Neues vom Herrn b

Jour fixe 37 widmet sich Stephen Parkers neuer Brecht-Biographie. Von Wulf Skaun

Haben wir mit Mittenzwei, Hecht, Schumacher und Co. nicht schon zu DDR-Zeiten alles über Bert Brecht gewusst? Die 37. Runde des Leipziger „unkonventionellen Gesprächskreises“ Jour fixe an der RLS Sachsen belehrt uns eines anderen. Im beinahe privatimen Café-Ambiente der „Kleinen Träumerei“, für den Abend zum Literatursalon aufgeputzt, stellt der einheimische Germanist Klaus Pezold die im Juni bei Suhrkamp erschienene Brecht-Biographie seines britischen Fachkollegen Stephen Parker vor.

Das hätte dem Jahrhundertdichter gefallen, wie seines 120. Geburtstages gedacht wurde: In traulichem Lampenschein analysiert Klaus Pezold in konsequent philologischer Betrachtung das über 1000 Seiten umfassende Parker-Werk mitsamt seinen Neuerungen, während Moderatorin Ursula Wohlfeld wichtige Erkenntnisse seines Vortrags authentisiert, indem sie mit „wohltemperierter Hörspielstimme“ aus Parkers und Werner Mittenzweis Originaltexten liest. Sehr zum Gefallen des literar-ambitionierten Publikums, das, an etlichen Tischen platziert, „seinen“ gelernten Brecht um zusätzliche Details bereichert und aus unbekannter Perspektive belichtet sieht.

Pezold führt die Innovationen in Parkers Brecht-Bild gegenüber Mittenzweis Maßstab setzender „Brecht-Bibel“ von 1986 auf zwei Tatsachen zurück. Zum einen hatte der britische Biograph auch alle jene Informationen aus endlich geöffneten Archiven und späteren Publikationen, wie der faktensatten Brecht-Chronik Werner Hechts, verarbeiten können, die Mittenzwei nicht zur Verfügung standen. Zum zweiten widmete sich der Jüngere explizit Brechts lebenslangen gesundheitlichen Problemen, der „biophysischen Dimension“ seines Werks, um sie, was niemand vor ihm in dieser Rigorosität tat, als wesentlichen Einflussfaktor auf Existenz und Wirken des Lyrikers und Dramatikers zu veranschlagen.

Diese Dramaturgie hätte zweifelsohne Mittenzweis Beifall gefunden, ist sich Pezold sicher, entspräche sie doch jenen Erfordernissen, die der DDR-Literaturwissenschaftler an eine „ernstzunehmende Biographie“ stellte. Diese müsse dem „Geheimnis“ einer künstlerischen Leistung auf die Spur kommen; zeigen, wie einer mit dem Leben fertiggeworden sei und also „das Gesamtbild eines interessanten Menschen hervorzurufen“ vermögen. Pezold akzentuiert in diesem Sinne, mit Parker, wichtige Knotenpunkte in Brechts persönlicher und künstlerischer Entwicklung. Wie sich der Begabte bei „Schreiben und Sex“, mit Textexperimenten und chaotischem Liebesleben um ersten literarischen Ruhm bemühte. Wie er nach der „Dreigroschenoper“, der nach Parker einsetzenden Zeit des „monumentalen Erfolges“, in die Liga der deutschen Schriftstellerelite aufstieg. Wie er trotz stalinistischen Terrors an der Idee des Sozialismus festhielt, was sicherlich auch auf sein Studium des Marxschen „Kapitals“ zurückzuführen war. Für sein Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ hatte sich Brecht nicht nur ökonomisches Hintergrundwissen verschafft; Marx’ materialistische Analyse des Kapitalismus ließ ihn nun auch die USA als dessen Vorreiter, als Experimentierfeld für die „Triebkräfte der Märkte“ und deren zerstörerischen Macht begreifen.

Brechts humanistisches und friedenspolitisches Credo, in Lyrik und Dramatik künstlerisch verankert, bestimmte auch sein Verhältnis zur späteren DDR. Dem Kampf des inzwischen weltberühmten Künstlers um eine feste Spielstätte für sein episches Theater gegen den dogmatischen SED-Kulturapparat, kulminierend in den Ereignissen des 17. Juni 1953, räumt Parker viel Platz ein.

Pezolds Urteil, dass sich die Biographie anregend und spannend lese, kann das Auditorium bestätigen, als Ursula Wohlfeld die einschlägige Buchpassage zu Gehör bringt. Pezold kommentiert diese und andere Betrachtungen Parkers nur sparsam, und wo er es tut, gutwillig. Wie er dem westeuropäisch geprägten Biographen auch eine weitgehend ideologiefreie Sicht – „ohne Schwarz-Weiß-Brille“ – bescheinigt. Parkers Buch endet mit Brechts Ableben und dessen selbstverfügter stiller Beisetzung im kleinsten Kreis eng Vertrauter. Den Staatsakt der DDR-Regierung beschweigt es. So entschädigt Ursula Wohlfeld die Jour fixe-Brechtgemeinde mit Werner Mittenzweis Augenzeugenbericht.

Der „unkonventionelle Gesprächskreis“ erlebt an diesem Literaturabend neben biographiebezogenen Wortmeldungen auch einen unkonventionellen, weil musikalischen Diskussionsbeitrag zum Brecht-Thema. Hartwig Runge, in seinem früheren Sängerleben als Ingo Graf von Funk und Fernsehen bekannt, trägt Haydns zur Nationalhymne erhobene Melodie vor, in die er neben Fallerslebens und Bechers Text auch Bert Brechts „Anmut sparet nicht noch Mühe“ synchronisiert hat.

Zwei Informationen, von Manfred Neuhaus schon während der Begrüßung verkündet, bleiben nachzutragen. Das angekündigte Zweitthema über Artur Koestlers „Sonnenfinsternis“ müsse wegen Erkrankung Klaus Kinners verschoben werden. Die nächsten Jour-fixe-Treffen finden wieder an gewohntem Ort, Harkortstraße 10, statt, weil sich die Fertigstellung des neuen Domizils in der Hohen Straße verzögert.