Von Krisen in Natur und Gesellschaft

Aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Marxistische Erneuerung thematisiert globale Umweltzerstörung und Marx-Jubiläum. Von Wulf Skaun

Mit einem Nachruf auf den bekennenden Marxisten Elmar Altvater eröffnet die Juni-Ausgabe der Vierteljahresschrift Marxistische Erneuerung (Z 114) ihr wiederum breit gefächertes Rezeptionsangebot. Der Zufall will es, dass eines der politikwissenschaftlichen Kernthemen des Vorreiters ökomarxistischen Denkens den inhaltlichen Schwerpunkt des Heftes bildet: die globale Umweltkrise als Folge dominierender Kapitalverwertungsinteressen. Welche Ausmaße sie angenommen hat und welche Anforderungen sich aus der Bedrohung alles irdischen Lebens auch für linke Umweltpolitik ableiten, wird vor allem mit Blick auf die Energiewende und Klimakrise von acht Fachexperten verhandelt. Elmar Altvaters Seufzer, die traditionelle sozialistische Linke denke die soziale und ökologische Frage immer noch getrennt, scheint nach wie vor berechtigt. So mahnt die Z-Redaktion in ihrem Editorial denn auch, dass sich linke, progressive Umweltpolitik im Marxschen Sinne kritisch mit der kapitalistischen Werteökonomie auseinandersetzen müsse und sich nicht auf eine Thematisierung von Konsum- und Lebensstilen beschränken dürfe.

Den 200. Geburtstag ihres Namenpatrons würdigt die aktuelle Z mit einer Reihe einschlägiger Beiträge. In der Rubrik „Marx-Engels-Forschung“ steht „Das Kapital“ im Fokus. Zhang Guangming weist anhand vergleichender Textanalysen die in China diskutierte These zurück, Marx habe im ersten und dritten Band des „Kapitals“ unterschiedliche Positionen zur revolutionären Enteignung der Kapitalisten eingenommen. Der frühere MEGA-Mitarbeiter Carl-Erich Vollgraf kommentiert Thomas Kuczynskis Neue Text-Ausgabe (NTA) des ersten „Kapital“-Bandes. Seine detailüberbordenden „Anmerkungen“ mögen professionelle Marx-Exegeten anzielen. Der Autor dieser Zeilen gehört nicht zu ihnen, hat sich aber, wie wohl das Gros der Z-Rezipienten, langjährig mit Marx’ Leben und Wirken beschäftigt und jede erkenntnisfördernde Handreichung dankbar begrüßt. So auch Kuczynskis NTA. Aus dieser Perspektive bereiten Vollgrafs mitunter an die Schlüssellochperspektive von Hegels Kammerdiener gemahnenden Ausführungen in ihrem Hang zu redundanter Selbstdarstellung schlichtweg Unbehagen. Lassen sie doch nicht nur die verdiente Anerkennung für Kuczynskis 20-jährige Kärrnerarbeit an der lesefreundlichen Neuausgabe auf dem Forschungsstand der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) völlig vermissen. Sie stellen auch dessen Leistung in Frage, diese mit dem von Marx beabsichtigten, aber nicht realisierten Vergleich der deutschen mit der französischen Ausgabe zu präsentieren. Dabei hat Kuczynski darüber hinaus alle von Marx und Engels verantworteten Ausgaben und Übersetzungen berücksichtigt und damit ein Projekt realisiert, das schon im Marx-Engels-Institut in Moskau geplant, aber nach dessen Schließung 1931 nie realisiert worden war. Stattdessen bietet Vollgraf eigene Forschungsfrüchte und Interpretationen feil, mitunter in polemisch-schulmeisterlicher Attitüde und in selbstvergessenem Übermaß, wofür seine über Seiten ausgebreitete Sicht auf die Historie von Fußnote 205 a ein Beispiel gibt. Geradezu ärgerlich aber mutet Vollgrafs vergiftete Conclusio nach wurzelkritisch-kleinlicher Argumentation an, ob Kuczynskis Buch dem Nutzer einen „Extramehrwert“ biete.

Freilich liefert die Z 114 auch konstruktiv-kritische Bewertungen rund um das Marx-Jubiläum. So in der Rubrik „Zeitschriftenschau/Aktuelle Debatten“, in der linke Diskussionen zu Theorie und politischer Praxis kommentiert werden. Aufschlussreich sind auch die Berichte über Gedenkveranstaltungen im Frühjahr 2018, auf denen der „klassische“ Marx gewürdigt und dessen geistige Anstöße ins Heute geholt wurden. In den durch Quantität und Qualität bestechenden Buchbesprechungen wird der Z-Leser mit noch mehr Marx belohnt. Stellvertretend seien Georg Fülberths Notate über Marx’ „Krisenhefte“ 1857/1858 genannt, die von einem Forscherteam um Kenji Mori und Rolf Hecker für die MEGA bearbeitet wurden.

Auf den Beitrag „Steht die Linke im Wald?“ soll noch aufmerksam gemacht werden. Seine Autoren Jörg Goldberg, André Leisewitz, Jürgen Reusch und Gerd Wiegel hatten in Z 112 (Dezember 2017) angesichts des politischen Rechtsrucks nach der Bundestagswahl konstatiert, dass eine Neuformierung der Linken nicht erkennbar war. Ihre Analyse der politischen Situation nach der Regierungsbildung fällt nicht optimistischer aus. Sie sei durch eine eher deprimierende Verfasstheit der gesellschaftlichen Linken einschließlich der Orientierungskrise der Linkspartei gekennzeichnet.

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, N. 114 (Juni 2018), 242 Seiten, Einzelheftbezug 10 Euro. Bestellungen über redaktion@zme-net.de oder www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de