Schwach

Ralf Richter über die Rassismus-Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum

Rassismus – die Erfindung von Menschenrassen. Unter diesem Titel ist bis Anfang Januar 2019 eine Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum zu sehen. In vier Abteilungen werden im Wesentlichen folgende Fragen behandelt: Wie unterschiedlich sind wir? Wo sehen wir „Rassen“? Wer sind wir bzw. die anderen? Und letztlich: Wie wollen wir zusammen leben?

Man kann nur hoffen, dass die Lehrer der vielen Schulklassen, die durch die Ausstellung geschleust werden, sowohl vorher als auch nachher das hervorragende Online-Angebot zur Ausstellung nutzen. Dieses ist so gut, dass es einen Ausstellungsbesuch vollauf ersetzen kann. Unter www.dhmd.de/ausstellungen/rassismus findet man nicht nur eine Reihe ausgezeichneter Beiträge von Deutschlandfunk Kultur zum Thema, sondern es sind auch einige Videos (warum nicht gleich alle?), die man in der Ausstellung präsentiert, zu sehen.

Rassen sind eine Erfindung – das ist der Kernsatz, den die Schüler nach dem Ausstellungsbesuch mitnehmen sollen. Dabei wäre es weitaus wichtiger, dass sie erfahren, wem tatsächlich die Rassenideologie nutzt und wer sie verbreitet hat. An diesem Punkt tun sich unzählige Schwächen der Ausstellung auf. Mit Texten wird gespart. Dafür sieht man jede Menge Videos. Audios statt Videos wären oft vollkommen ausreichend gewesen. Zweifellos richtig und erwähnenswert ist, wie es im Eingangsbereich geschieht, dass Wissenschaftler Rassen und Gattungen erfunden haben. Das beginnt bekanntlich bei Pflanzen und Tieren. Wenn es aber um Menschen geht, kann man nicht umhin, das Thema christliche Religion und Kolonialismus zu thematisieren – und das beginnt mit den Seefahrten der Portugiesen entlang der afrikanischen Küste und der Spanier nach Amerika. Hier gelang es den „christlichen Seefahrern“ auch ohne Wissenschaftler, einfach mit der Begründung durch die Geistlichen, dass einzig die christliche Religion die „richtige“ sei, Kulturen und Völkerschaften auszulöschen – etwa im Inka- und Aztekenreich. Zeitgleich aber kolonisierte der Deutsche Orden von Königsberg aus das Baltikum und lud jeden Herbst die Ritterschaft Europas ein zu „Litauerfahrten“ – wenn man diese verstockten Heiden schon nicht bekehren konnte, so wollte man sie wenigstens ein wenig massakrieren und ausplündern. Das ging immerhin über 200 Jahre so. Ebenso unerwähnt bleibt die ideologische Begründung für die Kreuzzüge. In einer Stadt, in der PEGIDA spaziert, wäre es schon nicht uninteressant zu erfahren, woher der Abendlandgedanke kommt.

Rassismus soll im Wesentlichen im Nationalsozialismus assoziiert werden, suggeriert die Ausstellung. Das aber ist grundfalsch! Jeder, der mal durch den Apartheidstaat Südafrika gereist ist, lernt – wenn er sich mit den Menschen unterhält, die als Weiße Schwarze ermordeten im Angolakrieg oder in den Townships –, dass sie sich ihren Rassismus mit der Bibel begründen. Genauso wie die Sklavenhalterfamilien in South Carolina! Doch darüber gibt es kein Wort in der Ausstellung. Die Kernländer des Rassismus, USA, Brasilien und Südafrika, finden nicht einmal Erwähnung. Man denke nur einmal an das Jahr 1994, als mit Nelson Mandela ein Schwarzer Staatschef Südafrikas wurde. War damit über Nacht etwa der Rassismus verschwunden? Wie soll man sonst den Rassismus eines Donald Trump verstehen?

Unsere tägliche Portion Russophobie, die wir selbst durch die öffentlichen Medien verabreicht bekommen, speist sich aus dem gleichen Kolonialdenken. Es geht unter in der Ausstellung, dass der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, der ein verbrecherischer Krieg ohne Beispiel war, propagandistisch durch die Ideologie vom slawisch-bolschewistischen „Untermenschen“ vorbereitet wurde. Nicht erwähnt wird, dass im Zeithainer „Russenlager“ – kaum 50 Kilometer von Dresden entfernt – kurze Zeit nach Einrichtung des Lagers 1942 Joseph Goebbels anreiste, um sich „slawisch-bolschewistische Untermenschen“ vorführen zu lassen. Auch davon gibt es Aufnahmen, Filmdokumente sogar! Der Chefpropagandist des Dritten Reiches beklagte sich hinterher, dass die Kriegsgefangenen „so menschlich“ ausgesehen hätten. Man habe ihm wohl mehr Weißrussen und Ukrainer vorgeführt und nicht die „richtigen russischen Untermenschen“. Mit der Untermenschenideologie rechtfertigte man nicht nur den Massenmord im Osten, sondern auch den Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen in Sachsen in eben jenem Lager in Zeithain.

Und wie treten aktuell „unsere Truppen“ in Afghanistan und Mali auf? Es wäre schön, wenn die Ausstellungsmacher einmal bei den Afghanen oder Maliern vor Ort nachgefragt hätten, als was sie die Deutschen und Franzosen empfinden.

Zwar gibt die Ausstellung vor, die Rolle des Hygienemuseums zu untersuchen, bleibt dann aber stumm, wenn es um wichtige Namen geht. Verschwiegen wird so auch, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln von den Dresdner Rassehygienikern aus dem Deutschen Hygienemuseum mitgegründet wurde.

Zu wünschen ist der Ausstellung, dass es streitbare Diskussionen bei den Veranstaltungen gibt. Wie steht es in Meyers Lexikon von 1977? „Rassenfragen sind jedoch sozial determiniert, also letztendlich Klassenfragen.“ Was Klassenfragen sind, müsste man den Schulklassen allerdings erst noch erklären … Es wäre durchaus sinnvoll, wenn die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Sachsen/Dresden in einer Art Begleitprogramm Veranstaltungen anbieten würde, um die Hintergründe und Akteure der Rassenideologie zu verdeutlichen. Dabei sollte auch auf den unterschiedlichen Umgang mit Rassistenregimen wie Südafrika und Südrhodesien und die Befreiungsbewegungen in Asien, Lateinamerika und Afrika durch die offizielle Politik beider deutscher Staaten eingegangen werden.

Die Ausstellung ist wöchentlich von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr zu sehen.