Warum und zu welchem Zweck manche flüchten

Von Peter Porsch

Ungarn hat in den letzten siebzig Jahren eine merkwürdige Geschichte, was Fluchtbewegungen betrifft, durchgemacht. Im Jahre 1956 zogen über 200.000 Menschen vor den Folgen eines verlorenen Aufstandes zunächst nach Österreich. Dort wurden sie hilfsbereit aufgenommen und konnten sich danach schnell in eine aufnahmebereite westliche Welt verteilen. Warum auch immer das damals so war, frage ich jetzt nicht. Es war halt so. Danach freute man sich viele Jahre über jeden Flüchtling, der den sogenannten „Eisernen Vorhang“ überwunden hatte. Dieser „Vorhang“ hielt auch nicht ewig. Ungarn hob ihn 1989 in die Höhe und viele Bürgerinnen und Bürger der DDR eilten durch das immer größer werdende Loch. Warum auch immer. Ich will es jetzt nicht weiter hinterfragen. Es war halt so.

Aber Geschichte endet nimmer und geht oft merkwürdige Wege. Ungarn hat den „Eisernen Vorhang“ seit einiger Zeit von der Grenze nach Österreich an die Grenze zu Serbien verlegt. Diesmal nicht, um eine Flucht nach draußen zu verhindern, sondern um Geflohene vor einer illegalen Weiterreise durch das Land abzuhalten. „Bild am Sonntag“ beschreibt den neuen Grenzzaun am 19. August 2018 auf Seite 24 so: „Maschendraht, so weit das Auge reicht, Metallpfeiler, messerscharfe Stacheln …“ Naja, halt ein „Eiserner Vorhang“. Auch die dazugehörigen Grenzer fehlen nicht, die mit ihren Geländewagen den Zaun entlang rasen. Alles in allem 175 Kilometer vom Anfang bis zum Ende, vier Meter hoch und 1 Milliarde Euro Kosten. Es ist das Ungarn Victor Orbans und es ist voller Widersprüche. Gegen unerwünschte Flüchtlinge abgeschottet, ist es nicht so, dass es in diesem Ungarn keine Flüchtlinge gäbe – fast gar keine aus Afrika oder Afghanistan, sehr wohl aber welche aus dem reichen Deutschland. Wer sich für die Aufnahme Asylsuchender auch nur ausspricht, fällt in Ungnade, die Flüchtlinge aus Deutschland heißt man herzlich willkommen.

Was sind das aber für Flüchtlinge? Nun, es sind Rentner, die mit ihrer schmalen Rente das billige Ungarn als Ausweg aus realer Altersarmut entdeckt haben. Denen – so belehrt uns „BamS“ an dem bereits erwähnten Sonntag – ist Orban egal. „Ich spare hier 1.000 Euro im Monat“, gesteht ein 82jähriger Witwer aus Deutschland (S. 23). Es sei ihm gegönnt und Ungarn auch. Den Magyaren ist die kleine Rente Deutscher willkommener Anteil für einen bescheidenen eigenen Wohlstand. Ob den deutschen Rentnern das Prädikat „Wirtschaftsflüchtling“ oder „Armutsflüchtling“ angeheftet werden kann, ist in dieser „win-win-Situation“ für alle Beteiligten unerheblich. Es ist halt so. Oder ist es doch eine Frage wert, warum es im, wie gesagt, reichen Deutschland, die Fluchtursache „Altersarmut“ gibt? „BamS geht der Frage nicht weiter nach. Linke sollten es und sie sollten die Beseitigung dieser Fluchtursache, wie aller Fluchtursachen, fordern und befördern. Es gibt nämlich, so lehrt uns „BamS“, noch andere Fluchtursachen: die Fluchtursache Flüchtlinge beispielsweise. Klingt merkwürdig, der Satz ist aber korrekt formuliert. Am Plattensee gibt es ein Luxus-Altenheim, vornehmlich bewohnt von Deutschen. Aus welchem Grund? „BamS“ klärt wiederum auf: „Einige Rentner stehen derart auf Kriegsfuß mit Angela Merkels Politik, dass sie nach Ungarn auswandern. Sie flüchten vor den Flüchtlingen, leben lieber in einem fremden Land als in einem ,überfremdeten‘.“ (S. 22)

Warum sich Menschen jedoch so verhalten, folgt schon einer merkwürdigen Dialektik des Denkens und Handelns – zumindest auf den ersten Blick. Man zieht in die Fremde, um Fremden in seiner angestammten Umgebung zu entgehen. Um das zu verstehen, muss man eben „um die Ecke denken“, sagt einer zu „BamS“ (S. 23). Und plötzlich kommt ein toller Gedanke: Orban verweigert sein Ungarn zum Leidwesen der EU armen Asylsuchenden. Sind solche aber aus dem reichen „Westen“ und leidlich zahlungsfähig, nimmt er sie auf. Wohlan! Könnten wir nicht ein ungarisches Paradies für unsere Rassist*innen und Ausländerfeind*innen schaffen? Der Lohn für ihr Verschwinden wäre außerdem noch ihre Rettung vor Altersarmut. Nein! – Es schlüge ein solches Quantum an Dialektik doch in die neue Qualität von Zynismus um.