Der „linksextreme Gefährder“ vom Bielatal – (K)eine Provinzposse

Von Anne Müller

Die verwunschene Felsenwelt ist das Markenzeichen von Rosenthal-Bielatal in der Sächsischen Schweiz. Aber Vorsicht: Neuerdings treibt hier ein „linksextremer Gefährder“ sein Unwesen! Einer, der Bürgermeister und Gemeinderäte empört sowie Verwaltungsmitarbeiter zu Tode erschreckt. „Linksextremer Gefährder“ – dieser Titel wurde Gemeinderat Thomas Winkler, der für DIE LINKE im Rat sitzt, Anfang September vom CDU-Bürgermeister verpasst. Es ist ja etwas Wahres dran: Zeitlebens fällt dieser „Gefährder“ mit unbändiger Energie und ungestümem Tatendrang auf. In Dresden und Umgebung kennt man diesen gefährlichen Typen als „Müller“ der Zschoner Mühle. Vor einigen Jahren erwarb er eine denkmalgeschützte Immobilie im Bielatal und verwandelte auch sie in ein Kleinod. Seit 2014 sitzt er im Gemeinderat. Wenn Vollblut-Unternehmer Winkler aber eines ist, dann Antifaschist.

Die Gemeinde gibt ein Amtsblatt unter dem Titel „Dorfblatt“ heraus. Unter der Rubrik „Klatsche“ im Heft 8/2018 wurde an ein besonderes „Jubiläum“ zu erinnert. Rosenthal grenzt unmittelbar an das tschechische Ostrov (ehem. Eiland). Vor genau 80 Jahren fand dort eine Propagandaveranstaltung zur „Heim ins Reich“-Bewegung statt. Was muss im Ortschronisten und Bürgermeister als Herausgeber vorgegangen sein, unbedingt an dieses „Event“ erinnern zu müssen? Daran, wie „unsere sudetendeutschen Brüder in Eiland täglich voller Sehnsucht und Hoffnung ihre Blicke emporschicken“ (zur Hakenkreuzfahne), und wie die Deutschen „beiderseits spontan ihren ,Führer‘ grüßten“. Titel des Beitrages: „Vor 80 Jahren – Sommerwendfeier und Grenzlandsingen vor Eiland“. Zitiert wurde Ortschronist und Volkssturmwart Baumert aus dem NSDAP-Blatt „Der Freiheitskampf“ von 1938. Das Problem: Es gab weder Einleitung noch reflektierenden Kommentar des Bürgermeisters. Es fehlte auch das Ende der Geschichte: 60-70 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg. Und sudetendeutsche Familien aus Eiland, die infolge des braunen Spuks 1945/46 in Rosenthal-Bielatal Aufnahme suchen mussten.

Einigen Lesern klappte beim Lesen des Dorfblattes die Kinnlade herunter. Sie protestierten beim Bürgermeister gegen so viel geballten Revanchismus im Amtsblatt. Klaus Fiedler (SPD) von der Euroregion Elbe-Labe schrieb dem Bürgermeister, dass seine tschechischen Nachbarn sicher wenig erfreut wären über solch einen Text. Viele Einheimische hatten aber auch kein Problem damit, es sei schließlich „unsere Heimatgeschichte“.

Als sich der umstrittene Beitrag zehn Tage nach Veröffentlichung immer noch auf der Homepage der Gemeinde befand, setzte Thomas Winkler ein Ultimatum und die Lokalpresse in Kenntnis. Das Dorfblatt wurde von einer Verwaltungsmitarbeiterin von der Homepage genommen. Aber mitnichten gab es die Einsicht, irgendetwas Schlimmes getan zu haben, und „mit der Zensur sei es ja zum Glück vorbei“. Im inoffiziellen Teil einer Ratssitzung bekam Winkler vom Bürgermeister zu hören, er lasse seine Gemeinde nicht von „linksextremen Gefährdern“ vorführen. Dazu die Drohung, den Winklerschen Protestbrief an den Staatsschutz weiterzuleiten.

Die lokale Sächsische Zeitung sah das anders und titulierte: „Nazi-Propaganda im Amtsblatt“. Der Geschäftsführer des Dorfblatt-Verlages gestand mangelnde Kontrolle ein und änderte die Verwaltungsabläufe. MdB Dr. André Hahn thematisierte den Eklat im Kreistag – unter Buh-Rufen von NPD und AfD. Der Landrat (CDU) sprach vom Tätigwerden der Kommunalaufsicht.

Allein in der Gemeinde Rosenthal-Bielatal tut man sich schwer. Im nächsten Amtsblatt stellte der Bürgermeister klar: „Ich distanziere mich ausdrücklich von jeder Art Rechts- und Linksextremismus … Deshalb bin ich tief empört, welche Wellen so ein Artikel geschlagen hat. Mit teilweise unter die Gürtellinie gehenden Bemerkungen wurden die Mitarbeiter der Gemeinde und ich persönlich unter Druck gesetzt. Welchen Schaden diese Aktionen für unsere Gemeinde angerichtet haben, ist noch nicht absehbar.“ (Mitteilungsblatt der Gemeinde Rosenthal-Bielatal, Jahrgang 20, Heft 8 2018, Seite 2).

„Gefährder“ Thomas Winkler und ist nach eigener Aussage noch lange nicht fertig mit „seiner“ Gemeinde. Der Mann hat einfach nur Mut und zeigt Zivilcourage.