Plakatstadt mit Tradition

Dr. Volker Külow sprach für „Links!“ mit Grit Fiedler (GF), Vorsitzende des Vereins zur Förderung visueller Kultur e.V. und Wolfgang Blaschke (WB), Diplomfotograf und Vereinsmitglied. Beide betreiben mit anderen Vereinsmitgliedern die Plattform www.plakat-sozial.de

Leipzig ist eine internationale Plakatstadt mit Tradition, die bis in die Gegenwart lebendig geblieben ist und an die Sie beide augenscheinlich anknüpfen wollen. Wie kam es zur Bildung der Internetplattform „plakat-sozial“?

WB: Die Berliner Kunstwissenschaftlerin Dr. Sylke Wunderlich und der Dresdner Plakatkünstler Bernd Hanke hatten vor fast zehn Jahren die Idee, eine verbindende Plattform Gleichgesinnter ins Leben zu rufen. Der zu früh verstorbene Maler und Grafiker Ulli Strube und ich schlossen sich an. Als Fotograf gefiel mir besonders, dass von Anfang an verschiedenen bildnerischen Genres Raum geboten und keinerlei Hürden aufgestellt wurden. Vielleicht mit ein Grund, dass alsbald weitere Kolleginnen und Kollegen folgten. Inhaltlich war Konsens, mit unseren künstlerischen Mitteln auf die zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen zu reagieren und ein Zeichen gegen Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Wir wollten aktiv werden und unsere Stimme erheben und das demokratische Bewusstsein befördern.

GF: Nachdem wir die Gründung der Plattform im Internet veröffentlicht hatten, waren wir über das große Echo erstaunt. Es begann unsere erste internationale Zusammenarbeit. Die Agentur „Next By Design“ aus San Francisco erfuhr von unserem Vorhaben und bat uns gemeinsam einen internationalen Plakatwettbewerb „OCCUPY – what‘s next?“ zu veranstalten. Im Vordergrund stand der Gedanke, dem Dialog zwischen den unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft visuelle Impulse zu verleihen. Diese Idee wurde erfolgreich umgesetzt und mit Unterstützung des Zentrums für demokratische Bildung der Stadt Leipzig gelang es uns, diese viel beachtete Ausstellung auch im Leipziger Rathaus zu präsentieren.

Wie ging es nach diesem hoffnungsvollen Auftakt weiter?

GF: Angeregt durch diesen Achtungserfolg ergab sich die Notwendigkeit, den weiteren Bemühungen eine feste Organisationsstruktur zu geben. So entstand die naheliegende Idee, einen Verein ins Leben zu rufen. Zugleich gefiel mir, mit www.plakat-sozial.de eine entsprechende Internetplattform zu gründen. Mit deren Hilfe organisierten wir in den letzten Jahren immerhin drei internationale Plakatausstellungen (IPA) in Leipzig, mit deren Hilfe es gelang, Plakatkünstler weltweit global zu vernetzen.

WB: Wir sind ein kleiner Verein. Darum sei hier etwas Werbung in eigener Sache gestattet. Nicht nur Grafikdesignern oder fotografisch interessierten steht unser Verein offen. Allen, die unsere demokratischen Bemühungen unterstützen und denen Plakate unserer Art etwas bedeuten, können bei uns Mitglied werden. Auch Institutionen, die uns unterstützen wollen, sind willkommen. In der Satzung des Vereins finden Interessierte die notwendigen Informationen.

Jetzt findet Ende September die IV. IPA statt, sie steht unter dem Motto „Demokratie – vor allem!“ Was hat sie bewogen, dieses Motto zu wählen?

GF: Nach der II. und III. IPA wollten wir den inhaltlichen Bezug unserer Ausstellung präzisieren. Die gesellschaftlichen Spannungen nehmen nunmehr welt- und europaweit zu. Die Stadt Leipzig widmet sich in diesem Jahr deshalb in besonderem Maße der Förderung demokratischer Bestrebungen. Was also lag näher, als sich diesen Bemühungen anzuschließen und mit starken visuellen Signalen zu unterstützen. Wenn Sie die Plakate betrachten, so ist das in vielen Beispielen gelungen.

WB: Dazu wäre ergänzend zu sagen, dass sich die demokratischen Parteien und Verbände dieser Signale, also unserer Plakate, durchaus für deren Verwendung im öffentlichen Raum stark machen sollten, denn wo gehört das Plakat denn hin? Auf die Straße! Das könnte ein gutes Gegengewicht gegen Beliebigkeit sein.

Sind die Bemühungen des Vereins lokal begrenzt oder geht seine Wirkung darüber hinaus?

GF: Nachdem es uns gelungen ist, über die Stadtgrenzen hinaus zu wirken, steht einer landesweiten Wirkung unsererseits nichts im Wege. Auch einer Mitgliedschaft nicht. Es liegen bereits Anträge sogar aus China vor. Mehrere Ausstellungen, u.a. in der Mediengalerie der Gewerkschaft VER.DI in Berlin und im Leipziger Rathaus sowie den Geschäftsräumen der DREWAG Dresden, wurden bereits veranstaltet. Eine große Ausstellung fand auch an der Zaozhuang University Zhandong in China statt. Inzwischen können auf unserer Webseite, die gleichzeitig ein Zentrum internationaler Vernetzung ist, etwa 600 Plakate von über 100 internationalen Grafikdesignern betrachtet werden.

Gibt es schon konkrete Vorstellungen für weitere Projekte?

GF: Jetzt wollen wir erst einmal die IV. IPA erfolgreich durchführen. Immerhin 226 Auto¬ren aus 35 Ländern reichten insgesamt 769 Plakate ein; 86 wurden von der Jury – in der Mehrzahl aktive Plakatkünstler – für die neue Ausstellung ausgewählt. Vom 29. September bis 19. Oktober ist sie im Verein Deutsches Museum für Galvanotechnik e.V. (Torgauer Strasse 76 b in Leipzig) zu sehen. Nach dem Ende der Ausstellung werden Teile u.a. im Leipziger Rathaus gezeigt. Und dann nach einer kleinen Verschnaufpause sehen wir dann weiter.