Noch viel zu tun für die Gleichstellung

Seinem freundlichen Angebot entsprechend veröffentlichen wir eine Zuschrift unseres neuen Genossen Karl-Heinz Gottschalk

Chronologische Aufzählung von Erlebnissen, die mit meinem Schwulsein zusammenhängen

1. Im Mai 1959 geboren, merkte ich mit Anfang 15 Jahren, also 1974, dass ich auf Kerle mit knallengen Jeans stand, wenn diese mir auf der Straße entgegen kamen. Ich dachte jedoch nicht an Schwulsein!

2. Spätes Outing erst mit 29 Jahren vor meinen Eltern. Meine Mutter tobte mit den Worten „Du schwules Schwein, solche wären früher abgegangen“ (Gemeint: ins KZ!). Derweil niemals national eingestellt, kam es fast zu einem Bruch mit ihr! Meine Koffer hatte ich schon gepackt. Erst auf dem Sterbebett 2001 entschuldigte Sie sich bei mir – dann gingen ihre Augen zu.

3. Sterbebegleitung bei einem schwulen Freundespaar in Zittau 1993. Ein Partner des Paares starb an AIDS. Die Antiretrovirale Therapie kam zu spät! Er starb in meinem Armen. Er war schon sechs Monate in einem Hospiz gewesen, er wollte aber zu Hause sterben. Sein Freund folgte ihm 1998. Als ich mich in der Früh auf den Heimweg begeben wollte und durch Zittau lief, um zu meinem Auto zu gelangen, wurde ich von sechs Neonazis attackiert und verfolgt. Die hatten alle Baseballschläger bei sich. Bloß gut, dass das Autoschloss funktionierte und der Motor sofort ansprang! Mir schlotterten die Knie auf der ganzen Heimfahrt!

4. Üble, nicht zitierfähige Beleidigungen in Meissen 2001 durch einen arbeitslosen Maler und Neonazi zweimal innerhalb von 14 Tagen. Beim zweiten Mal erkannte ich sein Autokennzeichen. Anzeige durch mich – Anklage und Verhandlung am Amtsgericht Meissen durch Herrn Richter Falk. Ich war zugleich Nebenkläger. Er wurde zur Geldstrafe verdonnert. Die SZ-Lokalredaktion Meißen berichtete.

5. Versuchte „Schutzgelderpressung“ durch Minderjährige: Die beiden Zwölfjährigen waren damals, wie bei Neonazis üblich, mit Bomberjacke und entsprechenden Schuhwerk angezogen, und sie wollten erst 20 und später 50 Euro. Wenn ich nicht zahlen würde, würden sie ins Internet gehen und mich auf „speziellen Plattformen dort outen“. Ich ging nicht darauf ein. Das ereignete sich beim Meißner Weinfest auf dem Theaterplatz 2008.

6. Bewerbung bei einem Stahlbauunternehmen im Gewerbebetrieb Zeithain. Dort suchte man Leute, worauf ich mich bewarb. Es wurde Probearbeit vereinbart, um sich nicht gleich am Anfang zu sperren. Am vierten Tag geschah es: Ein dortiger Schlosser erkannte mich als „Schwuchtel“, suchte beim Meister das Gespräch und „petzte“! Aus Einstellungsabsichten wurde von jetzt auf gleich nichts mehr. Fadenscheinig wurde mir mitgeteilt, es sei ein Fax herein gekommen und der Großauftrag storniert worden. Mir reichte das, ich ging sofort, knallte das mir vorher übergebene Werkzeug diesem Meister vor die Füße und fuhr zum Jobcenter. Dort hielt man, man staune, zu mir! Aber Hilfe vom Präsidenten der Sächsischen Industrie- und Handelskammer? Fehlanzeige!

In letzteren Zusammenhängen tun sich gerade Klein- und Mittelständler bei „Andersgearteten“, wie man uns auch heute noch bezeichnet, sehr schwer! Es zählen nicht die Motivation, der Arbeitswille und das Können, sondern wen Mann liebt und mit wem man wie „verkehrt“. Das sogenannte Antidiskriminierungsgesetz ist nur Makulatur und sein Papier nicht wert, denn die Beweislast liegt beim Kläger bzw. demjenigen, der sich benachteiligt fühlt. Kein einziger Fall landete bisher vor einem (Arbeits)Gericht. Es hätte auch kein Zweck – denn selbst im Falle eines Sieges würde man dann in solchen Unternehmen Spießruten laufen.

Liebe Freunde, es gibt in puncto „Schwulenakzeptanz“ (alle) noch viel zu tun! Das, was man die „Ehe für alle“ nennt, ist kein „Samariterdienst“ der Bundesregierung, sondern von und durch uns hart erstritten! Nur weil man in Berlin die Felle vor der Bundestagswahl wegschwimmen sah, wurde uns ein bisschen entgegengekommen.