Sechste Polnisch-Deutsche Kulturtage in Dresden

Polnische Kulturtage in Dresden gibt es schon lange. Ein wenig wundert man sich, dass ausgerechnet zum 100. Tag der Staatsgründung Polens in Sachsens einziger deutsch-polnischen Stadt Görlitz/Zgorzelec so gar nichts passiert. Aus der Stadtverwaltung Görlitz wird immerhin vermeldet: „Am 11. November, dem Unabhängigkeitstag in Polen, wird wieder eine zentrale Gedenkfeier in unserer Partnerstadt Zgorzelec stattfinden. Wie in jedem Jahr nimmt unser Oberbürgermeister, Siegfried Deinege, an dieser Veranstaltung teil.“ Görlitz wollte einmal Kulturhauptstadt Europas werden – nicht zuletzt wegen der angeblich so guten Beziehungen zu den polnischen Nachbarn. Doch nicht einmal im Jahr des hundertsten Geburtstages des Nachbarlandes hat man versucht, deutsch-polnische Kulturtage ins Leben zu rufen. Während sich die Tschechischen Kulturtage über beide Seiten der Grenze die Elbe hinauf bis nach Dresden ziehen, bleiben die polnischen einmal mehr auf Dresden beschränkt. Eine vertane Chance! Mit Joanna Magacz, die Projektleiterin der Polnisch-Deutschen Kulturtage ist und zugleich das Kraszewski-Museum in Dresden leitet, sprach Ralf Richter über die deutsch-polnischen Beziehungen.

Es sind in diesem Jahr bereits die 6. Polnisch-Deutschen Kulturtage in Dresden. Was wird geboten?

Sechs Wochen dauern die diesjährigen Polnisch-Deutschen Kulturtage vom 27. September bis zum 25. November. Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge, das alles finden Sie in unserem Programm unter polnische-kulturtage-dresden.de. Es fällt mir schwer, da einen besonderen Höhepunkt herauszugreifen. Aber natürlich ist es in diesem Jahr ein besonderes Ereignis für alle Polen, den hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit am 11. November zu feiern. An diesem Tag gibt es bei freiem Eintritt eine Festveranstaltung im Festsaal des Dresdner Stadtmuseums. Professor Igor Kakolewski vom Zentrum für historische Forschung in Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften wird einen Vortrag halten über „Polens wiedererlangte Unabhängigkeit 1918 und vergessene Aspekte der sächsisch-polnischen Beziehungen“. Zudem gibt es eine musikalische Umrahmung und einen Fahnentanz, dargeboten durch Kinder der in Sachsen lebenden polnischen Familien.

Die Geschichte erfährt, wie man hört, in Polen gerade eine Umbewertung. Das Patriotische wird zunehmend in den Vordergrund gestellt und bisherige Konzepte wie die ursprünglich geplante Darstellung der Geschichte auf der Danziger Westerplatte sind in die Kritik geraten. Was spielt sich da ab?

Ich lebe seit über zwanzig Jahren nicht mehr in Polen. Daher bekomme ich die Informationen wie Sie aus den Medien und kann die Entwicklung schwer einschätzen. Ich sehe die aktuelle Entwicklung als einen Prozess, und man muss beobachten, in welche Richtung er sich entwickelt und zu welchen Ergebnissen er führt. Das ist aus meiner Sicht noch nicht absehbar.

Vor 400 Jahren begann mit dem Fenstersturz in Prag der Dreißigjährige Krieg. Sie erinnern mit der Vorstellung der Friedenskirchen daran. Was hat es damit auf sich?

Das Kraszewski-Museum arbeitet seit Jahren gut mit dem Marschallamt Niederschlesien zusammen. In diesem Jahr hat das Marschallamt uns angeboten, eine hervorragende Fotoausstellung über Friedenskirchen in Niederschlesien in Dresden zu zeigen. Diese Ausstellung war Anfang des Jahres in Breslau im sächsischen Verbindungsbüro zu sehen. Als ich die Fotos dort sah, dachte ich sofort, dass ich den Dresdnern und Dresdenbesuchern unbedingt die Chance geben möchte, diese Bilder zu besichtigen. Es handelt sich um wunderbare großformatige Fotografien der Breslauer Fotografin Barbara Kurniak. Was die Fotos auszeichnet, ist die Darstellung einer Pracht und eines Detailreichtums, wie ihn selbst Kirchenbesucher so kaum in seiner Fülle registriert haben.

Wie kam es zum Bau der Friedenskirchen und wo stehen sie?

Diese Kirchen wurden gegen Ende des 30jährigen Krieges gebaut. Im Westfälschen Frieden verpflichtete sich der Kaiser in einem Toleranzedikt, den Protestanten in den Gemeinden Glogau, Schweidnitz und Jauer den Bau von jeweils einer Kirche zu gestatten – allerdings mussten die Kirchen außerhalb der Stadtmauern liegen und sie mussten aus nicht dauerhaftem Material – also Lehm und Holz – errichtet werden. Eine der Kirchen, die in Glogau, hat die Zeiten allerdings nicht überstanden. Heute sind die niederschlesischen deutsch-polnischen protestantischen Gemeinden dort in beiden Kirchen sehr aktiv. Damit fungieren beide Kirchen heute als sehr lebendige Kulturzentren in Niederschlesien.

Es handelt sich also um Kleinode. Wurden sie auch international gewürdigt?

Die UNESCO stufte die liebevoll von polnischen Restauratoren hergerichteten Friedenskirchen in Swidnica und Jawor im Jahr 2001 als Weltkulturerbe ein. Man kann an diesem Beispiel sehen, wie das heutige Polen das deutsche Erbe bewahrt.

Wurden die Kirchen von böhmischen Glaubensflüchtlingen errichtet? Einige von ihnen zogen ja nach Schlesien …

Nein, in diesem Fall waren dort noch kleine einheimische protestantische Gemeinden übrig geblieben.

Dresden versucht, 2025 Europäische Kulturhauptstadt zu werden. In den größten Glanzzeiten Sachsens waren die sächsischen Kurfürsten Könige von Polen, daher ist die sächsische eng mit der polnischen Geschichte verwoben. Wie sehen die Polen in Dresden die Kulturhauptstadt-Bewerbung?

Wir haben in diesem Jahr mit dem Leiter des Dresdner Kulturhauptstadtbüros, Stephan Hoffmann, Gespräche geführt. Wir haben unsere Unterstützung bekundet für die Bewerbung, während das Kulturbüro der Kulturhauptstadt auch unseren Beitrag anerkennt, somit ist das Büro gegenwärtig Mitveranstalter der Polnisch-Deutschen Kulturtage. Das Kulturhauptstadtbüro hat seinerseits enge Verbindungen zu Breslau, so dass in den nächsten Jahren die Verbindung vonseiten des Kraszewski-Museums und des Kulturbüros nach Breslau intensiviert wird – im Interesse beider Seiten. Es freut mich auch sehr, wenn ich im Programm des Kulturhauptstadtbüros lese, dass Dresden eine Stadt ist zwischen Ost und West bzw. dass Dresden ein Ort ist, der den Osten mit dem Westen verbindet. Und es ist ein Ort, in dem Fremde auch zu Hause sind.

Nicht zuletzt war Dresden auch immer Zufluchtsstätte und Heimstatt für Zuwanderer aus dem Osten – egal ob es sich um böhmische Glaubensflüchtlinge handelte oder um von den politischen Umständen Verfolgte aus Polen.

Wer die polnische Geschichte kennt, weiß, dass es unter den polnischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts kaum einen gibt, der nicht in dieser für sie so schwierigen Zeit in Dresden gewesen wäre. Und das nicht etwa nur als Gast und Besucher. Für viele Künstler und Schriftsteller war Dresden entweder eine Zwischenstation auf ihrer weiteren Migration wie nach Paris – wenn ich Frederic Chopin denke –, oder sie haben sich hier auch ganz niedergelassen, wie Józef Ignacy Kraszewski.

Die diesjährigen Kulturtage stehen unter dem Thema „Danzig und Breslau – Städte der Polen und der Deutschen“. Man braucht nur den historischen katholischen Friedhof in der Friedrichstadt zu besuchen, um festzustellen, dass dieser Titel „Stadt der Polen und der Deutschen“ sehr wohl auch auf Dresden zutrifft.

Bei der Gestaltung des diesjährigen Programms mit Gdansk und Wroclaw, Danzig und Breslau ließen wir uns in der Tat davon inspirieren, wie verschiedene Völker und Kulturen, Polen und Deutsche gemeinsam das Kulturleben aller drei Städte über Jahrhunderte gestaltet haben. Man kann – auch wenn man das heute gern vergisst – von einer gesunden Mischung aus Fremden und Einheimischen sprechen, die den Städten überhaupt erst ihre jeweiligen Entwicklungen ermöglicht haben – wovon sie auch noch heute profitieren. Offenheit und Toleranz sind wichtige Werte aller drei Städte.

Es ist ja gerade die Offenheit und Toleranz, die die Anziehungskraft und das Faszinosum so einer Stadt wie Gdansk ausmacht – und wahrscheinlich wird das auch auf Wroclaw zutreffen.

Wenn man sich mit den Breslauern unterhält, dann hört man: Wir können gar nicht anders als so tolerant sein, denn wir sind alle fremd in dieser Stadt. Für die Breslauer war es ein längerer Prozess, eine neue eigene Identität zu finden, und dazu gehört untrennbar auch die Verbindung zu einer anderen Kultur. Denn an jeder Ecke sieht man das an der Architektur. Heute betrachten die Menschen in Wroclaw/Breslau das deutsche Erbe als untrennbaren Teil ihrer eigenen Identität und es ist beeindruckend, wie pfleglich sie damit umgehen.

Ich glaube, vielen Wroclaw-Besuchern ist überhaupt nicht klar, woher die Familien der heute dort lebenden Menschen stammen. Das Gleiche trifft auch auf Gdansk zu. Könnten die dortigen Museen nicht einmal die Migrationsgeschichte der Menschen demonstrieren?

Die meisten der heutigen Breslauer haben ihre familiären Wurzeln in der heutigen Ukraine, in der Lemberger Region. Sie wurden von dort vertrieben. Die Danziger wiederum stammen aus Litauen, aus der Region um Vilnius. Ein Paradebeispiel ist der Autor Stefan Chwin, der 1949 in Gdansk geboren wurde. Er wird bei den Kulturtagen sein aktuelles Buch „Ein Deutsches Tagebuch“ vorstellen. Dieser Mann, der als polnisches Gegenstück zu Günter Grass betrachtet wird, hat Eltern, die aus Vilnius vertrieben wurden. Es wäre zu überlegen, ob man die Migrationsgeschichte präsentiert. Es ist ein bekanntlich sehr schwieriges Thema. Die Frage ist wie – und nicht zuletzt wo – man damit an die Öffentlichkeit tritt.

Es ist ja bald Weihnachten. Polen kann durchaus für nächstes Jahr ein Reiseziel sein. Haben Sie noch andere Lektüre-Tipps, Filmempfehlungen vielleicht, und wann kann man wieder einmal ein polnisches Theaterstück erleben?

Am 22. November beginnt in Dresden-Hellerau das Festival des aktuellen polnischen Theaters. Es geht bis zum 2. Dezember. Die Besucher werden dort Theater, Performances, Installationen und künstlerische Begegnungen erleben können. Alles im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau. Ans Herz legen kann ich ihnen auch die Osteuropäischen Filmtage im Kino in der Fabrik von 10. bis 18. November. Tja, und was die Lektüre betrifft … natürlich lade ich sie in erster Linie dazu ein, zu unseren Kulturtagen zu kommen und die Autoren selbst zu erleben. Zu empfehlen ist der „Literarische Reiseführer Danzig“ von Peter Oliver Loew. Außerdem „Silberregen – Danziger Erzählungen“ von Pawel Huelle. Alles kann man bei uns erleben. Wer aber außerhalb wohnt, kann die Bücher auch in seiner Buchhandlung bestellen.