Über Leben und Tod

Von Ralf Becker

Bundesgesundheitsminister Spahn will eine neue Diskussion zur „Organ-Spende“. Er will die Widerspruchslösung: Jeder, der nicht ausdrücklich und unterschriftlich verneint, wird Organ-„Spender“. Das ist ein Anachronismus. Der Chef der Ethik-Kommission hat sich umgehend geäußert: Der Sinn der „Spende“ ist dann dahin, die Freiwilligkeit der Leistung. Hier schon muss auf die Verdrehung der Sprache im Kapitalismus, die systemisch ist und nicht zufällig, verwiesen werden. Nicht „Spende“ wäre das, sondern das Kraft Gesetz eingeführte menschlich-organische ERSATZTEIL-LAGER!

Ich mag gar nicht auf die bereits in früherer Debatte genannten Probleme eingehen, wie Bestechung und Korruption bei der Dringlichkeitsliste, die Begehrlichkeit auf ein Organ und Hirntod ja /nein und so weiter. Entscheidend für mich ist der Angriff auf das grundlegendste aller Grundrechte – GG Art. 1 Abs. 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Bisher meinte das auch die Totenwürde. Die wäre dahin. Denn wenn jemand vergisst, seine Ablehnung nachweislich zu hinterlegen und ihn, was in der technisierten Gesellschaft und Wirtschaft allzeit zufällig widerfahren kann, dann per Unfall der (Hirn-)Tod ereilt, wäre er nicht mehr toter Mensch mit Totenwürde, Recht auf körperliche Unversehrtheit, sondern bloße Biomasse von Organen, die „ausgeweidet“ werden kann – medizinisch-wissenschaftlich korrekt natürlich.

So, und nun kommen all die, die das Leiden der auf ein Organ Wartenden (ca. 10.000) in den Vordergrund stellen. Und – ja – auch ich könnte mal in eine Situation kommen, wo ich ein Organ bräuchte. Aber: Menschen werden mit biotischen Merkmalen geboren, die einen gesund (die allermeisten), andere mit verschiedenen Defekten. Eine humane, soziale Gesellschaft kümmert sich um Letztere so gut es eben geht mit den Kräften der eben nicht vorrangig solidarisch, sondern kapitalistisch-gewinnwirtschaftlich strukturierten Sozialversicherung, insbesondere Krankenversicherung. Diese angeborene biotische Disposition ist NATUR. Damit muss jedes Individuum durch sein Leben hindurch umgehen, beinahe hätte ich gesagt „haushalten“. Wer krank ist und wo medizinische Hilfe dann an ihre Grenzen kommt, wird es tragisch, Tod gegebenenfalls als tragischer Ausgang. Die soziale Begleitung in dieser letzten Phase ist seit einigen Jahren erst auch ein wichtiges Thema geworden.

Man soll Leben nicht gegeneinander abwägen, dazu gibt es ein BVerfG-Urteil hinsichtlich des Abschusses entführter Passagier-Flugzeuge. Das Leben der Passagiere geht vor. Argumentiert wurde mit den Leben der Menschen, die bei gezieltem Absturz durch die Entführer in Zivilisationsgebieten betroffen sein könnten und die mehr wären als die Zahl der Passagiere.

Bei der „Widerspruchslösung“ von Gesundheitsminister Spahn liegt die Sache umgekehrt: Wegen einer kleinen Anzahl Menschen soll die (Toten-)Würde nahezu aller angetastet werden. Im Übrigen geht es auch um die Würde der Lebenden, der Gesunden wie der Kranken, wenn man gezwungen wird zu einer Entscheidung, die nicht unausweichlich getroffen werden muss. Für das „Leben“ der demokratischen Gesellschaft sind Wahlen wesentlich, doch niemand wird zur Teilnahme gezwungen. Die Parteien fühlen sich jedenfalls „legitimiert“. Zugegeben, der Vergleich hinkt, ich bin für Wahlpflicht. Dies dient nur der Illustration, dass hier kein einheitliches rechtsstaatlich-ethisches Paradigma zu erkennen ist. Die zu Grunde liegenden Maßstäbe variieren nicht nur, sie widersprechen sich. Da wird dann deutlich, dass es eben um eine sehr eingeschränkte ethische Debatte geht, von je speziellen und dominierenden Interessen eingeengt!

Wie also umgehen mit dem Thema? Zunächst wurden nachdrücklich bereits Mängel des Systems der Erfassung von möglichen Organspenden in Größenordnungen festgestellt. Das wäre zunächst abzustellen, dann sind deutlich mehr Organe bereits verfügbar. Alles andere ist tragischer natürlicher Ausgang: ob biologisch disponiert oder „selbst verschuldete“ Erkrankung. Warten auf ein Organ mit Hoffnung – ja. Wenn rechtzeitig eines kommt, ist es Glück, wenn nicht, Pech, aber der Lauf der Dinge, auf den man sich einzurichten hat …