Sag, wolltest Du nicht noch …

Von Michael Grunst

Es war ein trauriger Juni, Sommeranfang 1998: Überall die Meldung, dass der Liedermacher Gerhard Gundermann tot ist. Gundi ist tot? Warum gerade er, ging es mir durch den Kopf. Warum schon wieder ein Guter? Hatten wir nicht im August 1998 noch eine Konzertverabredung auf der Freilichtbühne Weißensee? Zur Verabredung kamen dann viele, um Abschied zu nehmen. Nicht nur die Familie und die Musiker – die gesamte Seilschaft war da.

„Einmal bleiben morgens meine Schuhe leer,
einmal hilft mir auch Dein Fliedertee nicht mehr.
Einmal fall ich in den schwarzen Trichter rein,
einmal lass ich dich allein.“ (Einmal, Gundermann)

Zwei Jahre zuvor war SILLY-Frontfrau Tamara Danz gestorben. Gundi hatte sie als Texter und Musiker seit der „Februar“-LP begleitet. Zusammen sangen sie „Einmal“. Alleingelassen war im ersten Augenblick mein Gefühl. SILLY-Gitarrist Uwe Hassbecker meinte: „Wenn das so weitergeht, wird das hier zur Jahrtausendwende besenrein übergeben. Mensch Gundi, wir hatten doch noch so viel vor“.

Wie Tamara war Gundi immer da: Mit seinen Liedern, seinen Texten half er über manch bittere Stunde in der DDR. Begleitete SILLY als Texter, thematisierte früh die Konflikte in der DDR und setze sich mit Gewinnern und Verlierern der Wiedervereinigung auseinander. Er mochte es nicht, als singender Baggerfahrer bezeichnet zu werden. Gundi war rastlos, ruhelos, glaubwürdig, authentisch – seine Erlebnisse reichten für mehr als ein Leben…

„Und ich habe keine Zeit mehr
Ich stell mich nicht mehr an
In den langen Warteschlangen
Wo man sich verkaufen kann
Und ich habe keine Zeit mehr
Ich nehm den Handschuh auf
Ich laufe um mein Leben und gegen
Den Lebenslauf“ (Keine Zeit mehr, Gundermann)

In Hoyerswerda geboren, brachte er sich mit 15 selbst das Gitarrespielen bei, wollte Polit-Offizier werden, flog von der Offiziershochschule. Zurück in der Heimat wurde er Hilfsarbeiter im Tagebau, machte im Rekordtempo seinen Facharbeiter, dazwischen war er „IM“ bei der Stasi. Im nächsten Augenblick Rausschmiss aus der SED. Er gründete die Brigade „Feuerstein“ und 1990 die „Seilschaft“. Die Zerrissenheit seiner Biografie, geht weit über die vieler DDR-Biografien hinaus. Gundi war verwurzelt in der Braunkohle, wie die Berliner Zeitung 2017 bei der Ankündigung Kinofilms über ihn von Regisseur Andreas Dresen schrieb. Umweltzerstörung und ihre Folgen waren zum Missfallen der DDR-Politbürokratie sein Thema.

„Wir ham den Amazonaswald zersägt
zur Strafe hast du Afrika das Wasser abgedreht
ach Mama, das ist doch die falsche Adresse
das Abendland braucht auf die Fresse“ (Halte durch, Gundermann)

Als die Tage der DDR-Politbürokratie gezählt waren, stand Gundi als Künstler für einen Aufbruch, den Stefan Heym mit dem Wort von den „aufgestoßenen Fenstern“ beschrieb. Er schrieb und sang gegen schreiendes Unrecht und Umweltzerstörung. Manche empfanden seine Lieder als tieftraurig. Aber er sang sein, mein, vieler Lebensgefühl. Keiner konnte das wie Gundi. Jeannette Otto schrieb in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Obwohl wir frei waren und jung und das neue Land uns nicht ängstlich, sondern neugierig und mutig gemacht hatte und wir ohne Zögern um die Welt reisten. Gundermann brauchten wir in den Pausen. Wenn alles zu viel wurde. Wenn er sang, spürten wir, dass auch wir etwas verloren hatten, einen Schmerz in uns trugen, den wir nicht zeigen wollten.“ Da war aber noch was. Aufgerüttelt hat er, Leute bewegt. Manchmal auch zum Weinen gebracht.

„Wenn die Eisenvögel wieder Kinder schlagen,
bitt ich Gott es mögen diesmal deine sein,
also musst du nun die Eisenvögel jagen
und vom Himmel holen oder bleibst allein.“ (So wird es Tag, Gundermann)

Jeder verbindet ganz persönliche Geschichten und gelebtes Leben mit Gundi. Ich auch. Er war und ist mit seinen Liedern Teil davon. Teil auch einer Generation, mit unterschiedlichen Lebensbrüchen. Viele können noch heute seine Lieder mitsingen. Manchmal braucht man sie auch. Sie begleiten mich bei Reisen durch das Land, in schwierigen Situationen, bei Begegnungen mit Freunden. Das eigene Leben leben und niemals etwas einfach so hinnehmen. Dazu hat Gundi mich immer ermutigt.

„So wird es Tag, und nicht anders –
so wird es ein Leben.
Wenn wir nicht wie tote Fliegen kleben
an dem süßen Leim zu dem man Schicksal sagt.“ (So wird es Tag, Gundermann)

Nun bin ich gespannt auf das Buch und den Film von Andreas Dresen. Er bringt seine Sicht auf Gundis Geschichte ab dem 23. August auf die Leinwände. Mit Axel Prahl, Thorsten Merten, Bjarne Mädel, Milan Peschel und Kathrin Angerer sind die Rollen hochklassig besetzt. Ich freue mich drauf.