Lady Soul

Jens-Paul Wollenberg würdigt Aretha Franklin

Soul bedeutet Seele. In der Mitte der 1950er Jahren erlebte die gleichnamige Musikrichtung ihre Geburtsstunde. Ihre Wurzeln liegen im Spiritual, im Gospel und natürlich im Blues, und sie hebt sich deutlich vom breiten Spektrum der damaligen Populärmusik wie Rock’n’Roll oder Beat ab. Unbestritten entwickelte sich der Soul aus Rhythm and Blues, dessen brisanter Sound bereits Jahre zuvor aufhorchen ließ.

Im Vergleich zum herkömmlichen Blues, dessen Themen durchtränkt sind von Trauer, Liebesleid und Weltschmerz und mit seinen darauf bezogenen Ausdrucksformen selbstironischen Humors, weist die Soulmusik weitaus kontrastreichere Radikalität in ihrer breiten Ausdrucksstärke auf, fundamentiert durch explosive Besessenheit in kraftvoller Instrumentalisierung. Soul kann Wut sein, aufsässig, zornig, tief emotional und gestaltet in jedweder Hinsicht Sozialkritik, politisch gefärbtes Aufbegehren, Protest. Bestes Beispiel ist James Brown, der schon seit den Fünfzigern den braven Bürger in seiner amerikanischen Spießerwelt zu schockieren verstand. Er und kein Geringerer als Ray Charles gelten als die Pioniere und Wegweiser des Soul.

Zwei große Schallplattenfirmen widmeten sich speziell der Soulmusik, Tamla Motown in Detroit und Atlantik mit seinem Ableger Stax in Memphis. Motown und der Detroit-Sound waren trotz der Förderung der Soulsängerinnen und -sänger stark vom Interesse der weißen Musikindustrie beeinflusst. Sein spezieller Klang ergab sich aus dem Groove von Rhythmus, Bass und Schlagzeug, wurde jedoch stark „veredelt“ durch Streichorchester, Bläser und wirkte dementsprechend seichter, unterhaltsamer. Anders bei Atlantik bzw. Stax: Obgleich der Chef des Labels ein Weißer war, wurde in diesem Fall Musik von Schwarzen für Schwarze produziert und es lag nahe, dass Künstler wie der großartige Otis Redding oder Solomon Burke sich für diese Firma entschieden.

Entscheidenden Einfluss für die Echtheit und Authentizität für der Soulproduktion übte ein gewisser Steve Cropper aus, der genau wusste, wie man den Sound der Songs umzusetzen hatte. Der Memphissoul fand seinen Ursprung in den Kirchen der Südstaaten, die nur von Afroamerikanern besucht wurden und wo man Gospel und Spiritual zelebrierte – er ist weitaus geerdeter als der von Motown Detroit. Hier dominierten schrille Gitarrengriffe, pulsierendes Schlagzeuggetrommel, elektrische Bassgitarre, jazzige Klavierpassagen, umrahmt von kräftigen Blechbläsern, die einen wuchtigen Klangteppich ausrollten, eine heiße Melange aus Rock, Blues und Gospel bildeten. Auf diesem Fundament konnten sich die Interpreten austoben und ihren aufpeitschenden Soulgesang hemmungslos leben.

In den frühen Sechzigern machte eine markante Stimme auf sich aufmerksam – die Stimme einer Frau, die einem stark in der Tradition der Gospelchören geprägten Gesangsstil frönte und sich deutlich von anderen Diven des Genres Soul abhob. Die Rede ist von Aretha Franklin, geboren am 25. März 1942 in Memphis, Tennessee. Ihre Jugend verbrachte sie jedoch in Detroit, wohin es die Großfamilie vorher verschlagen hatte. Ihr Vater, Reverend Clarence LaVaughn Franklin, war ein angesehener Baptistenprediger, in dessen Chor Aretha bereits als Zehnjährige mitsingen durfte. Immerhin sangen in dieser Gemeinde Größen wie Mahalia Jackson, Sam Cooke und andere bekannt gewordene Soulsängerinnen und Soulsänger. Aretha fiel schon damals aus dem Rahmen der herkömmlichen Chormitglieder, ihr Stimmumfang umfasste vier Oktaven.

Bereits im Alter von dreizehn Jahren sang sie eine Schallplatte mit Gospelsongs ein. Mit 18 ließ sie sich von Sam Cooke breitschlagen (er war übrigens ihr Vorbild, wie sie einst betonte), beim Chess-Label weitere Gospels einzusingen, bis sie vom Bassisten in Teddy Wilson’s Band überredet wurde, bei Columbia aufzunehmen. So zog sie nach New York, wo man sie als würdige Nachfolgerin von Bessie Smith feierte. Zehn Alben entstanden, doch sie blieb schlicht unzufrieden – zu fade waren die Arrangements, jazzangehauchte Unterhaltung, voll auf den üblichen Geschmack zugeschnitten, wie es dem „braven“ weißhäutigen Verbraucher nur recht sein konnte. Diese Songs, teilweise Cover anderer Standards, entsprachen nicht Arethas Auffassung davon, wie Soul zu klingen hat. Nach dem Ende ihres Vertrages kündigte sie bei Columbia und wechselte auf Anraten ihres Ehegatten Ted White, der als Manager ihre geschäftlichen Belange erledigte, zu Atlantik-Records. Dort sollte sie alsbald eine der meistgelobten Soulplatten überhaupt einspielen.

Hier konnte sie sich erstmalig frei als Sängerin entfalten. Die extra für sie zusammengestellte Begleitband, allesamt virtuose und spielfreudige Instrumentalisten, sorgte für den passenden Groove, der es ihr erlaubte, ihre vom Gospelgesang geprägte Leidenschaft im Studio aufleben zu lassen. Inhaltich handelten ihre Texte mehr denn je von Liebesleid, von der Sehnsucht nach Wärme und Empfindsamkeit, aber auch vom gnadenlosen Joch der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vorstädten der großen Metropolen. Auch das Thema Frauenemanzipation kam nie zu kurz.

Ihr erstes Album bei Atlantik „I Never Loved A Man The Way I Love You“, das 1967 erschien, wurde binnen kürzester Zeit ein Welterfolg. Produziert wurde die Platte von einem gewissen Jerry Wexter und dem damals sehr gefragten Tonmeister Tom Dowd. Am Klavier begleitete sich Aretha Franklin selbst, den temperamentvollen Background lieferte die Band unter Leitung des Organisten Spooner Oldham, der es durch betuliche Akkuratesse vermochte, den Liedern „seiner“ Lady Soul jene adäquaten Arrangements zu unterlegen, die das anspruchsvolle Niveau garantierten.

„Lady Soul“ hieß auch das ebenfalls sehr gelungene Album, dem 1968 „Aretha Now“ folgte. „I Say A Little Prayer“ wurde ein Riesenhit nach einer Komposition von Kurt Bacharach. In dieser Zeit verdrängten Franklins Songs bereits die von Wilson Pickett, James Brown, Supremes oder Temptation von den ersten Plätzen gängiger Hitparaden. Ihre Titel „Chain Of Fools“, „Baby I Love You“ oder das von Otis Redding gecoverte „Respect“ wurden vergoldet und der Song „Since You’ve Been Gone“ war die damals meistverkaufte Single. Aretha entwickelte im Lauf ihrer Karriere gesangstechnisch eine geniale Mischung aus ekstatischem Gospel, leidenschaftlichen Bluesfeeling und zeitgenössischem Flair, ohne sich untreu zu werden. Sie blieb bis zuletzt sie selbst, stimmgewaltig, immer ein wenig bescheiden, ohne den Drang zu großen Gesten und doch unverfälscht temperamentvoll.

1972 erhielt sie einen Grammy für die Platte „Young, Gifted and Black“. Die Alben der Achtziger wirkten weniger aufregend, der Synthesizer-Sound trug dazu bei, bis 1987 wieder ein großartiges Doppelalbum mit Gospels auf den Markt kam: „Amazing Grace“. In ihren späteren Jahren trat sie nur noch, sich selbst solistisch am Klavier begleitend oder mit minimaler Besetzung, in den Clubs nahe ihres Wohnorts auf. Sie scheute das Reisen mit dem Flugzeug. Erwähnt sei noch ihr Auftritt während der Feierlichkeiten anlässlich des Wahlsieges des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten Barack Obama, für den sie euphorisch gefeiert wurde.

Aretha Franklin verließ uns am 16. August dieses Jahres. Aber Lady Soul bleibt unvergessen – ihre Lieder halten uns weiterhin in Atem!