Seiltänzer auf den Buchstaben

Jens-Paul Wollenberg mit einer Hommage an Hans-Eckardt Wenzel

„Schreib Lieder, sagen die Gedichtemacher, schreib Gedichte, sagen die Liedermacher, schreib Prosa, fordern die Essayisten … eine Mixtur der Genres, fließende Grenzen.“ Mit diesen Worten leitete Steffen Mensching sehr zutreffend im Schutzumschlag den ersten Gedichtband Wenzels „Lied vom wilden Mohn“ aus dem Jahr 1984 ein. Denn Hans-Eckardt Wenzel ist ein sehr vielseitiger Künstler, dem es wichtig ist, Lyrik und Musik ineinander fließen zu lassen, wobei er darauf bedacht ist, zu vertonenden Chansons Texte zu unterlegen, die rein strukturell dafür geeignet sind. Sonst lässt er Lyrik Lyrik sein und veröffentlicht sie in gedrucktem Format, wobei seine Arbeitsweise es auch zulässt, falls es ihm unbedingt nötig erscheint, auch sie zu vertonen. Er ist bestrebt, seine Lieder im Vortragsstil eines Francois Villon zu kreieren, und teilweise lässt die Eislerschule aus der Ferne grüßen. Wenzel selbst sprach von Aufklärung als festem Skelett, auf dem sich seine Werte aufbauen, er will Traditionelles nicht einfach fallenlassen, sondern es aufgreifen und neu gestalten.

Es war Steffen Mensching nicht von ungefähr vergönnt, den erwähnten Gedichtband einzuleiten. Denn beide kannten sich schon eine kleine Ewigkeit, sie sind bis heute gute Freunde, waren streitbare Kollegen im Liedtheater „Karls Enkel“, bevor sie sich als die inzwischen legendären Anarcho-Clowns „Wenzel-Mensching“ Kultstatus erwarben.

Wenzel galt schon zu DDR-Zeiten in Kennerkreisen als der wichtigste Liedermacher. Er war es schließlich, der frischen Wind durch die Szene blies. Ein Hauch von unbändiger Anarchie umwehte sein Publikum, wenn er, langhaarig und bärtig, die Bühne betrat und sein Chanson vom wilden Mohn ungewohnt bissig durchs Mikrofon schmetterte. Er hob sich weit von der üblichen Gangart anderer Kollegen seines Genres ab. Auf seiner ersten Soloscheibe „Stirb mit mir ein Stück“, die 1986 bei Amiga erschien, schwelgt Wenzel in seinen Empfindsamkeiten, schlüpft in Rollen vereinsamter Individualisten und schildert äußerst poetisch den oft grauen Alltag im ach so gepriesenen Prenzlauer Berg, dem begehrten Stadtteil der DDR-Hauptstadt (derweil ist Berlin das dritte Mal Hauptstadt, und Wenzel resigniert inzwischen: „Hier bin ich nicht mehr zu Hause, bin wie ein Banause, von Beton umbaut“, denn dem trostlosen Grau folgte gnadenloses Weiß). Er drückte die bis dahin noch kaum ausgesprochenen Gefühlswelten junger Menschen aus, dokumentierte somit erstmalig einen realexistierenden Kosmos aus Trauer, Hoffnung, Liebe, Leid, Lebensfreude.

Auf diesem sehr sensiblen Album bedient sich Wenzel auch zweier Textvorlagen des leider in Vergessenheit geratenen Österreichers Theodor Kramer. Diesem Dichter widmete Wenzel Jahre später weitere Produktionen.

Wenzels Bühnenpräsenz ist es nicht, des üblichen Liedermachergestus zu bedienen, mit moralerhobenem Zeigefinger und belehrenden Ansagen während des obligatorischen Stimmens der Gitarre. Vielmehr streut er Zuversicht, solidarisiert sich mit seinen Zuhörern, verbreitet Trost, vermittelt Zusammenhalt auf der Grundlage der von ihm ausstrahlenden Bescheidenheit. So vermag er sein Publikum mit seinem außergewöhnlichen Charisma zu verzaubern.

Wenzel wurde am 31. Juli 1955 in Kropstett bei Wittenberg als Sohn eines Lehrerehepaars geboren. Er verbrachte seine Jugend in Wittenberg, wo er 1974 das Abitur ablegte, bevor es ihn nach Berlin zog, wo er von 1976 bis 1981 an der Humboldt-Uni Kulturwissenschaften studierte. Schon als Kind begann er, Kurgeschichten und erste Gedichte zu schrieben. Entdeckt wurde sein Talent von einem Pionierleiter und seiner Deutschlehrerin, die ihm alsbald empfahlen, auch politische Themen zu bearbeiten. Und so dauerte es nicht lange, bis er sich als dichtender Pionier einen Namen machte. Da in Wittenberg ein bekannter Dichter lebte, lag es nahe, Wenzel zu überreden, in zu konsultieren, um kritische Hinweise zu ergattern. Doch die hochgelobten Verse des jungen Poeten waren zum Scheitern verurteilt, der Meister verriss sie allzu arg, sodass Wenzel das Schreiben erst einmal aufgab. Erst Jahre später begann er wieder, Texte zu verfassen, hauptsächlich in Liedform, die er dann in diversen Singeklubs ausprobierte und vortrug.

Seit 1976 wirkte er dann parallel zu seinem Studium als Autor und Liedermacher, stieß unweigerlich auf das Ensemble „Karls Enkel“, das sich nach und nach vom Singeklub zum Liedtheater entwickelte, und wurde dessen Mitglied – den Wandel beeinflusste er entscheidend. Hier lernte er Steffen Mensching kennen, der als Autor und Darsteller agierte. Unter Wenzels Regie entstanden bis zur Auflösung der Gruppe vierzehn literarische Musikprogramme auf hohem künstlerischen Niveau.

Ab 1984, nach der Auflösung von „Karls Enkel“, arbeiteten die Mitglieder an neuen Projekten. Stephan Körbel schlug eine Solokarriere als Liedermacher ein und gründete zur Wendezeit das Berliner Plattenlabel „Nebelhorn“, Rolf Fischer bereicherte mit seinem Cello die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarz Rot“, andere ehemalige Mitstreiter erarbeiteten mit Wenzel und Mensching die Fortsetzung der legendären „Hammer-Rewüh“ in Form einer „Sicheloperette“. 1982 begann Wenzels Kooperation mit Mensching als bereits erwähntes Clown-Duo, das bis weit in die späten Neunziger hinein nicht nur auf Kleinkunstbühnen erfolgreich unterwegs war.

Es existieren zwei CDs, die Anfang der Neunziger bei Buschfunk beziehungsweise Nebelhorn produziert wurden: „Abschied der Matrosen vom Kommunismus“ und „die legendäre Hammer-Rewüh von 1982“. Als bemerkenswerter Leckerbissen sei der Spielfilm „Letztes aus der DaDaeR“ empfohlen, in dem das Duo sein gleichnamiges Programm skurril in Szene setzte (das war übrigens angeblich die letzte DEFA-Produktion). Dennoch kam es zur Trennung, Mensching ging später nach Rudolstadt und wurde der Intendant des dortigen Theaters. Wenzel ist seitdem als Songwriter, Liedermacher beziehungsweise Autorensänger unterwegs und hat inzwischen mehr als 40 Platten produziert, die allesamt mit ihrem künstlerischen Niveau überzeugen, wie „Schöner Lügen“ aus dem Jahr 1999, „Lied am Rand“, „Ticky-Tock – Wenzel singt Woodie Guthrie“ von 2003 oder sein vorletztes Werk „Wenn wir warten“, das 2016 auf den Markt kam.

Dass ihm politische Unzulänglichkeiten nie einerlei waren und sind, bewies er durch ständiges Einmischen, etwa als Erstunterzeichner der Resolution der Liedermacher und Rockmusiker vom 18. September 1989, die mehr Demokratie forderte, eine reformierte DDR, ohne gleich an die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten zu denken. Auch gegenwärtig prangert er in den Ansagen zu seinen Liedern Missstände an, bleibt ein politischer Aufrührer im Geiste, seine Waffen sind Poesie, Gesang und Musik.

Noch immer sind seine Konzerte sehr gut besucht, er füllt die Säle, und es ist schon erstaunlich, dass es diesem Jongleur der politischen Werte, diesem Seiltänzer auf den Buchstaben trotz seiner Rastlosigkeit spielerisch gelingt, konzertant zum Verweilen einzuladen. Da verliert der dumme Begriff „Event“ sein Schmäh, denn Wenzels Konzerte sind lebendiger denn je. Ja, und welchem anderen deutschsprachigen Liedermacher ist es bislang gelungen, sein Publikum zum Tanzen zu verführen? Da ist schon Magie im Spiel.

Auf die Frage eines Journalisten, ob er nicht darüber erstaunt sei, dass er heute noch große Säle füllt, reagierte Wenzel nüchtern mit der Erkenntnis, dass die allgemeine Verblödung wohl noch nicht ganz so schnell fortgeschritten sei und dass viele noch an Inhalten interessiert sind, dass sie ihm und seinen Liedern vertrauten, weil sie spürten, dass sie nicht verarscht werden.

Hans-Eckardt Wenzel wurde für sein künstlerisches Schaffen immer wieder ausgezeichnet. So erhielt er bereits 1978 die Johannes-R.-Becher-Medaille, seither auch den Heinrich-Heine-Preis des Ministeriums für Kultur der DDR, den deutschen Kabarettpreis und 2003 den „RUTH“ beim TFF-Rudolstadt. Die Jury bei letzterem begründete ihre Entscheidung folgendermaßen: „Die Eigenständigkeit seines Klanges entsteht aus dem Gewöhnlichen, aus dem gelebten Leben. So lässt jeder Ton, jedes Wort bei Wenzel einen das Leben und das Leben ,vor diesem Leben‘ erfühlen. Ohne viel Umschweife, fast karg und spröde, sagen Wenzels Lieder alles über die Befindlichkeiten einer Generation und ihres gesellschaftlichen Umfelds aus.“

Auf meine Frage an ihn während eines Treffens in Rudolstadt, was zu erwähnen ihm noch wichtig sei, bekam ich die kurze Antwort: „Schreib, dass ich ein guter Mensch bin.“ Das ist er!