„Von jedem Tag will ich was haben …“

Ralf Richter empfiehlt das Buch zum Gundermann-Film

Das vollständige Zitat auf dem Titel des Paperbacks vom Ch. Links Verlag, das von Andreas Leusink herausgegeben wurde, lautet: „Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse …“ Was immer Sie machen, den Gundermann-Film von Andreas Dresen sehen, den Soundtrack bei Buschfunk bestellen oder das genannte Buch lesen: Sie werden davon etwas haben, was Sie nicht vergessen!

Warum ist das im Fall des Buches so? Das Gundermann-Buch ist ein sehr ungewöhnliches Buch zum Film. Manche Bücher zum Film erzählen nur die Filmgeschichte – diese ist zwar auch vorhanden, aber sie macht nicht den wesentlichen Teil aus. Das Buch enthält (Rücktitel Paperback): „viele bisher unveröffentlichte Texte und Fotos, Briefe und Erinnerungen, Dokumente und Interviews“.

Der „singende Baggerfahrer aus der Lausitz“ war eine Legende. Sollten Sie gerade keines seiner Lieder im Ohr haben, dafür aber zufällig ein smartes Handy, ein Tablet oder einen PC in Reichweite, dann tun Sie sich bitte einfach den Gefallen und suchen sie „Gundermann youtube Hoywoy“. Grönemeyer hat über Bochum gesungen, Sinatra über New York und Gundermann über den Ort, den er am besten kannte: Hoywoy.

Ein junger Kommunist mit Idealen, abgebrochener Offiziersschüler (Offiziersschule Löbau), qualifiziert sich vom ungelernten Arbeiter zum Facharbeiter und macht nach Feierabend Musik, die tief anrührt. Heute noch. Gundermann stirbt 43jährig. Nach der Wende lernt Axel Prahl durch den Regisseur Andreas Dresen die Musik von Gundermann kennen und der davon so begeistert, dass der singende Schauspieler Gundermann-Lieder in sein Repertoire aufnimmt, wenn er mit seinem „Insel-Orchester“ auf Tour geht. Im Film spielt Axel Prahl Gundermanns-Führungsoffizier. Im Buch über den Film fehlt ein Interview mit Axel Prahl und seiner Beziehung zu Gundermann – aber das ist auch wirklich das einzige Manko.

Das Buch, das der Person Gerhard Gundermann gewidmet ist, öffnet den „Kosmos DDR“, genau wie seine Musik und der Film – man rutscht rein in den echten deutschen Osten wie er war, und das hat etwas mit Frustration zu tun. Ein Frust, den der Ost-Regisseur Andreas Dresen gleich vielen anderen Ostdeutschen empfand, als er den Film „Das Leben der Anderen“ sah. Im Jahr 2006 hatte Florian Henckel von Donnersmarck dieses Werk gedreht, das als „der Spielfilm“ über das wahre Leben im Osten gefeiert wurde – in westdeutschen Landen und bei den Westdeutschen im Osten. Genauso wie im Film dargestellt hatten wir im Osten nicht gelebt! Das hatte nichts mit unserer ostdeutschen Erfahrung zu tun – trotzdem gewann der Film (handwerklich zweifellos ein gelungenes Kunstwerk, das stellt auch Andreas Dresen keineswegs in Abrede) den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. In diesem Moment wurde Andreas Dresen klar: Wenn wir Ostdeutsche unsere Geschichte nicht selbst erzählen, dann phantasieren sich eben die anderen unsere Geschichte zurecht, so wie sie sie sehen wollen. Und so wird sie dann auch in Ostdeutschland den Kindern und Enkeln aus fremder Sicht erzählt. Andreas Dresens drei Ost-Filme nach der Wende waren im Kino gefloppt – selbst im Osten hatte sie kaum jemand sehen wollen, nun nahm der Regisseur mit „Gundermann“ einen weiteren Anlauf – und schuf ein in diesem Jahr gefeiertes Meisterwerk.

Wer das Buch liest, versteht, warum bis zuletzt 1989 – bis praktisch fünf nach zwölf – so viele Blauhemden, SED-Genossen, NVA-Soldaten, Kampfgruppen der Betriebe da waren, aber keine wirklichen Verteidiger der Idee des Sozialismus. Gundermann sang in dieser Zeit Lieder von Ernst Busch – und er stand dahinter. Er glaubte wirklich an Glasnost und Perestroika. Obwohl man ihn aus der Partei ausgeschlossen hatte, sah er sich weiter als Kommunist. Ein „Übriggebliebener“ also, so wird er auch im Buch genannt. Ein Unbeugsamer, der das Maul in der DDR-Zeit aufgemacht hatte, um die Missstände anzuprangern und deshalb drangsaliert wurde. Einer, der bei der Stasi eine Zeit lang mitgearbeitet hatte, weil er glaubte, dadurch die Dinge, die aus seiner Sicht schief liefen, besser zu machen.

Das Buch für 20 Euro schafft einen Zugang zur Person Gerhard Gundermann und zum Leben, Lieben und Kämpfen in der DDR, der über Gundis Lieder und den phantastischen Film von Andreas Dresden weit hinausgeht. Neben Briefen des Kindes Gundermann steht seine Selbstverteidigungsschrift nach dem Rauswurf aus der Partei, es gibt Interviews mit seiner Frau, den Musikern, die seine Musik ins Jahr 2018 transportieren, und vieles mehr.