Zur Situation von Geflüchteten in und um Thessaloniki

Von Cornelia Ernst, Christopher Colditz

Wieder einmal führte die Europäische Linksfraktion GUE/NGL ihre Studientage in Griechenland durch. Vom 4. bis zum 7. Juni ging es in Thessaloniki um die politische Entwicklung auf dem Westbalkan, um das Erstarken der extremen Rechten bei aktuellen Wahlen sowie um Sozialdumping und regionale Ungleichheiten. Linke Vorschläge für eine inklusive und nachhaltige Entwicklung in dieser Region Europas wurden zur Debatte gestellt.

Natürlich nutzten wir die Zeit auch, um uns die Situation Geflüchteter vor Ort anzusehen, mit Nichtregierungsorganisationen (NGO) und Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Da es in Griechenland erst seit 2013 richtige Asylverfahren gibt, steckt hier die Betreuung der Flüchtenden immer noch „in den Kinderschuhen“. Die kommunalen Verwaltungen konnten bisher kaum Hilfsangebote entwickeln, wie wir sie teils aus Deutschland kennen.

Gemeinsam mit Panayota Maniou von Syriza, die unsere Tour organisiert hatte, und der irischen Abgeordneten Martina Anderson besuchten wir das Blue Refugee Center, das von einer NGO betreut wird. Hier können die Geflüchteten eine Vielzahl von Angeboten kostenlos wahrnehmen. Beispielsweise gibt es einen liebevoll hergerichteten Schutzraum für geflüchtete Frauen und ihre Kinder, in dem sie Fluchterfahrungen austauschen können. Es werden Kurse zum Erlernen der englischen, griechischen bzw. französischen Sprache angeboten. Rechtsbeistand wird vermittelt, die Jobsuche unterstützt und beim Verfassen von Bewerbungen geholfen. Die Betreiberin „solidarity now!“ bietet zudem ein eigenes Unterstützungsprogramm für LGBTIQ* Geflüchtete an. Rund 800 Menschen gehen hier wöchentlich ein und aus. Betreut wird dieses Projekt von 22 Menschen mit acht verschiedenen Nationalitäten. Einige von ihnen haben selbst Migrationserfahrung. Finanziert wird dieses Projekt allerdings nicht durch die griechische Regierung, sondern durch einen Geldtopf der Europäischen Union. Das solche Angebote gebraucht werden, zeigt sich auch an geradezu absurden Anforderungen der Verwaltung: Um einen Termin zur offiziellen Registrierung als Flüchtling zur erhalten, müssen diese vorab einen Termin via Skype ausmachen. Doch nicht alle haben ein Smartphone, nicht überall gibt es Internet und selbst wenn diese Probleme gelöst sind, existieren immer noch sprachliche Barrieren.

Im 15 Kilometer entfernten Diavata, einem Tausend-Seelen-Dorf vor Thessaloniki, gibt es eine Geflüchtetenunterkunft. Errichtet wurde dieses Camp durch das Militär. Das Camp beherbergte lange Zeit circa 800 Menschen und hatte damit seine Kapazitätsgrenze erreicht. Kaum hatte man es geschafft, ein geregeltes Campleben zu organisieren, alle Schutzsuchenden in ausgebauten Containermodulen unterzubringen, einen Ort für Kinder zum Spielen zu schaffen und die Untergebrachten einigermaßen in das soziale Leben zu integrieren, kamen innerhalb von 25 Tagen über 4.500 Geflüchtete, also täglich 180 Menschen, aus der Türkei über die Grenze nach Griechenland. Und so galt es kurzfristig weitere 1.200 Menschen unterzubringen. Die Leitung war gezwungen, die neu Angekommenen in einfachen Zelten, wie wir sie vom Camping kennen, unterzubringen.

In Thessaloniki besuchten wir eine Sekundarschule, in der Lehrkräfte ehrenamtlich Unterricht für Geflüchtete im Alter von 12 bis 18 Jahren organisieren. Was sie stemmen, ist beachtlich. Es gibt einen mit 15 Computern ausgestatteten Unterrichtsraum, der nur durch Spenden finanziert wurde. Die Lehrkräfte berichteten über typische Probleme: unterschiedliche Bildungsniveaus, die für das Alter typische rebellische Art der Jugendlichen, aber auch über das harmonische Klassenverhältnis vor dem gemeinsamen Hintergrund einer Flucht vor Krieg und Not sowie der Vertreibung aus der Heimat. Eine Spendenaktion zum Bundesparteitag in Leipzig erbrachte 530 Euro für das Projekt für Papier, Kopierer, eine Klimaanlage und weitere Rechner.