Das französische Chanson und sein ambrosischer Vertreter

Jens-Paul Wollenberg mit Anmerkungen zum Genre und einem Nachruf auf Charles Aznavour (1924-2018)

„Chanson“ bedeutet an sich nichts weiter als „Das Lied“, wobei zu beachten wäre, dass nicht unbedingt das Volkslied gemeint ist, das sich im Laufe der Zeit durch historische, politische Ereignisse und gesellschaftliche Veränderungen wandelte. Ursprünglich tauchte der Begriff Chanson bereits im Mittelalter auf, verfasst und vorgetragen von französischen Troubadouren oder Trouveres, die spezifisch prosaische Lyrik mit meist sparsamer Lautenbegleitung sangen. Im Vergleich zum klassischen Kunstlied, das mehr denn je als „Kaisergeburtstagslied“ galt, ist das Chansons eher von drastischer Derbheit, von humorvoller Frivolität mit oft ironisch-sarkastischem Spott im Unterton geprägt. Auch das Aufbegehren revolutionärer Charaktere spielt eine wesentliche Rolle. Selbstverständlich kamen Themen wie die große Liebe oder Trauer und Melancholie nicht zu kurz.

Während der Weiterentwicklung des Chansons traten unzählige Neuschöpfungen zutage, sodass sich das Genre immer wieder enorm wandelte. Bedauerlicherweise wurden die Chansons meist nur mündlich überliefert, da es mitunter unüblich war, Noten und Texte schriftlich festzuhalten. Ausnahmen jedoch sollten die Regel bestätigen, wie zum Beispiel der Literat, Sänger und Chronist Francois Rabelais (geboren 1494 in Chinon, einer Stadt im Dep. Indre-et-Loire an der Vienne). Der Sohn eines Anwalts, der nach seiner Studentenschaft Mönch wurde, kehrte schon bald Kloster und Glauben den Rücken und entwickelte sich in kürzester Zeit zum radikalen Gegner jeglicher Machthaberei sowie der katholischen Kirche und der verspießerten Welt der Bourgeoisie. Er wurde als Ketzer beschimpft und verfolgt, konnte jedoch aufgrund seines akademischen Grades immer wieder gesellschaftlich Fuß fassen. Er verfasste mehrere Bücher und Schriften, darunter „Gargantua und Pantagruel“, schuf eine äußerst subtil wirkende Sprache voller grotesker Sinngebilde, entfachte ein literarisches Feuerwerk, war ein Aquilibrist der Alphabete, im weitesten Sinne ein Pionier der Surrealisten. Als seinen Meister bezeichnete er oft Francois Villon, den unbändigen Barden und Poeten des französischen Mittelalters. Bis in die heutige Zeit hinein beeinflusst Rabelais maßgeblich Chanson-Interpreten, die Wert auf rebellische Inhalte legen.

Ein weitaus später geborenes weiteres „Enfant terrible“ sorgte ebenfalls für Aufsehen. Der 1851 in Courtenay, einer südlichen Region von Paris, auf die Welt gekommene Louis-Armand Aristide Bruand war ein Zweimetermann, gestiefelt wie ein Musketier und mit rotem Schal über seinem schwarzen Mantel. Er verfasste etliche anarchistische Chansons, die er im berüchtigten „Le Chat Noir“ (ein beliebtes Pariser Kabarett in Montmartre, d. Red.) vortrug und die von den Verlierern und Ausgestoßenen der Gesellschaft handelten. Er schuf hunderte Werke dieser Art, die alsbald auch außerhalb des französischsprachigen Raums berühmt wurden. Denn er veröffentlichte sie im Heftformat. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gründete er eine Cabaretbühne, wo er – und das das galt als sein Markenzeichen – sein Publikum schimpfend begrüßte, bevor er, bedrohlich mit den Stiefeln klopfend und mit dem Knotenstock wirbelnd, seine Chansons bissig in die vollgestopften Sitzreihen rotzte.

Auch die politischen Songs aus der Zeit der französischen Revolution, besonders die der Pariser Commune, hatten wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung des französischen Chanson und seiner Vielfalt. Sie waren inhaltlich nicht nur von revolutionärer Unbill durchtränkt, sondern thematisierten ebenso Motive wie Liebe und die Lust am Leben. Ein wunderschönes Beispiel liefert das bekannte Chanson „Die Kirschenzeit“ von Jean-Baptiste Clement, der ein ebenbürtiger Poetenkollege seines Freundes Eugène Pottier war, des Verfassers der „Internationale“. Es mag wie ein Wunder klingen, dass das Genre Chanson trotz einschneidender politischer Umtände in seiner archaischen Form überleben konnte. Während der deutschen Besatzung Frankreichs durch die Wehrmacht flohen etliche Chansonniers ins Exil, andere gingen in die Resistance, darunter Jacques Prévert, Louis Aragon oder Francis Poulence, um nur einige zu nennen.

Nach der Befreiung lebte die Szene wieder auf. Große Bühnen boten nun den Chansonniers breiten Spielraum, etwa das ABC-Theater in Paris und selbstverständlich das Moulin Rouge, wo Yves Montan und Charles Aznavour von der großen Edith Piaf entdeckt wurden. Leider kam auch Frankreich nicht an den spießigen Fünfzigern vorbei, amerikanische Modeströmungen überfluteten die Metropole Paris. Waghalsige Initiativen namhafter Persönlichkeiten wie Jacques Prévert oder Joseph Kosma, die geschickt die spezifische Gangart des französischen Chanson und seinen Charme bewahrten und weiterentwickelten, sicherten sein Überleben.

Es entstand eine enorme Vielfalt in der Szene. Im Laufe der Zeit bedienten sich die Protaganisten, abgesehen von klassischen volksliedhaften oder balladesken Stilen, auch populärer Musikbereiche und nutzten Elemente des Jazz, Rock und Folk. Georges Moustaki sei hier erwähnt oder Leo Ferré, die sich nicht scheuten, in ihre Arrangements auch elektronische Experimente einzubeziehen. Einige blieben puristisch, etwa Georges Brassens, der erfolgreich in die Fußstapfen Jacques Prévents trat und großen Wert auf Bescheidenheit in der Instrumentalisierung legte. Seine anarchistischen Lieder kamen hauptsächlich nur mit Gitarrenbegleitung zum Vortrag.

Ganz anders war es bei einem der ganz großen, sehr vielseitigen Talente Frankreichs, dessen Charme sich kaum jemand entziehen konnte und dessen Gesang jedes Herz betörte. Charles Aznavour liebte das Orchester. Der berühmte Sänger und Schauspieler wurde am 22. Mai 1924 in Paris als Sohn eine Künstlerehepaars geboren. Sein richtiger Name lautete Varenagh Aznavourian – die Eltern stammten aus Armenien, das sie 1915 unter lebensbedrohlichen Umständen hatten verlassen müssen. Bereits als kleiner Junge trat Charles auf Kleinkunstbühnen auf, selbstverständlich auch im Caféhaus, das seine Eltern betrieben. Nach dem Schulabschluss erhielt er Schauspielunterricht sowie eine Gesangsausbildung und wurde, wie schon erwähnt, bei einem Auftritt 1946 von Edith Piaf entdeckt und hernach gefördert. Von da an ging alles ganz schnell. Piaf lud ihn auf eine Tournee durch ganz Frankreich und in die USA. Aznavour wurde binnen kürzester Zeit ein Weltstar. 1948 gab er solistisch mehrere Konzerte im französischsprachigen Kanada.

Anders als andere Kollegen seiner Zunft, wie Leo Ferré oder Georges Moustaki, die sich mehr die Anarchie auf die Fahnen schrieben, bevorzugte Aznavour die Chansons d’amour, in denen er wie kaum ein anderer seine eigene Gefühlswelt schuf, die er gesanglich mit leidenschaftlicher Hingabe auszudrücken vermochte. Bedienten seine ersten Plattenaufnahmen in den Fünfzigern noch mehr oder weniger die Klischeevorstellungen á la Sous les toits de Paris („Unter den Dächern von Paris“, Tonfilm von 1930, d. Red.), beziehungsweise war noch eine Showbusiness-Atmosphäre mit der Kühle eines französischen Sinatra spürbar (Aznavour hatte auch englische Titel im Repertoire), so konzentrierte er sich in den Folgejahren auf die französische Sprache und die seiner Herkunft entsprechende armenische.

Parallel wirkte er in vielen Spielfilmen mit, oft sogar in der Hauptrolle – „Ein Schrei gegen Mauern“ 1957, „Schießen Sie auf den Pianisten“ 1960, „Die Blechtrommel“ 1979, „Der Zauberberg“ 1981, „Die Phantome des Hutmachers“ 1987, „Atom Egovans“ 2002, „The Colonel“ 2008 und andere. Er schrieb auch Lieder für Sängerinnen und Sänger, etwa für Gilbert Bécaud, Edith Piaf oder Juliette Greco. So begab es sich, dass Aznavour das Lied „Ich hasse Sonntage“ für die Piaf verfasste, das diese aber ablehnte. Als er daraufhin die Greco fragte, ob sie es in ihr Repertoire aufnehmen wolle, bejahte sie das dankbar, denn sie mochte Aufsässigkeit und provozierte gern die Bürgerwelt: „… all jene verlogenen Leute, die brav in die Kirche gehen und so tun als seien sie rechtschaffen, die ständig ihre Kleider wechseln, um Schönheit vorzugaukeln, die so tun als ob sie lieben könnten, barmherzig wie sie meinen – ach, ich hasse Sonntage!“ (frei übersetzt von „Je hais les dimanches“). Aznavours Chansons wurden allmählich bissiger und auch politisch. Er produzierte zahlreiche Alben und schrieb an die tausend Chansons. Bis zu seinem Tod am 1. Oktober 2018 in Mouriés war er ständig auf Tournee und galt als populärster Chansonnier Frankreichs weltweit. Seit den Achtzigern besann er sich immer stärker auf sein Herkunftsland Armenien, sang in Armenisch auch auf Platten, gab etliche Gastspiele in Jerewan und wurde armenischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, nachdem ihm die armenische Staatsbürgerschaft zugesprochen worden war.

Ihm wurden mehrere Auszeichnungen für sein Lebenswerk zuteil, etwa 1998 die als „1. Entertainer des 20. Jahrhunderts“ für sein Wirken als Chansonnier und 2017 ein Stern auf dem „Walk of Fame“ in Hollywood für sein filmisches Schaffen. In Jerewan trägt ein Museum seinen Namen. Mögen uns seine Chansons weiterhin betören!