Ins All geflogen, auf dem Boden geblieben

Von Katja Kipping

Am 26. August jährte sich das 40. Jubiläum von Dr. Sigmund Jähns erfolgreichem Flug zur Weltraumstation Saljut 6. Während er in der DDR als erster Deutscher im All gefeiert und mit Orden überhäuft wurde, verspotteten ihn die Westmedien gehässig als „Mitesser auf der Russenrakete“. Solche Gemeinheiten im Kalten Krieg dürften den heute 81jährigen kalt lassen. Seine wissenschaftliche Arbeit am Zentralinstitut für Physik der Erde steht für sich. Nach 1990 hat er sich darüber hinaus bei der Ausbildung von Raumfahrern und als Berater der Europäischen und der Russischen Weltraumbehörde bleibende Verdienste erworben.

Wenn man Interviews von Sigmund Jähn liest, fällt auf, wie sehr er bis heute für eine ethisch reflektierte Tradition der Raumforschung steht. Kaum ein Gespräch, in dem er den Titel „erster Deutscher im Weltraum“ nicht auf den gemeinsamen Erfolg der kollektiven Arbeit der russischen, polnischen, ungarischen und tschechischen Kollegen verweist. Erst jüngst sprach Jähn davon, dass die Raumfahrt einen verstehen lasse, „dass die Dummheiten oder Verbrechen, die wir mit dieser kleinen Erde betreiben, nicht endlos unbestraft bleiben.“ Sein Freund Ulf Merbold, der fünf Jahre nach ihm für die Bundesrepublik ins All flog, ergänzt, dass, wer „in 90 Minuten den Erdball umrundet […] von dort oben keine Grenzen mehr sieht.“

Das sind Gegenbilder zu den skrupellosen deutschen Raumfahrtpionieren wie Wernher von Braun, nach dem noch heute manche Straße in der Bundesrepublik benannt ist. Während seine Raketentechnik bei deren Produktion tausende ZwangsarbeiterInnen zu Tode geschunden wurden, und die noch im letzten Kriegsjahr Städte in Belgien, Frankreich und England verwüstete sowie zahllose Zivilisten tötete, sind Jähn und Merbold durch den Blick aus dem All für das gemeinsame Schicksal der Menschheit noch sensibler geworden. An ihre humanistische Botschaft lohnt heute mehr denn je zu erinnern.

Für wissenschaftliche Zwecke wird die bemannte Raumfahrt vermutlich zunehmend obsolet. Stattdessen treiben Milliardäre wie Elon Musk die kommerzialisierte touristische Erschließung des Alls für Multimillionäre mit immensen finanziellen und ökologischen Kosten voran. Eigentlicher Treiber der Entwicklung von Raumfahrttechnik bleibt leider wie im Kalten Krieg das Militär. Das gilt für die USA, in der Donald Trump jüngst für die Aufstellung einer „Weltraumarmee“ als eigenständiger sechster Arm des US-Militärs plädierte. Es gilt aber auch für die Raumfahrtprojekte von China, Indien, Russland und mit einigen Einschränkungen auch für die EU, wo militärische Überlegungen in der Regel in der Regel weniger offen kommuniziert werden.

Wer Sigmund Jähn, dem der Rummel um seine Person und die ihm zugedachten Phrasen immer erkennbar unangenehm waren, ehren will, der sollte an einer ernsthaften Demilitarisierung der Raumfahrt arbeiten. Dies beinhaltet die Weiterentwicklung des UN-Weltraumvertrags und des PAROS-Abkommen zur Verhinderung des Wettrüstens im All. Ihr Ziel ist die ausschließlich friedliche Nutzung des Alls zugunsten der gesamten Menschheit.

Dieser Beitrag erschien zuerst in „Raumfahrt Concret“, Heft 102, Juli 2018.