„Die Angstprediger“

Von Ralf Richter

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch der diplomierten Juristin und Adenauer-Stipendiatin Liane Bednarz ist eine gute Ergänzung zu Melanie Amanns Buch „Angst für Deutschland“. Amann schreibt flüssiger, der Stil ist eingängiger. Liane Bednarz operiert mit zahlreichen Namen, Daten und Fakten, so dass manches Mal der rote Faden verloren zu gehen droht. Gleichwohl ist es unumgänglich, dieses Buch zu lesen, wenn man wissen will, weshalb die AfD insbesondere so erfolgreich ist, Wähler von der CDU bzw. CSU zu gewinnen.

Bednarz sieht sich selbst als konservative Christin. Sie unternimmt auf ca. 250 Seiten in einem schmalen Taschenbuch nun den Versuch, aufzuzeigen, „wo unter Christen die Bruchlinie zwischen konservativem und rechtem Denken verläuft“ – und scheitert damit grandios! Sie muss dabei scheitern, weil sie ein wesentliches Element vernachlässigt: die Geschichte der CDU. Wenn es heute selbst Linken schwerfällt, die CDU als konservative Partei wahrzunehmen, da deren Anführerin jedem aktuellen Meinungsbild hinterherläuft – wie viel schwerer muss das den Mitgliedern der bis zur AfD-Gründung wichtigsten konservativen Partei, der CDU, fallen? Bednarz analysiert kaum die Entwicklung dieser Partei, sie taucht mehr in das westdeutsche kirchenchristliche Milieu ein, das ihr vertraut ist.

Interessant ist der Rekurs in die Vergangenheit. Denn um heute führende Rechtsintellektuelle wie Götz Kubitschek zu verstehen, muss man wissen, wer seine geistigen Zieh-Väter waren und von wem diese wiederum ihre Ideen hatten. Bei Kubitschek, einem christlich-konservativen, rhetorisch versierten Verleger und Publizisten, der den rechtsintellektuellen Thinktank „Institut für Staatspolitik“ mitbegründete, reicht es nicht zu wissen, dass er von der „Jungen Freiheit“ kommt. So wie man den deutschen Faschismus ab 33 nicht verstehen kann, ohne die intellektuellen Wurzeln einzubeziehen, genauso wenig darf man das bei den heutigen Neurechten vernachlässigen. Wer wissen will, wo die Identitären herkommen, muss nach Frankreich schauen und kommt an dem Namen Alain de Benoist nicht vorbei. Dieser entwickelte Ideen der „völkischen Intellektuellen“ der Weimarer Republik weiter – ebenso wie der geistige Ziehvater des derzeit tonangebenden Rechtsintellektuellen in Deutschland. Es ist der Schweizer Armin Mohler, der eine Gegenbewegung zu den 68ern in Westdeutschland aufbaut. Seine Grabrede wird kein anderer als Götz Kubitschek halten. Eine klare Unterscheidung zwischen den Neurechten in Frankreich und denen in Deutschland liegt eindeutig in ihrer Haltung zum Christentum: Während die Franzosen die Kirche stark kritisieren, ist das bei den Deutschen nicht so. Die Junge Freiheit als Publikation der Neurechten wurde 1986 in Freiburg als christlich-konservative Schülerzeitschrift gegründet. Schon im Herbst 1990, als das erste Studienjahr nach der Wende begann, standen die Zeitungsverkäufer vor den Toren der Humboldt-Universität in Berlin und schickten sich an, den intellektuellen Diskurs im Universitäts- und Hochschulmilieu Berlins zu beeinflussen.

So sehr sich die Autorin auch mit ihrer „Bruchlinie“ zwischen Konservativen und Neurechten müht, es wird deutlich, dass die AfD mit ihrem rechts-christlichen Hintergrund eher die Bruchlinie für CDU und CSU bildet. Während die eine Partei (noch?) katholisch-bayrisch und die andere doch mehr evangelisch geprägt ist, so sind doch die „harten Konservativen“ beider Glaubensrichtungen – von denen in den Freikirchen und bei den Evangelikalen ganz zu schweigen – kaum noch von CDU oder CSU zu binden. Sie finden – egal wie oft die sich noch spalten mögen – Halt in neurechten Bewegungen oder in der AfD. Mit der Wahl Trumps, dem Erfolg der Nationalisten in Großbritannien, Österreich und Italien und dem neuen konservativen Block des Visegrad-Staaten wird die internationale Vernetzung der „Verteidiger des Abendlandes“ voranschreiten und es ist bislang nicht zu erkennen, wie die etablierten C-Parteien sich erfolgreich dem Rechtsruck entgegen stellen wollen, zumal mit der Abkehr vom Pfad der „Willkommenskultur“ bereits eine kleine Kapitulation vollzogen wurde. Mit dem Beschreiten dieses „deutschen Sonderweges“ hat die CDU eine rote Linie überschritten. Das ist und bleibt aus Sicht vieler ihrer früheren Anhänger und Mitglieder einfach unverzeihlich.

Noch eine interessante Beobachtung: Das Hauptschlachtfeld liegt im virtuellen Raum! 90 Prozent der Quellen sind Online-Quellen. Eine klare Schwachstelle ist das Fehlen eines Glossars. Auch für das Quellenstudium wäre es sinnvoll, wenn der Verlag einen Weg finden würde, den Leserinnen und Lesern das Quellenstudium zu ermöglichen.

Das Buch erschien bei Droemer und kostet 16,90 Euro.