Friedrich Engels – Eigenes gemeinsam mit Karl Marx erbracht

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Am 15. Oktober 1884 schrieb Friedrich Engels an Johann Philipp Becker: „Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine spielen, und glaube auch, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh, so eine famose erste Violine zu haben wie Marx.“ Mit diesem Zitat leitet Georg Fülberth seine im Frühjahr dieses Jahres in der PapyRossa-Reihe „Basiswissen Politik/Geschichte/Ökonomie“ erschienene Schrift „Friedrich Engels“ ein.

Doch wo es eine erste und zweite Geige gibt, vermerkt Fülberth treffend, da besteht meist auch ein Ensemble. Ganz in diesem Sinne arbeitet Fülberth die tatsächliche Bedeutung von Engels heraus, der gleichermaßen wie Marx zur Ersetzung der idealistischen Geschichtsauffassung durch die materialistische beitrug. Damit versteht Fülberth, im Unterschied zu manch einer entstellenden modischen Lesart, unter Marxismus: „1. eine historisch-materialistische Analyse von Ökonomie und Klassenverhältnissen; 2. eine auf diese gestützte Theorie der Politik; 3. eine politische Praxis in der Perspektive einer Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft.“

Marx und Engels haben diese komplexe Theorie, wie Fülberth betont, seit 1844 gemeinsam ausgearbeitet, „ohne dass dabei eine Priorität von Marx vor Engels oder umgekehrt erkennbar wäre“. Ihre bleibende Leistung ist die erkenntnistheoretische wissenschaftliche Revolution, die ihnen mit der materialistischen Geschichtsauffassung gelang. Nachdem Engels 1869 seine Berufstätigkeit aufgegeben hatte, „hat er die Anwendung der materialistischen Geschichtsauffassung in größerer Breite als Marx vorangetrieben, nicht nur als Popularisierung, sondern auch als Versuch der Verifikation und auch als Vordringen in Wissensbereiche außerhalb der ökonomischen Theorie“, auf die sich Marx konzentriert hat.

Der in elf Kapitel gegliederte Band gibt einen ausgezeichneten Einblick in Engels‘ Lebenswerk. Er behandelt sowohl sein spezifisches wissenschaftliches Verdienst als auch sein persönliches Leben. Während Marx bei der Kritik der Politischen Ökonomie blieb, versuchte Engels mit Erfolg nachzuweisen, dass die Dialektik die gesamte Realität, auch der Natur, bestimme. Dazu arbeitete er sich, wie Fülberth belegt, in die Literatur des 19. Jahrhunderts zu Mathematik, Chemie und Physik ein, wovon mehrere seiner Schriften zeugen. Am Abschluss dieses Werkes wurde Engels dadurch gehindert, schreibt Fülberth, „dass er stattdesssen zwei Aufgaben übernahm, die operativ dringlicher waren“. Das war zunächst die Streitschrift „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“, dann, nach Marx’ Tod, die Herausgabe des zweiten und dritten Bandes des „Kapital“.

Die Fertigstellung des dritten Bandes erforderte seit 1885 all seine Kräfte, insgesamt neun Jahre, da er nur eine ungeordnete Sammlung von Fragmenten vorgefunden hatte. Von manchen Abschnitten gab es lediglich die Überschriften. Zugleich war Engels durch das nach Marx’ Tode erfolgte Erstarken der internationalen Arbeiterbewegung gefordert, so durch die strategische Partnerschaft mit August Bebel und Paul Lafargue.
Sein Wohlstand erlaubte ihm eine Lebensführung, in der er sich auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren konnte. Optimal hatte er Karl Marx finanziell unterstützt. Ständig erreichten ihn Bittbriefe, auf die er nach politischen Gesichtpunkten reagierte. „Nur wenn die Anforderungen höher waren als die gerade zur Verfügung stehenden Erträge aus seinem Vermögen“, vermerkt dazu Fülberth, „hielt er sich zurück: die Substanz griff er nicht an.“

Friedrich Engels, am 28. November 1820 als ältester Sohn einer Unternehmerfamilie, die Baumwollspinnereien betrieb, in Barmen geboren, starb am 5. August 1895 in London. Er hinterließ (nach Entrichtung der Erbschaftssteuer) ein Vermögen von 20.378 Pfund, in heutiger Währung etwas über 2,4 Millionen Euro. Entsprechend seinem Willen wurde sein Leichnam verbrannt und die Asche in einer Urne vor Eastbourne dem Meer übergeben.

Fülberths Schrift ist für jüngere Leser hervorragend geeignet, sich mit Basiswissen über Friedrich Engels vertrautzumachen.

Georg Fülberth: Friedrich Engels. PapyRossa Verlag, Köln 2018. 124 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-89438-669-6