Über Naturschutz und soziale Gerechtigkeit

Von Michael Neuhaus

Im öffentlichen Diskurs bestimmt der Klimawandel maßgeblich die Umweltpolitik. Natürlich müssen der Klimawandel und seine Folgen ein zentrales Thema linker Umweltpolitik sein, aber zur Umweltpolitik gehört auch die Naturschutzpolitik und somit der Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversität). Alle profitieren von den Stoffkreisläufen oder davon, wenn Pflanzen im Garten oder auch auf dem Acker wachsen. Auch Entspannung ist ohne das Grün im Garten oder im Park undenkbar. Pflanzen machen außerdem das Leben auf dem Planeten durch die Akkumulation von Biomasse und das Bereitstellen von Sauerstoff erst möglich – von ihrem Beitrag zum Klima ganz zu schweigen. Verantwortlich für die Leistungen der Natur sind die Ökosysteme. Sie verrichten wichtige Arbeit und trotzdem ist ihre Funktionalität durch eine Aussterberate, die tausendfach über der natürlichen Rate von 1-3 Arten pro Jahr liegt, gefährdet.

Aktuellen Studien zu Folge werden uns die Folgen des Verlusts an biologischer Vielfalt früher und härter treffen als die des Klimawandels. Insgesamt werden 2050 etwa 3,2 Milliarden Menschen darunter zu leiden haben – unter fehlendem Schutz vor Hochwasser durch den Verlust von Wasserrückzugsgebieten, Ernteeinbußen von bis zu 50 Prozent durch den Bestäuberrückgang, der Verknappung von Trinkwasser (bereits 15 Prozent in Europa) durch die Reduktion der Wasserspeicherkapazität des Bodens oder anderen Folgen. Weltweit werden schätzungsweise 500-700 Millionen Menschen allein durch die Landdegradierung zur Flucht gezwungen sein. Trotzdem erscheinen Naturschutzpolitik und Sozialpolitik oft als Antagonisten – zum Beispiel wenn entschieden werden muss, ob eine Fläche ein Acker oder ein Naturschutzgebiet wird. Oder wenn eine Umgehungsstraße das Leben in der Stadt erträglicher macht, aber gleichzeitig die Natur schädigt.

Für uns gilt es, diese Widersprüchlichkeit zu demaskieren und die Rolle von Biodiversität im Kapitalismus zu analysieren. Wenn wir uns die Profiteur_innen von Naturleistungen anschauen, so zeigt sich, dass „gesunde“ Ökosysteme, die verschiedene Funktionen abdecken können, zwar weniger kommerziell verwertbare Leistungen erbringen, diese aber allen Menschen zugutekommen. Ökonomisch betrachtet liegt der Wert dieser nichtwarenförmigen Leistungen sogar um ein Vielfaches höher als der Wert der privatisierten Produkte. Ein Beispiel: Zur Maximierung der landwirtschaftlichen Profite werden in Deutschland durchschnittlich 95 kg Stickstoff pro Hektar verwendet. Insgesamt ist die Landwirtschaft damit für 80 Prozent aller Stickstoffeinträge verantwortlich. Der Mehrertrag, welcher direkt in die Kasse der Landwirte geht, wird auf 20-80 Milliarden Euro geschätzt. Durch die Schäden an den Ökosystemen entstehen jedoch Kosten von 20-150 Milliarden Euro. Die Wasserreinigungsfunktion nimmt dabei durch die geringe Biodiversität auf dem Acker ab, während gleichzeitig die Stickstoffeinträge erhöht werden. Dadurch sinkt die Qualität des Grundwassers und die Aufbereitungskosten steigen. In Leipzig liegen die Kosten der Trinkwasseraufbereitung hierdurch siebenmal höher als es bei Biolandbau im Umland der Fall wäre. Eine besondere Absurdität ist dabei, dass der Gesellschaft sowohl die Kosten für die Agrarsubventionen als auch die Folgekosten auferlegt werden. Das Wirtschaften auf Kosten der Biodiversität kann also als Umverteilungsprozess von Geldern von der Gesellschaft hin zu privaten Akteuren verstanden werden.

Die Folgen, Risiken und Kosten durch den Verlust von Biodiversität werden jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Arme Menschen spüren diese häufiger und stärker, da sie zum einen nicht die Möglichkeit haben, betroffene Regionen zu verlassen und zum anderen stärker von Naturressourcen abhängen. Studien belegen außerdem, dass Frauen* in sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern stärker von der biologischen Vielfalt abhängig sind als Männer. In diesen Ländern stellen Leistungen der Biodiversität einen größeren Anteil am Einkommen der Armen dar (in Brasilien 89 Prozent) als in Industrieländern. Bei der Entwicklung dieser Staaten wird dann Biodiversität für die Privatwirtschaft verwertbar gemacht, wobei Firmen aus Industrieländern häufig das gewonnene Kapital an diese abführen.

Die Frage, wem die Biodiversität zugutekommt, ist somit nicht nur eine Frage von arm und reich, sondern auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Des Weiteren werden Kosten und Risiken vergesellschaftet und Profite privatisiert werden. Eine linke Naturschutzpolitik ist somit nicht im Gegensatz zu sozialer Politik, sondern als deren Voraussetzung zu sehen.