Lebendige Chronik eines Jahrhundertwerks

Jens Grandt brilliert mit einem Marx-Engels-Buch von besonderer Art. Von Wulf Skaun

In der Fülle der einschlägigen Publikationen zu Marx’ 200. Geburtsjubiläum nimmt Jens Grandts Essaysammlung „Karl Marx. Friedrich Engels ? neu ediert und neu erschlossen“ einen besonderen Platz ein. Zugegeben, der wenig werbeträchtige Titel lässt kaum Aufregendes vermuten. Doch weckt die Beifügung „Rezensionen und Reflexionen“ Erwartungen, die der Berliner Wissenschaftsjournalist bei weitem übertrifft. Der Autor ist kein unbeschriebenes Blatt. Bevor er sich aufmachte, das von Marx und Engels hinterlassene Textgebirge zu erkunden, hat er aus eigener Anschauung über ost- und westdeutsche Polarexpeditionen berichtet und mit Gelehrteninterviews einen originellen Beitrag zur Wissens-Archäologie der DDR geliefert.

Die nun in Buchform veröffentlichten Essays zur Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) entstammen erstaunlicherweise so unterschiedlichen Publikationsorganen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Frankfurter Rundschau“, dem „Neuen Deutschland“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“. Worin besteht ihr Erfolgsgeheimnis? Es mag einem Wunder gleichen, dass es nach dem Epochenjahr 1989/1990 gelang, das MEGA-Projekt, einst Prestigeobjekt von SED und KPdSU, zu reformieren und in einen akademischen Hafen zu steuern. In den sorgfältig recherchierten und unterhaltsam formulierten Essays exemplifiziert der Autor anhand der seither erschienenen Bände, wie das internationale Editorenteam den Wandel von parteipolitischer Instrumentalisierung zu wertfreier philologischer Bestandsaufnahme und moderner wissenschaftlicher Kommentierung des literarischen Nachlasses von Marx und Engels vollzog.

So abstrakt diese Prinzipien anmuten, so exzellent löst Grandt sie in konkret-farbige Darstellung auf, wenn er jene Arbeiten von Marx und Engels in seinen Rezensionen kontextualisert, die den jeweiligen MEGA-Band prägen. Das liest sich geradezu spannend und mitunter auch überraschend anders als eigene Schulweisheit verhieß, wenn sich wie im Falle des jüngst erschienenen Bandes I/5 (Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke) einst eherne Grundsatzwerke des historischen Materialismus als Texte der Selbstverständigung entpuppen. In den Reflexionen vertieft Grandt manchen Gedanken, dessen ausführliche Entwicklung die Grenzen einer Besprechung gesprengt hätten, die ihm aber als notwendige „geistige Brücken“ oder zu ureigener Kommentierung nicht selten strittiger Sachverhalte dienen. Für den mit Ideen und Theorien „unserer Klassiker“ nicht völlig unvertrauten Rezensenten ist Grandts Buch eine Offenbarung. Sein klarsichtiger Lotsendienst ermöglicht es, das erstmals in der MEGA vollständig rekonstruierte Mammutwerk der beiden Großdenker und die Essenz der darin enthaltenen Erkenntnisse, Ideen und Hypothesen, dosiert in 49 kleinen Kapiteln, zu konsumieren. Und sich dabei von Aha-Effekt zu Aha-Effekt vorwärts zu lesen. So beispielsweise zu der Einsicht, dass die uns früher so monolithisch erscheinenden „Lehrsätze“ von Marx und Engels oft erst in qualvollen Denkprozessen heranreiften, dass sich beide auch grandios verheben und gewaltig irren konnten. Verdienstvoll ist Grandts Pointierung, Marx und Engels auf Augenhöhe zu behandeln, ihre jeweiligen Anteile an gemeinsamen Werken exakt zu bemessen und die irrige Annahme zu beerdigen, beide Gelehrte seien wie ein „symbiotisches Duo“ stets einer Meinung gewesen.

Schließlich empfinde ich auch den wertschätzenden „Kulissenblick“ des Autors auf jene Forscher und Editoren als wohltuend, die der MEGA zu verschiedenen Zeiten gedient haben. Stellvertretend sei auf Grandts intime Einblicke in das von Herfried Münkler, Hans-Peter Harstick und Manfred Neuhaus viele Jahre erfolgreich geleitete internationale MEGA-Referenzzentrum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verwiesen. Des Publizisten edle journalistische Feder hat ihnen und etlichen ihrer deutschen, japanischen und russischen Mitstreiter biografische Konturen verliehen. Mit seinen Essays hat Grandt, wie nur wenige vor ihm, die historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe als Jahrhundertereignis der Wissenschafts-, Ideen- und Kulturgeschichte gewürdigt.

Jens Grandt. Karl Marx. Friedrich Engels ? neu editiert und neu erschlossen. Rezensionen und Reflexionen. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2018, 244 Seiten. ISBN 978-8-389691-287-9