: in 400 Jahre englischer Herrschaft. Die englische Krone hat vor allem seit Heinrich VIII. und Elisabeth I. alles daran gesetzt, den Iren ihr Irisch-Sein auszutreiben. Katholiken, und 93 Prozent der Iren sind römisch-katholisch, durften nicht studieren, wählen, Schulen gründen, Kirchen bauen, politische Ämter innehaben. Vor allem aber wurde das Irisch-Gälische, die Muttersprache, verboten. Kinder bekamen zum Beispiel einen Holzstock um den Hals, in den der Lehrer bei jedem gälischen Wort eine Kerbe schnitzte. Eine bestimmte Anzahl Kerben bedeutete für die Eltern Lohnabzug. Dabei lebte die kinderreiche Bevölkerung schon in unbeschreiblicher Armut.

Einer der großen Dichter Irlands, Jonathan Swift, Autor von „Gullivers Reisen“, schrieb 1729 angesichts der katastrophalen Lage im Land eine der bissigsten Gesellschaftssatiren, die je geschrieben wurden, mit dem harmlosen, fast untertänig gehaltenen Titel „A Modest Proposal“, „Ein bescheidener Vorschlag“. Er schlug vor, irische Babys für die Bereicherung der Speisepläne englischer Tafeln zu liefern. Er schrieb, dass „ … ein junges, gesundes, wohlgenährtes Kind vom Alter eines Jahres ein höchst schmackhaftes Nahrungsmittel und eine gesunde Speise bietet, ob geschmort, gebraten, gebacken oder gekocht, und ich zweifle gar nicht, daß es ebenfalls als Fricassée oder Ragout sich wird anwenden lassen.“ Diese Anklage wurde von der englischen Krone nicht verstanden.

„The Great Famine“ die große Hungersnot

Erst recht nicht von den englischen Landlords, die, im fruchtbaren Teil der Insel angesiedelt, hier Getreide für den Export produzierten. Die irische Bevölkerung war in den unfruchtbaren, nur für Kartoffelanbau und Schafzucht geeigneten Westen abgedrängt worden. Diese Hungersnot 1845-1849 – eine Kartoffelfäule hatte drei Jahre in Folge die gesamte Kartoffelernte vernichtet – hatte verheerende Folgen für das irische Volk. 1,5 Millionen Iren starben infolge des Hungers und weitere 1,5 Millionen wanderten aus, nach Amerika, Kanada, Neuseeland. Die Bevölkerungszahl sank von über sechs auf unter drei Millionen. Die englischen Landlords aber exportierten weiter das auf irischem Boden gewachsene Getreide, ohne den Hungernden zu helfen.

Irland war über hunderte Jahre Auswanderungsland. Heute, so wird geschätzt, haben 70 Millionen Menschen in der Welt irische Wurzeln. Allein in den USA sollen es 40 Millionen sein. Sind es diese Erfahrungen, die das Verhalten der Iren Fremden gegenüber bestimmen?

Irland – ein Touristenmagnet

An die sieben Millionen Touristen kommen jetzt jährlich ins Land, um die Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. Die Kehrseite: Man ist nirgendwo mehr allein. Ob an den bis zu 210 Metern und acht Kilometer langen Cliffs of Moher, auf dem eiszeitlichen Höhenzug Burren mit Dolmen aus der Megalithkultur (2500 v. d. Ztr) oder dem 136 Kilometer langen Ring of Kerry im Süden der Insel – überall überfüllte Parkplätze mit unzähligen Autos und Bussen, die hunderte Erlebnishungrige herangefahren haben.

Beschauliche Einkehr zum Beispiel in den Ruinen der Klostersiedlung Clonmacnoise am Shannon, dem größten Fluss Irlands, oder in dem als Bilderbuchstädtchen beworbenen Sneem auf dem Ring of Kerry ist kaum möglich. Da hilft auch die Einsicht nicht weiter, dass man ja selbst ein Teil dieses Stromes ist. Aber man kann Irland nur für diesen Zuspruch beglückwünschen, denn Touristen bringen Geld ins Land, und diese Branche schafft auch Arbeitsplätze.

Irland hat jedoch so viel Schönes abseits der touristischen Routen zu bieten, von dem wir einiges im Programm hatten. So die kleine Insel Garinish, die mit tausenden Tonnen fruchtbarer Erde in ein Gartenparadies verwandelt wurde. Swiss Cottage, ein Vorzeigeobjekt, wo sich Lord und Lady Cahir dem irischen Landleben hingaben oder auch die sehr gut erhaltene Burg in Cahir. Irland bietet außerdem viele Kilometer wunderbarer Sandstrände und eine Natur zum Wandern oder Fischen ohne Ende.

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Neun Tage sind eine kurze Zeit. Ich habe viel Bekanntes verändert vorgefunden, viel Neues entdeckt. Man könnte mit Statistik belegen, dass die Iren den tiefen Fall nach der Krise als Chance betrachten. Es geht wieder aufwärts. Die wichtigste Garantie dafür ist jedoch der Wille dieser Menschen, die schon so viel Schmerzhaftes in ihrer Geschichte überstanden. Ein irisches Sprichwort lautet wohl: Es hätte viel schlimmer kommen können. Aber nun kann es nur heißen: Es kann nur besser werden. Auf diesen Weg mein: „Good luck“ oder besser: „Fortan Leat!“