Joni Mitchell wurde 75

Jens-Paul Wollenberg würdigt die kanadische Liedermacherin

Jon Mitchell gehört neben Judy Collins, Joan Baez, Buffy Sainte Marie und Odetta zweifelsohne zu den wichtigsten Liedermacherinnen Nordamerikas. Ihr Repertoire besteht hauptsächlich aus politisch gefärbten Folksongs mit pazifistisch geprägten Textinhalten. Roberta Joan Anderson – so ihr eigentlicher Name – wurde 1943 in einem kleinen Vorort Torontos als Tochter eines Lehrerehepaars geboren. Nach einer schweren Kindheit – sie erkrankte an Kinderlähmung – und ihrer Genesung zog die Familie mit ihr nach Saskatoon, wo sie ihre Schulzeit beendete.

In den Anfängen der 60er Jahre begann sie in Toronto ein Kunststudium im Fach Malerei. Nebenher trat sie in kleineren Bars und Studentenclubs auf, in denen sie, sich noch selbst auf der Ukulele begleitend, Folksongs vortrug, stark beeinflusst von Pete Seeger. Beim Publikum stieß sie auf große Resonanz, da sie es schon damals verstand, diese Lieder in ihren Aussagen geradlinig-schnörkellos vorzutragen.

Als sie nach dem Abbruch ihres Studiums 1964 das Angebot erhielt, bei einem angesagten Folkfestival aufzutreten, lernte sie den Folksänger Chuck Mitchell kennen, den sie kurz darauf heiratete. Roberta Joan Anderson nannte sich dann kurzerhand Joni Mitchell. Im Herbst 1965 lernte sie Neil Young kennen, mit dem sie bis heute befreundet ist.

Gemeinsam mit ihrem Mann zog sie nach Detroit, wo sich das Paar jedoch bald trennte. 1967 ging Mitchell nach New York, wo sie schnell Fuß fasste und innerhalb kurzer Zeit als Geheimtipp galt. In Greenwich Village traf sie den ebenfalls aus Kanada stammenden Poeten und Liedermacher Leonard Cohen, der ihre spätere Arbeit als Liedtextdichterin wesentlich beeinflusste. In dieser Zeit lernte sie auch den ehemaligen Sänger der Byrds David Crosby kennen, der ihr vorschlug, eine erste Langspielplatte zu produzieren. Diese kam 1968 auf den Markt, 1969 folgte eine zweite Produktion, die zwar für Aufmerksamkeit sorgte, aber durch andere Interpreten publik gemacht wurde. Erst mit ihrer dritten Langspielplatte, die 1970 den Markt eroberte, erlangte sie auch international gehörige Anerkennung: „Ladies of the Canyon“. Immerhin wurde der Song „Woodstock“ die Hymne der Hippie-Bewegung. In dem Lied, das auch von Crosby, Stills, Nash & Young erfolgreich gecovert wurde, beschreibt sie das Dilemma, nicht am legendären Festival teilnehmen zu können, weil sie im Stau steckenblieb.

Ein Jahr später erschien dann eines ihrer schönsten Alben: „Blue“. Hier brillierte sie wiederum mit faszinierend minimalistischer Akkuratesse in den Arrangements. Auch die Platte „For the Roses“ von 1972 ist sehr lyrisch, doch tauchten in dieser Produktion bereits rockjazzige Passagen auf, die zwar noch recht zaghaft klangen, aber ihre spätere Arbeitsweise prägen sollten. Mit der nächsten Scheibe „Court on Sparke“ von 1974 erlangte sie Weltruhm. Das Album wird in Kennerkreisen als ihr Gelungenstes bezeichnet. „The Hissing of Summer Lawns“ von 1975 hingegen wurde von den Fans differenzierter aufgenommen.

Von scheinbar verträumter Instrumentalisierung eingebettet schwelgte sie diesmal in weitaus ausgefeilteren Lyrics, welche dem Hörer konzentriertere Aufmerksamkeit abforderten und somit nicht unbedingt den bis dahin gewohnten Erwartungshaltungen entsprachen. Diesmal setzte sie ganz zielbewusst jazzige Wesensmerkmale ein und spätestens seit dieser Produktion wirkten ihre Platten nicht nur aufgrund ihrer Texte intellektueller, sie selbst sprach von einem Reifeprozess in Wortwahl und dessen lyrischer Qualität sowie in der hoch motivierten musikalischen Umsetzung. Auch prangerte sie das voll auf Kommerz orientierte Geschäftsgebaren der amerikanischen Musikindustrie an. Im letzten Titel des Albums zieht sie sämtliche Register ihres gesanglichen Könnens und kreiert aus allen Konturen ihren stimmlichem Möglichkeiten einen phantastischen Chor, bariton, alt, tenor, sopran, meisterhaft einmalig!

1976 folgten „Hejira“ und 1977 „Don Juan’s Rockless Daughter“. Am Bass war kein Geringerer als Jaco Pistorius von der legendären Elektrojazzrockband Weather Report zu hören, der Mann, der den Fretless Bass erfand, eine bundlose Bassgitarre, deren Spielweise eine Fusion zwischen Kontra- und E-Bass klanglich zuließ. „Mingus“, so ihr folgendes Album, war dann ein absolutes Jazzprojekt mit Kompositionen des berühmten Bassisten Charles Mingus, den sie mit hochkarätigen Musikern wie Eddie Gomez und Stanley Clarke am Bass, John Guerin und Toni Williams am Schlagzeug, Phil Woods am Alt-Saxophon, Gerry Mulligan am Bariton-Saxophon, John McLoughlin an den Gitarren und Jan Hammer an den Tasten in Form einer Geburtstagsfeierlichkeit würdigte. Eines ihrer aufregendsten Alben! Ebenso wirkten Jaco Pistorius, Wayne Shorter, Herbie Hancock, Peter Ershine, Don Alles und Emil Richards mit. Im gleichen Jahr sang Joni Mitchell als Gast beim Abschiedskonzert „The Last Waltz“ von The Band mit, das auch auf LP und als Musikfilm erschien.

In den 80er Jahren nahm sich Joni Mitchell musikalisch etwas zurück, der Sound jener Zeit schien sie wohl etwas abzuschrecken. So widmete sie sich stärker der Malerei. Trotzdem erschien 1985 das Album „Dog eat Dog“, das zwar in Kennerkreisen geschätzt, von ihr aber angezweifelt wurde – zu viele elektronische Effekte. 1994 erst ließ das Album „Turbulent Indigo“ die Musikwelt erneut freudig aufhorchen. Auf der Platte setzte sich Joni Mitchell hauptsächlich mit den Themen Frauenrechte, Tierschutz und gesellschaftlichen Widrigkeiten auseinander.

Auf „Taming The Tigers“ kehrt sie wieder zu ihrer typischen Gesangsweise als Erzählerin zurück. Geblieben sind stark jazzige Momente, die durch kräftige Bläserarrangements ihre Emotion hörbar aufladen. Das Plattencover, wie die meisten von ihr selbst gestaltet, sagt alles: Es stellt Joni Mitchell als Selbstbildnis im Stile van Goghs dar; statt des verbundenen Ohres aber schmückt sie eine entzückende Katze. Sie wollte gewiss daran erinnern, dass ihre Malerei so ernst zu nehmen sei wie ihre musikalische Leistung als gestandene Sängerin.

2002 kam das Doppelalbum „Travelogue“ auf den Markt, das Kritikern zufolge als ihr Meisterwerk gelten sollte. Auf hier wirkten Wayne Shorter, Herbie Hancock und andere namhafte Kollegen mit. Fortan widmete sich Mitchell stärker denn je der Malerei. Das Musikbusiness schien sie nicht mehr zu befriedigen, zu aufwändig das Ganze, wie sie einmal resignierend gestand. 2007 erschien dann doch noch eine CD mit dem Titel „Shine“ und 2014 der 4-CD-Sampler „Love Has Many Faces“, auf dem sie die Songs ihrer bis dahin vierzigjährigen Karriere präsentiert – allerdings thematisch und nicht chronologisch sortiert. Das macht es zu einem abwechslungsreichen, gelungenen Werk. Am 7. November feierte sie ihren 75. Geburtstag – dazu nachträglich alles Gute!

P.S.: 1981 wurde Joni Mitchell in die Canadian Music Hall of Fame aufgenommen, 1997 in die Rock’n’Roll Hall of Fame. 2000 erhielt sie den Stern auf dem Canada’s Walk of Fame und 2015 den SF Jazz Achievement Award. 2018 sprach ihr die Universität von Saskatchewan die Ehrendoktorwürde zu.