Gedenkstätte KZ Sachsenburg – dritter Anlauf

Sie wären ein Thema für sich: die seit 1989 vernichteten und umgewandelten Gedenkstätten in Sachsen. Wer heute die Dresdner Neustadt besucht und auf der Alaunstraße an der „Scheune“ vorbeiläuft, wird bei diesem Kulturtempel kaum wissen, dass es sich erstens um den ehemaligen FDJ-Jugendklub Martin Andersen Nexö handelt und dass es zweitens es auf dem Weißen Hirsch bis zur „Wende“ eine Martin Andersen Nexö-Gedenkstätte gab. Der dänische Schriftsteller lebte in Dresden – woran man seit 1990 nicht mehr erinnert. Ein anderer Schriftsteller, Bruno Apitz, dessen Meisterwerk „Nackt unter Wölfen“ unlängst neu verfilmt wurde, gibt es dank dieser Medienproduktion wieder beim Aufbau-Verlag. Sogar als E-Book. Was die wenigstens wissen: Bevor Bruno Apitz ins KZ Buchenwald kam, war er im KZ Sachsenburg inhaftiert. Dieses KZ hat wenig mit einem klassischen KZ zu tun – es befand sich auf einem ungenutzten Textilfabrikgelände bei Frankenberg im Zschopautal, etwa zehn Kilometer von Chemnitz entfernt. Auch dort hatte es schon eine Gedenkstätte gegeben. Aber die ursprüngliche Ausstellung ist weg. Es wird nicht mehr daran erinnert. Dafür gibt es eine neu gestaltete aus dem Jahr 1998 zu sehen. Heute bemühen sich junge Leute um den Erhalt der Anlage und um die Einrichtung einer neuen Gedenkstätte. Besonders aktiv ist Anna Schüller, eine junge Gymnasiallehrerin für Kunst und Geschichte aus Chemnitz.

Sie beschäftigen sich bereits seit 2009 mit dem KZ Sachsenburg. Wie kam es dazu?

Wir haben uns als Freundeskreis mit Tatorten des Nationalsozialismus in Chemnitz beschäftigt. Dabei sind wir über den Kontakt mit dem VVN BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten – d. Red.) auf den Ort Sachsenburg aufmerksam geworden. Das hat uns dann so interessiert, dass wir uns näher mit der Geschichte des KZ beschäftigt haben.

Sie hatten Kontakt mit hier Inhaftierten?

Karl Stenzel kam Jahrzehnte nach seiner Inhaftierung nach Sachsenburg. Das war für uns der Anlass, mit ihm und über ihn ein Filmprojekt zu machen. Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los. Wir haben 2011 und 2012 Workshop-Wochen gemacht, Führungen, Projekttage und kleinere Veranstaltungen. Dabei habe ich festgestellt, dass noch sehr vieles unerforscht ist. Für die pädagogische Wissensvermittlung aber ist es einfach notwendig, mehr Kenntnisse zu haben, und so habe ich damit begonnen, zu dem Ort zu forschen.

Seither sind Sie kontinuierlich bei der Beschäftigung mit dem Thema geblieben.

Zunächst hatten wir den Fokus mehr auf die pädagogischen Angebote gerichtet. Politik hat uns da weniger interessiert. Dass eine Gedenkstätte entstehen könnte, war für uns nicht so bedeutsam. Wir wollten uns einfach mit dem Ort beschäftigen und andere da „mitnehmen“. Erst im Laufe der Jahre ist uns bewusst geworden, wie wichtig eine Gedenkstätte ist, schon wegen der Infrastruktur: Es gibt keine Toilette, kein Wasser, keinen Strom. Außerdem ist es natürlich darüber hinaus wichtig, für die Umsetzung pädagogischer Angebote auch Tafeln oder Bilder zeigen zu können. So sind wir allmählich zu der Überzeugung gelangt, dass wir eine Gedenkstätte brauchen, und jetzt wollen wir uns auch dafür einsetzen, dass hier eine entsteht.

Wie knüpfen Sie an die Erinnerungskultur der DDR an?

Wir haben in den Archiven die Gästebücher gefunden, die es für die zugehörige Gedenkstätte im Betrieb gab, und haben uns darüber der Form des damaligen Gedenkens angenähert. Allerdings ist das noch ein sehr offener Prozess, da bin ich noch nicht so tief vorgedrungen. Aber in der Begegnung mit den Sachsenburgern haben wir schon einiges erfahren, denn die Menschen hier wissen, dass es hier bereits eine Gedenkstätte gegeben hat. Eine „materielle Verbindung“ aber gibt es zwischen dem neuen von uns geschaffenen Gedenkstein im Steinbruch und der alten DDR-Gedenkstätte mit dem Skulpturenmonument: Beides besteht aus Rochlitzer Porphyr!

Die heutige Gedenkskulptur mit der Figurengruppe war aber nicht das erste Gedenkmonument hier.

Schon 1957 bei der Einweihung gab es einen ersten kleineren Gedenkstein, der 1968 ersetzt wurde. Zudem gab es die Initiative eines Sachsenburger Lehrers, der sich dafür eingesetzt hat, dass es Gedenkräume gibt, wo man Besucher empfangen und die Geschichte darstellen und daran erinnern kann. Der Lehrer hieß Gottfried Weber und es war 1974, als die erste Gedenkstätte im Fabrikgebäude entstand. Sie bestand bis 1990, als die Fabrik geschlossen wurde. Sie war ja ein Teil davon. Teile der Ausstellung sind allerdings „verschwunden“.

Später gab dann noch eine Ausstellung hoch oben im Schloss Sachsenburg über dem Zschopautal und der Fabrik, in der das KZ sich befand. Was wissen Sie zu dieser?

Anfang der 90er gab es in der Presse lebhafte Auseinandersetzungen zur Frage, ob es sich in Sachsenburg überhaupt um ein KZ handelte oder ob es „nur“ ein Arbeitslager gewesen sei. Im Ergebnis des Disputes gründete sich 1992 ein Interessenverband, der dann diese neue Ausstellung initiierte, die 1997 eröffnet wurde. Zuvor trat die Interessengemeinschaft an die Gruppen der ehemaligen Häftlinge heran und fragte, ob sie nicht zur Ausstellung etwas beitragen wollten. Zunächst wurde die Ausstellung im Schloss gezeigt, bis dieses baupolizeilich gesperrt wurde. Anschließend wurde sie verwahrt und dann ermöglichte der Eigentümer Marcel Hett, dem ein Teil des ehemaligen KZ Geländes gehört, die Präsentation in den Garagenräumen – wo sie sich noch heute befindet.

Wer waren die Gefangenen?

Es waren zum größten Teil politische Gefangene, auch Zeugen Jehovas, Pfarrer der Bekennenden Kirche und einfach politisch engagierte Menschen, die keiner Partei zuzuordnen sind. Sie kamen zum großen Teil aus Chemnitz und Umgebung, aber auch aus Leipzig, Dresden … Gegen Ende der Zeit, also 1937 kommt eine ganz große Gruppe aus Nordrhein-Westfalen, von sogenannten kriminellen Häftlingen, das ist eine weitere Gruppe, die bisher völlig unterschlagen wurde. Die Kommunisten bildeten die größte Gruppe der politischen Gefangenen neben Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Einer der später namhaftesten war der Kommunist und Autor von „Nackt unter Wölfen“, Bruno Apitz.

Wie viele „frühe Lager“ gab es in Sachsen?

Nach meinem bisherigen Stand gab es 25 – aber die Gruppe um den Zschopauer Heimatforscher Hans Brenner hat 110 Haftstätten in Sachsen recherchiert. Die Forschung geht da weiter. Es sind ja oft Turnhallen gewesen, Schlösser, Arbeitersportheime wurden beschlagnahmt, um Menschen inhaftieren zu können. In Sachsenburg aber war es eine leerstehende Fabrik.

Hatte Sachsen einen besonders hohen Anteil an frühen KZ im Deutschen Reich?

Ja, denn ein Viertel sämtlicher Lager entstand in Sachsen. Die Insassen waren nicht nur Deutsche. Zum Beispiel gab es in Sachsenburg tschechische Häftlinge und auch mindestens einen Italiener.

Sie haben eine Gedenkstättenkonzeption erarbeitet. Wie soll es nun weiter gehen?

Der Stadtrat hat es nun beschlossen, nachdem die Gremien der Stiftung Sächsische Gedenkstätten das Konzept empfohlen haben. Jetzt werden Bundesmittel beantragt und aus dem sächsischen Haushalt sollen ebenfalls Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das ist sehr wichtig – denn nur wenn Landesmittel zur Verfügung gestellt werden, können auch Bundesmittel genehmigt werden. Sobald die Bundesmittel da sind, könnten die Sanierung der Gebäude und der Aufbau einer Ausstellung beginnen.

Was heißt das konkret?

Das Konzept eröffnet verschiedene Varianten und der Stadtrat hat sich für die Variante entschieden, die Ausstellung in die Zellengebäude und das benachbarte Gebäude hinein zu bringen und die Kommandantenvilla und das Fabrikgebäude erst einmal außen vor zu lassen. Im Rahmen des Forschungsprojektes habe ich einen Beschluss des Stadtrates von 2015 entdeckt, die Kommandantenvilla abzureißen, obwohl sie unter Denkmalschutz steht. Sie zu erhalten wäre natürlich im historischen Interesse äußerst wichtig. Zwar verstehe ich den Stadtrat, der an seine begrenzten Mittel denkt, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Egal ob über neue Möglichkeiten der Crowdfunding oder Spenden – selbst wenn die Mittel aktuell nicht zur Verfügung stehen, wäre ein Abriss bis auf die Grundmauern eine nicht wieder gut zu machende Vernichtung historischen Erbes.

Haben Sie einen Wunsch an unsere Leserinnen und Leser?

Bitte prüfen Sie in der Familiengeschichte, ob möglicherweise ein Familienmitglied in Sachsenburg als Häftling oder Wachmann war. Wir sind für alle Informationen und Materialien sehr dankbar!