Überall Concert, Publicum, Komponisten, Dirigenten und Klavierfabriken

Jour fixe geht mit Hohelied auf Leipzigs Musikleben im 19. Jahrhundert in die Sommerpause. Von Wulf Skaun

Roter Oktober und rote Epoche, Krieg und Frieden, Götterdämmerung alter und Geburt neuer Weltmächte: Polittheoretische Sujets wie diese hatten die Agenda der bisherigen Jour fixe-Runden 2018 bestimmt. So gönnte sich der 35. unkonventionelle Gesprächskreis im Juni ein eher gemütvolles Thema zum Ausklang vor der Sommerpause: Leipzig als deutsche Musikhauptstadt des 19. Jahrhunderts.

Manfred Neuhaus fand einleitend im Salon des Leipziger Hauses der RLS Sachsen mit Bachfest und Europäischem Kulturerbe-Siegel für neun Leipziger Musikerbe-Stätten aber auch aktuelle inhaltliche Bezüge, um einen Schulterblick in die einstige Blütezeit tonschöpferischer Produktion und Präsentation zu rechtfertigen. Mit der Kulturhistorikerin Doris Mundus begrüßte er dafür eine Forscherin und Autorin, die „durch imponierende Fülle, thematische Vielfalt, wissenschaftliche Dignität und sprachlich-stilistische Eleganz ihrer Publikationen zur Leipziger und sächsischen Geschichte, zur Kultur- und Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts“ besteche. So habe sie auch höchst anschaulich beschrieben, wie sich das musikalische Geschehen im Leipzig des 19. Jahrhunderts in einzigartiger Weise ballte: „überall Concert, Publicum, Komponisten, Dirigenten und Klavierfabriken“.

Die Referentin, die mit ihrem Maßstab setzenden Opus magnum „Musikstadt Leipzig in Bildern“ hohe Anerkennung in der Fachwelt fand, begründete nun in einem fulminanten Vortrag, warum Leipzig im 19. Jahrhundert Mittelpunkt des deutschen Musiklebens und für eine geraume Zeit sogar Musikhauptstadt Europas war: „Die 1781 begründeten Gewandhauskonzerte etablierten unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy und Arthur Nikisch ein Orchester auf höchstem künstlerischen Niveau und boten zugleich Gastmusikern von Mozart über Liszt bis zu Brahms und Tschaikowski ein ideales Podium. Die Opern von Carl Maria von Weber, Albert Lortzing und Richard Wagner feierten Triumphe. Die Absolventen des Konservatoriums beeinflussten über Jahrzehnte hinweg das musikalische Leben von den USA bis Australien. Leipziger Musikkritiker prägten den Geschmack einer ganzen Epoche. In aller Welt spielte man auf Klavieren von Leipziger Instrumentenbauern und nach Noten aus Leipziger Musikverlagen.“

Nach dieser summarischen Eloge beschenkte die Expertin das interessiert mitgehende Publikum, darunter Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, mit einem illustrierten Kaleidoskop des messestädtischen Musiklebens im 19. Jahrhundert. Großformatige Lichtbilder ließen das historische Leipzig nacherleben, in dessen Mauern sich die Großen der Musikszene jener Zeit ein Stelldichein gaben. Wie dem Autor dieser Zeilen mag es manchem Augen- und Ohrenzeugen ergangen sein: Neben den allgemein bekannten Prominenten überraschte Doris Mundus mit hochklassigen Bühnenkünstlern und Könnern der Musikbranche, die dem kollektiven Gedächtnis entschwunden sind. Wie, um nur zwei Beispiele zu nennen, mit der begnadeten schwedischen Sopranistin Jenny Lind und dem „besten Musikalien-Korrektor Leipzigs“ Alfred Dörffel.

Den Berühmten wie den Vergessenen erwies die Rednerin in unterhaltsamer Rhetorik gleiche biografische Reverenz. Ihre pointierten Porträts, gewürzt mit launigen Anekdoten und amüsanten Petitessen, machten die musikhistorische Lehrstunde zu einem denkwürdigen Vergnügen. Jour fixe-Stammgäste fühlten sich an die großartigen Auftritte Werner Wolfs und Anselm Hartingers zu ähnlicher Thematik erinnert. In der Diskussion erinnerte Hartmut Kästner daran, dass Altmagnifizenz Lothar Rathmann im Kontext einer eindringlichen Würdigung Leipzigs als Buchstadt-Kapitale forderte, die Wechselbeziehungen von Kunst, Kultur, Wissenschaft, ihrer Akteure und Förderer tiefgründiger zu erforschen. Gelte dies im Analogschluss, so der Historiker, nicht auch für die Musikstadt Leipzig? Doris Mundus nahm die Anregung mit. Über die Förderer des damaligen Musikschaffens, namhafte Mäzene, wisse man aber schon gut Bescheid.