Immer wieder wächst das Gras…

Ein Beitrag von Uwe Schaarschmidt zur Premiere des Gundermann-Films bei den Filmnächten am Elbufer

Irgendwann im Herbst 1994, hinter der Bühne des Studentenclubs Bärenzwinger in Dresden. Wir stehen vor Gundermann, nach dem Konzert. Schwitzend kaut der schlaksige Liedermacher an einer Körnersemmel und hört sich an, was wir wollen: Ihn, als Musiker, im nächsten Frühjahr, für die Jugendweihe des Roten Baums. Schließlich nickt er. „Mach ich. Klärt die Termine mit meiner Ollen. Kleene Gigs macht alle meine Olle.“

Hat sie auch wirklich gemacht, die Olle. Und Gundi die kleinen Gigs, zwei Lenze lang, zu unserer großen Freude und bisweilen zum Schreck einiger Großmütter im Publikum. Denn Gundermann spielte nicht nur Gitarre und sang dazu mit seiner spröden Stimme – er erzählte zwischen den Liedern auch Sprödes aus seinem Leben.

Dass Gundermann so schnell gehen würde, hatte keiner gedacht. Und so standen wir – fassungslos und tief traurig – in einer Reihe mit Hunderten anderen traurigen Gestalten auf dem Waldfriedhof, am Rande von Hoyerswerda, um uns zu verabschieden, gut drei Jahre nach dem Abend im Bärenzwinger. „Tankstelle für Verlierer“ nannte Hans-Dieter Schütt sein Buch, in dem er die 1996 mit Gundermann geführten Gespräche veröffentlichte. Und das war Gundermann tatsächlich, eine Tankstelle für Verlierer – egal ob man selbst einer war. Bei ihm durfte sich jeder als Verlierer fühlen und wer eben gerade keiner zu sein meinte, dem sang er all jene Verluste und all jene Niederlagen wieder in den Kopf, die schon schon fast vergessen schienen oder die man geheim gehalten hatte – vor sich selbst und vor anderen. „Überlebe – wenigstens bis morgen …“

43 Jahre alt wurde Gerhard Gundermann und nun, über zwanzig Jahre nach seinem Tod in jener dämlichen Mittsommernacht – also fast ein halbes Gundi-Leben später – kommt ein Spielfilm in die Kinos, ein Film über das ganze Leben des Sängers, Musikers, Offiziersschülers, Stasi-IMs, Bergmanns, Geschichtenerzählers, Witzboldes, Moralisten und ewig Zweifelnden. Andreas Dresen hat dieses Leben verfilmt und man konnte einige Angst vor dem Film haben. Wie wird er sein, der Film-Gundi? Wie redet er, singt er, guckt er aus der großen Brille? Wie kommt sein Moralismus rüber, heute, in dieser Zeit, in der die Moral am Pranger steht – verlacht, denunziert, bespuckt, gehasst.

Ich habe auf‘s richtige Pferd gesetzt – aber es hat leider nicht gewonnen. Kurz gesagt: Es ist ein feiner Film geworden. Das Publikum am ausverkauften Dresdner Elbufer dürfte dennoch mit gemischten Gefühlen nach Hause gegangen sein. Das lag gewiss nicht am großartig spielenden Hauptdarsteller Alexander Scheer, der den Gundermann mit großem komödiantischem Eifer gab und auch nicht an den gut besetzten Nebenrollen (Axel Prahl als gönnerhafter MfS-Führungsoffizier, Peter Sodann als grummeliger Parteiveteran). Vielmehr ist es die Zentrierung auf Gundermanns Stasi-Geschichte, hinter der vieles am Menschen Gundermann und seiner Kunst zurückstehen musste und welche dem Film eine bedrückende Haube überstülpt.

Andererseits ist dadurch die Zerrissenheit des kauzigen Sängers natürlich erst skizzierbar geworden, eine Zerrissenheit, die wohl viele nachvollziehen können, die versucht haben, in dieser Zeit ihren Weg halbwegs gerade zu gehen, loyal zu Land und anständig vor sich selbst zu bleiben – und es nicht immer schafften. Letztlich kommt keine der verschiedenen Zeitebenen im Film ohne das Thema aus.

Immerhin: Wunderbar eingebettet in das Filmgeschehen ist die Liebesgeschichte zwischen Conny und Gerhard Gundermann – erstere im Film mit Anna Unterberger auch wirklich grandios besetzt – und es war ein ganz besonderer Moment an einem besonderen Abend, als Conny Gundermann vor dem Film plötzlich auf der Bühne stand und mit der Prahl-Dresen-Band jenes Lied sang, das Gundermann einst für sie als Hochzeitslied geschrieben hatte. Wie gesagt – es ist ein feiner Film geworden und für den DDR-Kundigen gibt es auch eine Menge zu lachen – ebenso, wie es für alle, die den Musiker noch erlebt haben, den einen oder anderen Schluchz-Moment gibt.