#wirsindmehr

Von Simone Hock

Ich war am Nachmittag des 2. September in Chemnitz, die evangelische Kirche hatte zu einer Kundgebung aufgerufen. Zu den Rednerinnen zählten der Ministerpräsident, die Oberbürgermeisterin und verschiedene Kirchenvertreter. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin wies darauf hin, dass sowohl das Tötungsverbrechen, aber auch dessen Instrumentalisierung inakzeptabel seien. Sie sagte auch: Wenn jemand bei der rechten Demo mitgelaufen sei und nun sage, er sei kein Nazi, dann sei das so. Und einmal da mitzulaufen sei nicht schlimm. Aber nach den jetzigen Erkenntnissen, dass es auf diesem Demozug Hassparolen und den Hitlergruß gab, müsse man als mündiger Bürger wissen, dass man Nazis und rechten Hetzern nicht hinterherläuft. Es dürfe sich nicht wiederholen.

Der Evangelische Landesbischof Carsten Rentzing machte unter anderem deutlich, dass es Mut braucht, um Liebe zu geben, wenn einem Hass entgegen schlägt. Und er sagte, dass die Freiheit das Geheimnis des Glücks sei und das Geheimnis der Freiheit sei der Mut. Mich persönlich am meisten bewegt haben die Worte des katholischen Probst der Pfarrei „Heilige Mutter Therese“ Clemens Rehor. Er begann seine kurze Rede mit einem Verweis auf eine kürzlich in einer Chemnitzer Schule stattgefunden Veranstaltung mit einer Überlebenden des Holocaust. Dieser habe Bezug auf die Ereignisse in Chemnitz genommen und den Schülerinnen und Schülern erklärt, dass es so auch damals angefangen habe.

Eine war eine tolle Veranstaltung, die sich klar gegen Fremdenfeindlichkeit und Hass positionierte und gleichzeitig deutlich machte, wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben. In diesem Sinne wünsche ich mir von den Kirchen in unserem Land, dass sie immer deutlich Position gegen jede Art von Ausgrenzung, Herabwürdigung und Fremdenfeindlichkeit beziehen und gleichzeitig den Raum für die nötigen Dialoge schaffen.

Am Montag danach fand dann ein tolles Konzert mit verschiedenen Bands statt, die allesamt kostenlos auftraten. Das Konzert und die Mobilisierung dazu liefen unter dem Motto „#wirsindmehr“ und im Netz gab es verschiedene Meinungen, ob dieses Motto nun besonders politisch sei oder nicht. Ich finde es großartig, insbesondere wenn ich dabei berücksichtige, wer sich alles dahinter versammelte. Da fuhren nämlich nicht nur Fans der Band aus der Punk- und Linksszene zum Konzert. Mit dabei waren ebenso Mitglieder der katholischen Jugend oder der Liberalen/Jungen Liberalen und viele andere. Der Hashtag vereinte deutschlandweit Menschen, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und jede Form von Hass engagieren. Da gab es parallel Demos in anderen Städten, beispielsweise Hamburg, Stuttgart usw., BAP nahm ihn mit auf die Bühne und in ihr Konzert am Wochenende auf, die Bistümer Munster und Essen nahmen den Hashtag in ihr Titelbild auf Facebook. Wann hat es in den ganzen Jahren jemals eine so breite Solidarisierung mit den Demokratinnen und Demokraten in unserem Land, die sich in großen und noch viel mehr kleinen alltäglichen Projekten gegen Fremdenfeindlichkeit und jede Form von Ausgrenzung und Hass engagieren, gegeben? Allein dass dies unter dem Hashtag #wirsindmehr möglich und Realität wurde, ist eine politische Botschaft, die durch fast 70.000 Konzertbesucher und weitere rund 80.000 Zuschauer im Livestream noch unterstrichen wurde.

Dieses Gefühl, in diesem Kampf gerade hier im Osten, hier in Sachsen nicht alleine zu sein, war wichtig und gibt Kraft. Nehmen wir dieses großartige Gefühl mit in den Alltag und pflegen wir die sich in den letzten Tagen neu gebildeten Bündnisse gegen Rechts. Jede friedliche Form des Widerstands ist wichtig und richtig. Wenn es uns gelingt, die vielfältigen Ansätze, Ideen und Fähigkeiten der einzelnen Akteure zu bündeln und zu einem großen bunten Mosaik zusammenzuführen, können wir unsere Gesellschaft zu einem friedlichen und freiheitlich-demokratischen Miteinander verändern, in der jeder und jede seinen und ihren Platz hat und findet.