Songwriter und Satiriker: Randy Newman

Jens-Paul Wollenberg über den bissigsten Texter unter den US-Sängern

Einen einmaligen Vorstoß in die Hitparade erzielte er mit einem Song, der mit einem Irrtum verbunden ist. 1977 erschien auf einem seiner besten Alben, „Little Criminals“, und als Single ausgekoppelt der Hit mit dem Titel „Short People“. Der war arg umstritten, nicht nur in den Medien. Besonders die Organisationen Kleinwüchsiger sowie Behindertenverbände protestierten gegen das Lied. Ihnen war anfangs nicht bewusst, dass es eine künstlerische Methode ist, Unduldsamkeit zu verkünden, um genau das Gegenteilige heraufzubeschwören. Sein Credo war und ist es, an sich eine intelligente Kunstform, die Zuhörer mit den unpassendsten Situationen zu konfrontieren und sie so zu schockieren.

Wie erklärte einst Georg Kreisler die Entstehung seiner Chansons? „Man nehme ein an sich furchtbares Ereignis und übertreibe es maßlos, dass es seinen Schrecken verliert und grotesk wirkt. Und man nehme eine Musik, die überhaupt nicht dazu passt, und fertig ist das Chanson!“ Nun, in diesem Fall ist nicht die Rede vom großartigen Kabarett-Chanteur Kreisler, sondern von einem der wichtigsten Songwriter Amerikas, der neben Townes Van Zandt, Leonard Cohen, Steve Earle oder Bob Dylan als solcher bezeichnet werden darf: Randy Newman.

Er selbst sah sich einst als verrufener Faulenzer, dem es eigen ist, erst dann kurzfristig Entscheidungen zu fällen, wenn es ihm als wichtig erscheint, etwas Produktives zu schaffen. So vergehen oft Jahre, bis er ein neues Album auf den Markt wirkt, das dann allerdings hohen Ansprüchen genügen muss. Randy Newman ist der bissigste Satiriker unter den US-amerikanischen Sängern schlechthin. Es heißt, dass seine Gründlichkeit im Songschreiben unübertroffen ist, kein anderer seines Genres könne ihm in diesem Sinne das Wasser reichen.

Seine hoch motivierte Musikalität kommt nicht von ungefähr. Bereits seine Oheime komponierten sehr erfolgreich für die Filmbranche in Hollywood und sein Vater blies die Klarinette bei Benny Goodman, bevor Randy Newman am 28. November 1943 in New Orleans geboren wurde. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Los Angeles. Als früher Bewunderer und Verehrer der Musik Fats Dominos begann er bereits mit sechzehn Jahren, eigene Songs zu kreieren, die alsbald das Interesse gestandener Größen wie Alan Price oder Judy Collins fanden, die sie in ihr Repertoire aufnahmen. Newmans erste Platte „Randy Newman“ erschien 1968 und wirkte bedauerlicherweise viel zu üppig. Die zu dichten orchestralen Arrangements begruben regelrecht die noch relativ spröde Stimme des noch jungen Protagonisten. Weniger wäre mehr gewesen. Die Songs selbst erwiesen sich allerdings als ideenreich und überzeugten mit gehöriger Qualität, textlich wie kompositorisch.

Bei seiner Mitwirkung im Film „Performance“, den Jack Nitzsche 1970 produzierte, brillierte er neben Mick Jagger, Keith Richards, Merry Clayton, Buffy Sainte-Mary und Ry Cooder mit dem Song „Gone Dead Train“. Es ist anzunehmen, dass Newman während dieser Produktion den famosen Gitarristen Ry Cooder für die Mitwirkung an seinem zweiten Album „12 Songs“ gewinnen konnte. Die Platte erschien noch im selben Jahr und Cooders Gitarrenspiel gab dem Gesamtsound dieser Produktion einen gehörigen Drive.

Auch die folgenden Platten waren auch dank Cooders Mitwirkung von hoher Qualität. Diesmal überwog Newmans Vorliebe für den Blues, was der etwas spröden Eigentümlichkeit seines Gesangs entgegenkam. Inhaltlich wurden seine Texte zusehends bissiger, er entwickelte den Drang zu Zynismus, Sarkasmus und scharfzüngiger Ironie, die Einzug in seine Texte hielten. Die Songs, die er meist im beinahe faunischem Jargon eines Erzählers vortrug (man könnte meinen, er habe den Weg für Rap und HipHop freigemacht), würzte er neuerdings mit musikalischen Einflüssen des Ragtime, die er wiederum mit vom Blues durchwobenen, balladenhaften Elementen geschickt verschmolz.

Nicht von ungefähr beeinflusste er als herausragender Klavierspieler später sehr viele andere Pianisten, sich der Spielweise des Ragtime zu bedienen. Diese afroamerikanisch geprägte Musizierweise, die etwa 1860 im mittleren Westen der USA ihren Ursprung fand, erschien ihm als rhythmisches und musikalisches Fundament geradezu genial. Der Song „Mana Told Me Not To Come“ von der besagten Platte „12 Songs“ kletterte im gleichen Jahr auf Platz 1 der Charts.

Randy Newman lebte und wirkte zu diesem Zeitpunkt in Südkalifornien. Ihm wurde schon bald als „King des Vorstandblues“ gehuldigt, weil er die Probleme der Armen und Verlierer des „Amerikanischen Traums“ gnadenlos offenlegte. Im Song „My Old Kentucky Home“ beschreibt er das traurige Schicksal einer Großfamilie, die durch einen gesellschaftswidrigen Sturz in den Alkoholismus verfiel und so in eine aussichtslose Situation geriet, was letztendlich in einem katastrophalen Finale endet. Die folgende Scheibe „Sail Away“ aus dem Jahr 1972 wurde in Fachkreisen hoch gelobt. Auch hier bewies er Haltung. So schildert er in einem Song, wie ein Sklavenhändler verarmte Afrikaner überlistete und sie überredete, mit einem als Passagierschiff getarnten „Seelenverkäufer“ ins gelobte Amerika zu reisen.

Auch die folgende LP „Good Old Boys“ von 1974 beinhaltet deutlich sozial- und gesellschaftskritische Themen wie Rassismus, der bis heute nicht nur in den Südstaaten der USA vorhanden ist. Einige Titel, wie „Louisiana 1927“, in dem Newman die Misere der dortigen inhumanen katastrophalen Zustände schildert, stimmen sehr nachdenklich. Im folgenden Song beginnt er wieder lakonisch über Amerika zu lästern: „Why weep of slumber America / Land of brave and true / With castles and clothing and food for all / All belongs to you“. So rotzt er gelassen seine Verse dahin, die einen auch ohne Kenntnis der englischen Sprache ahnen lassen, worum es geht.

1977 kam dann das eingangs erwähnte Album „Little Criminals“ mit dem missverstandenen „Short People“ auf den Markt. Newman avancierte zu diesem Zeitpunkt bereits zum festen Bestandteil der Rockmusik an der Westküste Amerikas, obwohl ihm das gar nicht so recht gefiel. Er legte vielmehr Wert darauf, ernst zu nehmende Songs zu kreieren. Dabei liebte er die Arbeit mit großen Orchesterarrangements, die er selbst mit aufwendig gestalteten Partituren entwarf und teilweise auch dirigierte, doch zog er es vor, wenn er live unterwegs war, auf Sparflamme zu agieren und sich selbst am Klavier zu begleiten. Auf „Little Criminals“ schmettert er mit lässig-rotzigem Gestus in der Stimme und umwoben von einsamen Bläsern und sanften Streichern den Song „Birmingham“, in dem er die im Bundesstaat Alabama gelegene Metropole für verrückt erklärt, und irgendwie lassen aus der Ferne Kurt Weill oder Tom Waits grüßen.

Bedauerlicherweise hinterließen die auf den in den achtziger Jahren produzierten Platten auftauchenden Synthesizer-Songs nicht unbedingt textdienliche Resonanz, und doch tauchte auch auf diesen Alben besänftigende Nachdenklichkeit auf, die all dem Mainstreamschmäh trotzte. Immer wieder überragten sein impulsiv eigenwilliger Sprechgesang und seine ironische Art der Interpretation die peinlichen Neuerscheinungen seiner Zeit.

Anfang der Neunziger hat sich Newman hauptsächlich mit Musikproduktionen für Film und Fernsehen beschäftigt, bis er 1995 die LP herausbrachte, die als Rockoper „Goethes Faust“ gemeinsam mit Don Henley, Elton John und James Tayler erarbeitet wurde. 2000 erschien sein relativ privates Album „Bad Love“, das autobiografische Züge trägt, mit bittersüßen Lovesongs in sehr jazzigen Arrangements. Auch hier kam Sozialkritik nicht zu kurz. Seine jüngsten Platten sind unumstritten puristischer Natur, bescheiden in der Machart, trotzdem radikal wie eh und je. Eines seiner Spätwerke, „Harps and Angels“, das ihn als altbewährtem Lachmeister aller dieszeitigen politischen und gesellschaftlichen Absurditäten auszeichnet, gilt derweil als sein Meisterwerk. Möge Mr. Newman uns noch lange erhalten bleiben!