Wem gehört Afrika?

Von Peter Porsch

In dem Roman, den ich gerade lese (Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 2016), wird über eine Versammlung in einem kleinen brandenburgischen Dorf, mitten in einem Vogelschutzgebiet gelegen, erzählt. Der geschniegelte Agent einer Windradfirma versucht mit einer ausgefeilten Präsentation die Dorfbewohner davon zu überzeugen, auf ihren Grundstücken Windräder aufstellen zu lassen, zum Vorteil ökologischer Energieproduktion, die die Landesregierung ja fördern will, und zum eigenen Vorteil durch den Erlös des notwendigen Landverkaufs. Die Firma, die die Windräder produziert und aufstellt, würde alles dafür tun. Es geht nun zu wie überall. Manche träumen von schnell und leicht erreichtem Wohlstand. Andere fürchten um den langfristigen Nutzen aus ihrem Land. Einige ängstigen mögliche Folgen wie Geräuschbelästigung und Schlagschatten. Die Vogelschützer sprechen von den seltenen Vögeln der Region, die gefährdet wären. Die Region würde ihre touristische Attraktivität für das nahe Berlin verlieren. Eine erst kürzlich aus Berlin zugezogene Frau beschwört Interessengegensätze zwischen Stadt und Land: „So etwas wird in Städten beschlossen und auf dem Land gebaut.“ (S. 127) Sie appelliert an einheimische Solidarität.

Ich lese nicht nur Romane. Ich lese auch Zeitung. Da erfahre ich in meinem Leibblatt „Neues Deutschland“ am 7. August auf Seite 10, dass im ostafrikanischen Uganda reiche Ölvorkommen entdeckt wurden und sich vor allem ein französischer und ein britischer Ölkonzern mit ugandischer Hilfe um die Ausbeutung bemühen. Geplant sind zudem eine Raffinerie und eine Pipeline. Da gibt es viel zu verdienen. Es gibt aber auch Kleinbauern, die seit vielen Generationen von der Bestellung des nun so begehrten Landes leben. Sie sollen – so lese ich – völlig unzureichend für ihr Land entschädigt werden. Dagegen wehren sie sich. Das Land ist nebst ihrer Lebensgrundlage „Träger ihrer Geschichte, ihrer Identität und ihres Wissens.“ (ebenda). Sie wehren sich, scheinen aber wohl auf verlorenem Posten zu stehen. Die Konzerne versuchen die Solidarität der Betroffenen durch unterschiedliche Angebote zu zerstören. Auch Gewalt und illegale Landbesetzung sind im Spiel. Die betroffenen Menschen freilich kämpfen tapfer weiter. Die Chancen zum Sieg sind jedoch ungleich verteilt.

Ich lese nicht nur, sondern ich schaue mir manchmal Ausstellungen an. Da gab es diesen Sommer eine außerordentlich interessante; interessant wegen des Ortes, wegen der Objekte und der Art ihres Zeigens und wegen einiger Inhalte, die sehr nachdenklich machten. Der Ort war Baden bei Wien. Ein Ort, der sich „der kaiserliche“ nennt – mit Recht, denn das war einst das „Naherholungszentrum“ des Kaisers, der Adeligen und Reichen von Wien. Der Reichtum glänzt einem auch heute noch aus fast allen Häusern und Parks entgegen. Die ausgestellten Objekte waren 2.000 Fotografien aus Afrika, großflächig angebracht an den Hauswänden der Stadt. Gezeigt wurden Landschaften und Tiere des Kontinents, Menschen, ihre Wohnungen und ihre Arbeitsplätze. Meine besondere Aufmerksamkeit erregten zwei Bilder einer dunklen Landschaft, mit kleinen Feuern und öligen Pfützen. Der Kommentar zu den Bildern belehrte mich, dass es sich um die Bilder „einer illegalen Raffinerie, die in ihrer Umgebung die gesamte Pflanzenwelt vernichtet hat“ handelt. „Der Schmuggel mit dem schwarzen Gold bedeutet nicht nur einen Verlust für die Erdölgesellschaften …“

Moment mal: „Verlust für die Erdölgesellschaften“? Ja wer erlitt denn zuerst den existenzvernichtenden Verlust? Wem gehörte denn dieses Afrika? Hat sich hier nicht Unrecht in Recht verkehrt? Und was machen die raffinierten Illegalen, wenn man ihre Anlagen zerstört? Werden sie nicht versuchen, sich das, was sie sich jetzt in Afrika als Entschädigung für den Landraub der Konzerne erschleichen, in den Heimatländern dieser Konzerne zu holen, wo die Profite landen und sich in übrigens höchst ungleich verteilten Wohlstand verwandeln.

Es wird eben in Europa entschieden, aber in Afrika Beute gemacht; mit Betrug, Gewalt, Bestechung. Egoismus, Rassismus und Entsolidarisierung in Europa sind Kollaborateure. Sie kriminalisieren und weisen jene ab, die sich durch Widerstand und Flucht verweigern.