Eine Bewegung ohne Parteibuch

Prof. Dr. Kurt Schneider über die Gruppe „Roter Stoßtrupp“

Obwohl der linkssozialistische „Roter Stoßtrupp“ einer der ersten illegalen und zahlenmäßig stärksten deutschen Widerstandsgruppen war, war bislang über ihn wenig bekannt. Umso mehr verdient die von Dennis Egginger-Gonzales verfasste verdienstvolle Monografie die ihr zukommende Aufmerksamkeit.

Die Publikation, die auf der vom Autor 2016 an der FU-Berlin verteidigten Dissertation basiert, setzt sich erstmalig explizit mit dem Roten Stoßtrupp auseinander, benennt hunderte ihrer Mitglieder, Unterstützerinnen und Unterstützer, beschreibt und analysiert ihre langjährige und umfassende Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus. Erstmals werden zahlreiche Ausgaben ihres gleichnamigen Organs „Roter Stoßtrupp“ sowie weitere schriftliche Zeugnisse der Widerstandsgruppe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ermöglicht wurde das immense Forschungsvorhaben durch ein Promotionsstipendium des Studienwerkers der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Veröffentlichung erfolgte mit Unterstützung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die die Publikation als Band 11 in ihre Schriftenreihe „Analysen und Darstellungen“ aufnahm.

Gründer des zeitweilig bis zu fünfhundert Personen umfassenden Roten Stoßtrupps war Rudolf Küstermeier, der unter anderem an der Deutschen Hochschule für Politik lehrte, wo er zuvor studiert hatte. Der unmittelbare Anlass für die Gründung war die Absetzung der sozialdemokratischen Regierung Preußens am 20. Juli 1932. Unter ihrem Eindruck entwickelte sich der Stoßtrupp zu einem Sammelbecken überwiegend linkssozialistischer Gegner des Nationalsozialismus, dessen Führung das Hauptaugenmerk auf die Herstellung und Vertrieb der gleichnamigen Zeitung des Roten Stoßtrupps legte, die Ende 1933 schätzungsweise 7.500 Leser erreichte. „Die Kooperationsbestrebungen des ,Roten Stabs‘, der Führungsgruppe der Widerstandsorganisation“, schreibt der Autor, „verliefen ohne ideologische Scheuklappen und zielten auf einen Zusammenschluss verschiedener Widerstandsnetzwerke. Durch die Sammlung linker Kräfte sollte eine Revolution den Nationalsozialsozialismus durch eine Diktatur des Proletariats ersetzen. In dieser neuen Bewegung war für die alten Anführer der KPD, der SPD sowie der Freien Gewerkschaften kein Einfluss mehr vorgesehen.“

Umfassend wird darüber in zwei Kapiteln die Formierung und Entwicklung der Gründergruppe in Berlin 1932 und 1933 sowie der Aufbau der Organisation außerhalb von Berlin behandelt. Unter der Fragestellung „Was tun?“ hieß es in der Erstausgabe des Roten Stoßtrupps vom 9. April 1933: „Im Feuer dieser Zeit wird eine neue Bewegung geschmiedet. Eine Bewegung ohne Parteibuch, ohne Vereinsabzeichen …Wir sind keinem Parteidogma mehr verpflichtet, wir kennen nur noch eine Sturmfahne: ,Die rote Fahne des Sozialismus!‘ Wir kennen nur noch ein Ziel: ,Die proletarische Revolution!‘“ Im August 1933 nahm die linkssozialistische Widerstandsgruppe offiziell Kontakt mit der SoPaDe, wie sich die SPD im Exil nannte, in Prag auf. Berichte über ihre Aktivitäten im Sommer 1933 beziehen sich vor allem auf Bielefeld, Breslau, Essen, Frankfurt/Main, Hamburg, Kassel, Kiel, Magdeburg und Pirmasens.

Insgesamt widerspiegelt die Monografie die differenziert zu beurteilende Situation in der SPD. Denn alles in allem: „Der Rote Stoßtrupp war Fleisch vom Fleisch der deutschen Sozialdemokratie, da er sich zu erheblichen Teilen aus der SPD, der SAJ, dem Reichsbanner und den Freien Gewerkschaften speiste.“ Und ebenso gilt, wie aufgezeigt wird, dass trotz der Differenzen es ab 1934 vor allem durch Robert Keller ernste Bemühungen gab, einen Schulterschluss mit der KPD herzustellen.

Ende 1933 zerschlug die Gestapo große Teile der Widerstandsgruppe, insbesondere der Gründergruppe, und nahm den überwiegenden Teil ihrer Berliner Funktionäre in Haft, insgesamt im Deutschen Reich bis zu 200 Personen. Einigen von ihnen gelang rechtzeitig die Flucht ins Ausland, wo es zu Kontakten mit der Auslandsvertretung der Gruppe „Neu Beginnen“ und dem „Arbeitskreis Revolutionärer Sozialisten“ kam. Gemeinsam mit ihnen versuchen sie ein gegen die SoPaDe-Mehrheit gerichtetes Kartell deutscher Sozialdemokraten zu bilden.

Am 27. August 1934 wurden sieben Akteure des Roten Stabs von dem am 24. April 1934 gegründeten „Volksgerichtshof“ zu hohen Gefängnis- bzw. Zuchthausstrafen verurteilt: Rudolf Küstermeier zu zehn Jahren, Karl Zinn und Willi Strinz zu je sieben Jahren und Willi Schwarz zu drei Jahren Zuchthausstrafe; Karl König zu drei Jahren, Erwin Muths zu zwei Jahren, Heinrich Spliedt zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnisstrafe.

Ausführlich schildert der Autor das Wirken des Roten Stoßtrupps in der Emigration, seine Neukonstituierung in Berlin ab 1934 und seine weitere ideologische Ausrichtung. Die Nachfolgeorganisation konnte die illegale Arbeit noch über ein Jahrzehnt fortführen.

Die 794 Seiten umfangreiche Monografie enthält reichlich 400 Seiten Anlagen und Anhänge, darunter 155 Seiten Faksimiles des „Roten Stoßtrupps“ und weitere Veröffentlichungen der Widerstandsgruppe aus den Jahren 1933-1936. Über 200 Kurzbiografien, eine Übersicht der Aktionsorte des Stoßtrupps sowie ein Verzeichnis über benutzte Literatur, Archivalien, Webseiten, Zeitschriften und Zeitungen helfen, inhaltliche Wertungen zu belegen. Insgesamt bereichert die Monografie substantiell die bisherigen Kenntnisse über den Widerstand im faschistischen Deutschland.

Dennis Egginger-Gonzales: Der Rote Stoßtrupp. Eine frühe linkssozialistische Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Lucas Verlag, Berlin 2018, 794 Seiten, 34,90 Euro. ISBN 978-3-86732-274-4