Historischer Schritt in der Bildungspolitik

Der Volksantrag zum längeren gemeinsamen Lernen in Sachsen ist gestartet. Von Cornelia Falken

Am letzten September-Wochenende fiel der Startschuss für den Volksantrag zum „Längeren gemeinsamen Lernen in Sachsen“. Seitdem können die Bürgerinnen und Bürger in rund 100 Büros (u.a. in allen Büros der LINKEN), verteilt über das ganze Land, die Bögen mit dem Volksantrag unterschreiben oder Bögen abholen und wieder abgeben, wenn sie selbst sammeln wollen. Dafür wurden mehr als 600 Kilo Papier bedruckt. 40.000 Unterschriften braucht das „Bündnis Gemeinschaftsschulen in Sachsen“, um erfolgreich zu sein. „Maximal bis Weihnachten“ rechnet der Bündniskoordinator, Burkhard Naumann, um die nötigen Unterschriften zusammen zu bekommen. Danach kann der Volksantrag dem Landtagspräsidenten übergeben werden. Und nach einer Prüfung der Unterschriftenlisten auf ihre formale Korrektheit wird sich der Landtag mit dem Antrag befassen.

Zu den Unterstützern des Volksantrags gehören neben dem DGB und der GEW auch die Parteien DIE LINKE, Bündnis 90/Die Grünen und die SPD. Eine kuriose Rolle spielt die SPD. Als Regierungspartei sammeln ihre Mitglieder Unterschriften für eine Novelle des Schulgesetzes, die von der Regierung umgesetzt werden soll. DIE LINKE unterstützt die aus der Bevölkerung kommende Initiative. Nachdem im neuen Schulgesetz keine Regelung zum längeren gemeinsamen Lernen getroffen worden ist – gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung –, ist es an der Zeit, auf außerparlamentarischem Weg für die Einführung der Gemeinschaftsschule zu kämpfen.

Wir wissen, dass die Bildungspolitik in den Augen der Bürgerinnen und Bürger einen besonders hohen Stellenwert hat, was die Verbesserung der Lebensverhältnisse betrifft. Wir wissen auch, dass eine klare Mehrheit der sächsischen Bevölkerung die Einführung von Gemeinschaftsschulen in Sachsen befürwortet. Das geht aus einer von unserer Landtagsfraktion in Auftrag gegebenen repräsentativen Bevölkerungsbefragung hervor. Und warum soll, was die CDU im Nachbarland Thüringen ermöglicht hat, nicht auch in Sachsen gelingen? Sachsen würde mit der Gemeinschaftsschule ein Modernisierungsdefizit beseitigen und den international üblichen Standard erreichen. Andere Staaten haben das gegliederte Schulwesen längst durch „integrierte Systeme“ ersetzt. Die meisten Staaten arbeiten erst ab der Sekundarstufe II mit Formen der äußeren Differenzierung. Sie schneiden deswegen in internationalen Vergleichsstudien weitaus besser ab. Den Einwand, dass eine individuelle Förderung durch ein längeres gemeinsames Lernen verhindert werde, widerlegt die Praxis in den anderen Ländern.

In Sachsen selbst gibt es bereits zwei Modellschulen, die das längere gemeinsame Lernen mit großem Erfolg praktizieren – das Chemnitzer Schulmodell und die Nachbarschaftsschule Leipzig (NaSch). Beide arbeiten mit einem besonderen pädagogischen Konzept. Es handelt sich um Gemeinschaftsschulen, in denen nach reformpädagogischen Grundsätzen unterrichtet und gelernt wird. Dazu zählen unter anderem altersgemischte Klassenstufen, fächerverbindender Unterricht, Wochenplanarbeit. Die wissenschaftliche Begleitung der Schule bescheinigt der NaSch eine gute Arbeit.

Der Volksantrag strebt keinen Systemsturz an – die Gemeinschaftsschule soll als gleichberechtigte weitere Schulart möglich sein. Nach dem Vorbild Thüringens sollen Schulen in Form des sogenannten Optionsmodells künftig selbst darüber entscheiden dürfen, ob sie eine Gemeinschaftsschule gründen. Die Schülerinnen und Schüler lernen dort auch nach der vierten Klasse gemeinsam; die frühe Trennung entfällt. Das reduziert die Belastung und den Stress für die Eltern und die Schülerinnen und Schüler. An die Stelle von Versagensängsten tritt eine langfristig stabile Lernumgebung. Die Gemeinschaftsschule setzt auf kooperative Lernformen statt auf Frontalunterricht, Kinder mit unterschiedlichen Leistungsniveaus lernen miteinander und voneinander und werden individuell gefördert. Am Ende sind alle Abschlüsse möglich.

Nach dem Volksantrag unter dem Motto „Zukunft braucht Schule“ aus dem Jahr 2001, der für den Erhalt von Schulen kämpfte, ist der aktuelle Volksantrag ein weiterer Versuch von Bürgerinnen und Bürgern, eine Reform im sächsischen Bildungswesen durchzusetzen. DIE LINKE wird mit aller Kraft für die Einführung der Gemeinschaftsschule in Sachsen kämpfen. Seit Jahr und Tag treten wir für das längere gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen in einer „Schule für alle“ ein. Mit dem längeren gemeinsamen Lernen beseitigen wir die strukturelle Diskriminierung, die mit der frühzeitigen Aufteilung auf unterschiedliche Schularten verbunden ist.

Die Beteiligung an diesem aussichtsreichen und durch ein breites Bündnis getragenen Vorstoß im Rahmen der Volksgesetzgebung stellt ein attraktives bildungspolitisches Vorhaben dar, mit dem zugleich die seit vielen Jahren anhaltende Lethargie in Sachen direkter Demokratie durchbrochen werden könnte. Das sächsische Schulsystem verdient eine Weiterentwicklung. Es gibt eine gesellschaftliche Mehrheit für das längere gemeinsame Lernen im Freistaat. Nutzen wir sie!

www.gemeinschaftsschule-in-sachsen.de