„Marx bleibt für mich aktuell“

Wulf Skaun sprach mit dem Marx-Forscher Manfred Neuhaus über das Marx-Jubiläum

Professor Dr. sc. phil. Manfred Neuhaus (71) war als Historiker viele Jahre an der Karl-Marx-Universität Leipzig in Lehre und Forschung tätig. Er hat sich dort und nach dem Epochenbruch an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften als Arbeitsstellenleiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) einen Namen gemacht. Das 200. Geburtsjubiläum des großen Denkers und Revolutionärs sah ihn auf den Podien politischer und wissenschaftlicher Gedenkveranstaltungen. Für die „Links!“ hat Wulf Skaun mit Manfred Neuhaus gesprochen, der als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen auch weiterhin „bei Marx“ ist.

Wie stehen Sie zu der Auffassung, dass sich Marx’ Überlegungen zwar nicht alle bewahrheitet haben, seine Methodologie und Methodik des Denkens und sein begriffliches Instrumentarium aber keineswegs „überholt“ sind?

Marx bleibt für mich aktuell, weil seine Texte jenseits der Deutungskämpfe des 20. Jahrhunderts immer noch direkt, das heißt ohne Vermittlung, zu uns zu sprechen. Für die brisanten Fragen nach den Ursachen sozialer Ungleichheit, ökonomischer und politischer Krisen sollte dies außer Zweifel stehen. Es gilt gleichermaßen für die erstaunlichen thematischen Facetten eines Werkes, das die disziplinären Grenzen von Philosophie, geschichtlicher Analyse und ökonomischer Theorie immer wieder überschreitet. Marx schrieb auch über Anthropologie, Soziologie und Politik in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Um kausale Zusammenhänge in komplexen, hochgradig differenzierten Gesellschaften zu ergründen, liefert seine ganzheitliche Forschungsperspektive auch heute erhellende Einsichten.

Zum Beispiel zum Kapitalismus.

Bekanntlich beschreibt Marx die kapitalistische Produktionsweise als eine sich stets selbst umwälzende Ordnung. Im Fokus seiner Interpretation steht die Dynamik, ihre Kategorien sind deshalb erstaunlich alterungsresistent. Da Marx im „Kapital“ hinter die Kulissen schaut, die Kausalitäten der äußeren Erscheinungen ergründet, liefert sein Werk noch heute Ausgangspunkte für die Analyse von sozialer Ungleichheit. Oliver Nachtwey und Florian Buttolo, übrigens Laureat des Wissenschaftspreises der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, haben das in einer bemerkenswerten Anthologie mit dem Titel „Karl Marx. Kritik des Kapitalismus“ (Berlin: Suhrkamp, 666 S.) pointiert. Zu den Haupttatsachen des Gegenwartskapitalismus gehört die protzende Omnipotenz der internationalen Finanzmärkte. Mit Marx’ Begriff des „fiktiven Kapitals“ gewappnet, lässt sich vielleicht besser begreifen, wie der allgegenwärtige Handel mit fiktiven Geldtiteln, kapitalisierten Gewinn- und Verlusterwartungen funktioniert.

Das Marx-Jubiläum hat viele Regalmeter Literatur gezeugt, die sich mit dem Marxschen Werk-Erbe auseinandersetzen, darunter auch biografische Bücher und Filme, die manche unbekannte Facette des großen Welterklärers freilegen. Haben Sie persönliche Favoriten unter den Neuerscheinungen? Und welche würden Sie jungen Leuten empfehlen, die sich an Marx „heranarbeiten“ möchten?

Aus der Fülle der Jubiläumsliteratur ragen drei biographische Darstellungen heraus: Jürgen Neffes „Marx. Der Unvollendete“ (München: C. Bertelsmann, 655 S.), die aus dem Englischen übertragene Lebensbeschreibung von Gareth Stedman Jones „Karl Marx. Die Biographie“ (Frankfurt am Main: S. Fischer, 890 S.) und der erste Band von Michael Heinrichs „Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft“ (Stuttgart: Schmetterling, 432 S.). Sehr zu empfehlen sind zwei weitere Werke, nämlich Thomas Steinfelds brillante Essays „Herr der Gespenster. Die Gedanken des Karl Marx“ (München: Carl Hanser 286 S.) und Wolfgang Schieders „Karl Marx. Politik in eigener Sache“ (Darmstadt: Theisss, 239 S.). Steinfeld geht es um die grundlegenden Motive und Topoi in Marx’ Werk. Er präsentiert einen Denker, der selbst dort, wo er offensichtlich irrt, klüger ist als viele seiner Kritiker. Während dessen lüftet Schieder in einer nicht nur für Politiker der Linken höchst aufschlussreichen Studie als Erfolgsgeheimnis des bärtigen Welterklärers dessen überragende Fähigkeiten zu politischer Vermittlung. Marx sei in dem anfangs äußerst heterogen zusammengesetzten Führungsgremium der Internationale der Einzige gewesen, „der Erklärungen zu den verschiedensten politischen Tagesfragen so zu formulieren vermochte, dass sie von allen Mitgliedern unterschrieben werden konnten“ (S. 85). Firm in der hohen Kunst, Kompromisse zu schließen, gelang es Marx in jenen Jahren, zwischen verschiedenen Interessen, Konzepten, Stimmungslagen und Strömungen der proletarischen Emanzipationsbewegung als Primus inter Pares zu vermitteln. Solange er gemäß seiner Devise „fortiter in re, suaviter in modo“ (stark in der der Sache, mäßig in der Form) als Primus inter Pares und ohne eigenen Machtanspruch agierte, gelang es, sehr unterschiedliche, darunter auch gegensätzliche sozialistische Strömungen unter dem politischem Dachverband der Internationalen Arbeiterassoziation zu vereinigen. Nicht nur jüngeren Lesern würde ich das „Porträt einer intellektuellen Freundschaft“ meines MEGA-Kollegen Jürgen Herres (Stuttgart: Reclam, 314 S.), die kompakten Handreichungen von Iring Fetscher (Berlin: Suhrkamp, 159 S.), Wilfried Nippel (München: C. H. Beck, 127 S.), Christian Schmidt (Hamburg: Junius, 264 S.) und Dietmar Daths grandios-wütigen Reclam-Essay „Karl Marx. 100 Seiten“ ans Herz legen. Wollten wir eine Zwischenbilanz der Jubiläumsliteratur wagen, dann sollten wir den Lorbeer Michael Heinrich zuerkennen, der mit dem Startband seiner dreibändigen Biografie den ganz großen Wurf wagt und, da folge ich gerne Tom Strohschneider, einen neuen Standard kreieren könnte.

Sie selbst haben nicht wenige Vorträge vor unterschiedlichem Publikum gehalten. Was war für Sie bisher die interessanteste Veranstaltung zum 200. Geburtstag von Karl Marx?

Erstaunlicherweise eine Debatte, bei der ich mit früheren MEGA-Kollegen, aber auch Hans Modrow und den Geschäftsführen des Dietz Verlages, als Zuhörer im Publikum saß. Am 3. Mai hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einem Podiumsgespräch anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx ins Schloss Bellevue eingeladen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein deutsches Staatsoberhaupt Marx jemals so eindringlich und emphatisch gewürdigt hätte. Anschließend diskutierte der bereits erwähnte Journalist, Darwin-, Einstein- und nunmehr auch Marx-Biograf Jürgen Neffe mit der Ökonomin Karen Horn, dem Schriftsteller Ingo Schulze und dem Physiker und TV-Moderator Ranga Yogeshwar, während der Schauspieler Marcus Off – auch als die „deutsche Stimme“ von Johnny Depp im „Fluch der Karibik“ bekannt – virtuos Textpassagen aus der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, „Der deutschen Ideologie“, „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ und dem Briefwechsel von Marx und Engels vortrug.

Wer, wie Sie, viele Jahre seines wissenschaftlichen Lebens der Erforschung und Verbreitung des Werkes von Karl Marx gewidmet hat, beobachtet an sich zwangsläufig auch eine geistige Bewegung im Umgang mit Person und Werk. Wie würden Sie diese beschreiben?

Vielleicht verstehe ich heute besser, was Willy Brandt bereits 1977 zu bedenken gab: „Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit, war Motiv seines Handelns.“ Allerdings sollte auch im Jubiläumsjahr gelten, was der junge Lessing bereits 1757 angemahnt hatte: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? ? Nein. Wir wollen weniger erhoben, und fleißiger gelesen sein!“

„Karl Marx war, in all seiner Widersprüchlichkeit, jedenfalls das: ein großer deutscher Denker. Denker war er vor und über all den anderen Aspekten seines vielgestaltigen Lebens: Ökonom, Historiker, Soziologe und Philosoph; Journalist und Chefredakteur; Politiker, Arbeiterführer und Pädagoge; Flüchtling und politisch Verfolgter; Kommentator und Briefeschreiber, heute würde man wohl sagen ,Netzwerker?; Teil eines einzigartigen Kreativ-Duos mit Freund Engels; und natürlich Familienvater und Jenny Marxens Ehemann.“
Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident